Fearless

Regisseur Ronny Yu erzählt die Geschichte des chinesischen Volkshelden Huo Yuan Jia. Über weite Strecken ist Jet Lis neues Werk mehr moralischer Entwicklungsroman als Prügelfilm.

Fearless

Jet Li war mehrmals Weltmeister in der Kampfsportart Wu Shu und drehte seine ersten Filme in den frühen Achtziger Jahren in seiner Heimat China. Zum Star wurde er ein Jahrzehnt später in Hongkong durch seine Rolle als chinesischer Nationalheld Wong Fei Hung (1847-1924) in Tsui Harks Die schwarzen Tiger von Hongkong (Wong Fei Hung, 1991) und dessen zahlreichen Nachfolgewerken. Mit der charakteristischen Frisur der Quing-Dynastie geschmückt – der vordere Teil des Kopfes glatt rasiert, die restlichen Haare zum Zopf gebunden – eilte Li von einem extravaganten Kampf zum nächsten und wies böswillige Ausländer genauso in die Schranken wie konkurrierende chinesische Kampfkünstler. Nachdem der Actionstar in den letzten Jahren dem Beispiel seines großen Kontrahenten Jackie Chan folgend sein Glück in Hollywood versuchte (Romeo must Die, 2000; Born to Die, Cradle 2 the Crave, 2003) kehrt der inzwischen 43jährige wieder an die Stätte seiner größten Erfolge zurück – mitsamt der alten Haarpracht.

Diesmal verkörpert Li mit Huo Yuan Jia (1867-1910) einen weiteren chinesischen Nationalhelden und Zeitgenossen Wong Fei Hungs. In der historisch nicht allzu akkuraten Filmbiografie Fearless (Huo Yuan Jia) wächst Huo Yuan Jia in einer Provinzstadt auf, begeistert sich bereits in seiner Kindheit für Kung Fu und entwickelt sich bald zu einem der besten Kämpfer des Landes. Weit weniger allerdings fühlt er sich der ethischen Seite des Sports verpflichtet. Die Kampfkunst dient ihm nicht zur spirituellen oder körperlichen Ertüchtigung, sondern stellt einzig ein Mittel dar, um Ruhm und Geld zu erlangen. Erst als er nach einem Kampf feststellen muss, dass während seiner Abwesenheit Mitglieder seiner Familie umgebracht wurden, tritt eine Wendung in seinem Leben ein. Für mehrere Jahre zieht sich Huo Yuan Jia in ein kleines Dorf zurück, arbeitet als Bauer und lernt die chinesische Natur zu schätzen. Als er schließlich wieder in die Stadt zurückkehrt, ist alles anders.

Fearless

Fearless evoziert durch Setarchitektur, Kostüme und Haartracht von der ersten Minute an die großen Martial-Arts Epen der frühen Neunziger Jahre. In der Tat stellt der Film – nicht nur für Jet Li, sondern auch für Regisseur Ronny Yu – gleichzeitig eine Rückkehr zur alten Wirkstätte und zu alter Form dar. Auch Yu, einst verantwortlich für Genreklassiker wie Jiang Hu – Magie des Schwertes (Bai fa mo nu zhuan, 1993) versuchte während der Krise der Filmindustrie Hongkongs Ende der Neunziger Jahre sein Glück in Hollywood. Die Ergebnisse dieses Ausflugs waren ähnlich durchwachsen wie die meisten amerikanischen Arbeiten Lis, auch wenn zumindest Freddy vs. Jason (2003) eine interessante Abwandlung klassischer Slasher-Motive darstellte. Die Tatsache, dass Li und Yu nun zumindest vorübergehend wieder an die Stätte ihrer größten Erfolge zurückkehren, spricht dafür, dass die Filmlandschaft Hongkongs sich langsam aber sicher wieder zu erholen scheint.

Wer allerdings aufgrund des klassizistischen Settings einen ebensolchen Film erwartet, täuscht sich. Fearless unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den Streifen des Martial-Arts Revivals Anfang der Neunziger Jahre oder gar von deren Vorbildern, den in Serie produzierten Schwertkampfspektakeln der Shaw-Brothers Studios vergangener Jahrzehnte. Nicht nur die Darstellung der Kampfszenen, die aufgrund von exzessivem Zeitlupeneinsatz und extrem hoher Schnittfrequenz Kampfkunstpuristen nicht immer zufrieden stellen dürfte, kennzeichnet Yus Film als Produkt seiner Zeit. Auch inhaltlich beschreitet Fearless neue Wege. Zwar spielt auch in vielen klassischen Kung-Fu Werken die moralische Entwicklung des Helden eine wichtige Rolle, doch steht diese selten so deutlich im Mittelpunkt wie hier. Vor allem jedoch fehlt innerhalb des Plots die äußere Bedrohung, die klassische Triebfeder noch fast jedes Prügelfilms. Die Kämpfe werden nicht durch eine Horde böswilliger Schläger oder – wie in Die schwarzen Tiger von Hongkong – durch den europäischen Kolonialismus gerechtfertigt, sondern haben ihren eigentlichen Ursprung in Jet Lis Psyche. Sind die Auseinandersetzungen anfangs Ausdruck einer narzisstischen Persönlichkeit, wandeln sie sich im Laufe des Films bis zum äußerst emotionalen Ende zu einem Vehikel einer von persönlicher Eitelkeit befreiten Spiritualität, die mit konfuzianistischen Idealen von Gemeinschaft und Selbstlosigkeit in Einklang steht.

Fearless

Fearless ist nicht unbedingt der spektakulärste Versuch der letzten Jahre, das Genre zu erneuern, aber sicher einer der interessantesten. Yu ist ein ungewöhnlich erwachsenener Martial-Arts Film gelungen, der sich auch nicht scheut, das schon etwas fortgeschrittene Alter seines Protagonisten auszustellen. Jet Li hat angekündigt, nie wieder in einem Kung-Fu Streifen mitwirken zu wollen. Sollte er dies wahrmachen – was angesichts des ausgezeichneten körperlichen Zustands, in welchem er sich offensichtlich immer noch befindet, freilich aus Sicht seiner Fans zu bedauern wäre – so ist ihm ein würdiger Abschied von dem Genre, welches ihn zu einem Weltstar werden ließ, gelungen.

Kommentare


Martin

Bin sonst kein Fan von Martial-Arts-Filmen, aber dieser hat mir sehr gut gefallen!






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