Fateless – Roman eines Schicksallosen

Das Drehbuch zur Adaption seines Roman eines Schicksallosen schrieb Imre Kertész selbst. Regisseur Lajos Koltai setzte es mit einem kongenialen ästhetischen Konzept und einem herausragenden Hauptdarsteller um. Fateless wurde so zu einem der eindrücklichsten Filme über das Leben in den Konzentrationslagern.

Fateless – Roman eines Schicksallosen

Fateless ist kein Holocaust-Film. Er erzählt nicht von der Vernichtung der europäischen Juden, sondern davon, „wie ein Mensch, ein Junge, in eine mörderische Maschinerie gerät und von ihr zermalmt wird.“ Dies sagt der Autor selbst über seine Geschichte, die in einem doppelten Sinne seine Geschichte ist. Denn dieser Autor, der ungarische Jude Imre Kertész, wurde selbst als 15-jähriger nach Auschwitz deportiert, später nach Buchenwald gebracht und schließlich in einem Arbeitslager in Zeitz gefangengehalten. Als Überlebender schrieb er diese, seine Geschichte auf. Aber er formte sie zu einem Roman, schrieb sie als Schriftsteller, weil er nur so die Macht über jene Wirklichkeit gewinnen konnte: „Ich wollte aus meinem ewigen Objekt-Sein zum Subjekt werden, wollte selbst benennen, statt benannt zu werden.“

Kertész’ Roman eines Schicksallosen (ung. Sorstalanság, 1975, dt. 1996) erzählt, obgleich in der Rückschau, so doch linear, den Ereignissen nie vorgreifend, sondern immer mit diesen mitgehend. Es ist dieselbe Geschichte, die nun der Film erzählt. Budapest 1943. Der Vater des 14-jährigen György Köves (Marcell Nagy) wird zum Arbeitsdienst einberufen. Familie und Verwandte hoffen, dass alles nicht so schlimm wird. Trotz dieser Hoffnung wird dem Jungen bald der Besuch der Schule verwehrt; stattdessen muss er in einer Fabrik am Stadtrand arbeiten. Eines Tages werden dann nicht nur er, sondern alle Juden aus den Bussen herausgebeten, in einem langen Marsch durch die Stadt geführt und – nachdem sie ihre Wertgegenstände an einen ungarischen Polizisten abgegeben haben – mit einem Zug aus der Stadt gefahren, ohne dass ihnen auch nur angedeutet würde, wohin sie gebracht werden. Für diese, wenn man so will „Vorgeschichte“, lässt sich der Film viel Zeit. Regisseur Lajos Koltai, einer der berühmtesten europäischen Kameramänner, der mit Fateless sein Regiedebüt gibt, erzählt sie gemeinsam mit seinem Kameramann Gyula Pados in ruhigen, mitunter elegischen Cinemascope-Bildern. Indem die filmische Inszenierung hier den inzwischen üblich gewordenen Konventionen folgt, übermittelt sie die erzählte Geschichte in einer Unaufgeregtheit und Beiläufigkeit, der man als Zuschauer nicht recht folgen möchte. Denn das, was hier geschieht, gilt doch immer als das Unglaubliche, nicht Verstehbare, als „Vorhof zur Hölle“.

Fateless – Roman eines Schicksallosen

Das Erzählprinzip wird dann sogar im Hauptteil des Filmes beibehalten: die Ankunft des Budapester Zuges in Auschwitz, Györgys „Weiterfahrt“ nach Buchenwald und schließlich die mehrmonatige Gefangenschaft im Arbeitslager Zeitz. Koltai zeigt die Szenen in den Konzentrationslagern nicht in schwarz-weiß (wie das „Paradigma“ Schindler’s List, USA 1993), sondern in stark zurückgenommenen Farben und setzt auch nicht auf den Verfremdungseffekt einer wackeligen Video-Ästhetik, wie es zuletzt in den KZ-Szenen von Schlöndorffs Der neunte Tag (2004) zu sehen war. Damit gelingt Fateless zweierlei. Zunächst wird deutlich, dass das Konzentrationslager eben nicht außerhalb der Realität steht, nicht die „Hölle“ ist; es ist eine Wirklichkeit, oder, wie Kertész einmal schrieb, „eine generelle Möglichkeit des Menschen.“ Hierin findet sich übrigens auch eine ästhetische Übereinstimmung mit dem kürzlich gelaufenen Film Die Grauzone (The Grey Zone, USA 2001). Im Gegensatz zu diesem amerikanischen Film aber verweigert Fateless – und dies wäre sein zweites Verdienst – jede Form von Überwältigungsstrategie oder Schockeffekten. In Koltais und Kertész’ Film fällt nicht ein einziger Schuss und wir sehen nur wenige Täter, meist als Wachpersonal am Rande; ihre Psychologisierung, wie sie sich Die Grauzone mit SS-Mann Moll gestattete, wäre in Fateless völlig undenkbar.

Im Vergleich zur Romanvorlage hat Imre Kertész in seinem Drehbuch die Akzente durchaus verschoben, aber gerade damit gelingt es dem Film, den philosophischen Kern des Romans auch in der Adaption zu erhalten. György Köves begegnet dem Geschehen um ihn herum mit einer gewissen Naivität, die vor allem daraus resultiert, dass es sich langsam vollzieht, Stufe für Stufe – deshalb nannte Kertész sein Drehbuch auch Schritt für Schritt (es erschien bereits 2001). Im Roman wurde diese Sichtweise mittels einer komplizierten Erzählstruktur vermittelt, die, wie oben beschrieben, das Vergangene konsequent gegenwärtig erzählt und dabei sehr streng die Chronologie der Ereignisse einhält. Wenn der Film diesen „naiven Blick“ des Jungen auch nur teilweise abzubilden vermag – obgleich die Kamera sehr oft den Standpunkt des Jungen einnimmt –, ist in Fateless aber gerade der sukzessive Verlauf dieser ganz speziellen „Depersonalisation“ (Kertész) gelungen umgesetzt. Die Rolle des György Köves füllt der während der Dreharbeiten gerade 12-jährige Marcell Nagy noch zusätzlich mit einer unbeschreiblichen Präsenz. Er vermag bis in kleinste Nuancen den körperlichen und seelischen Verfall des Entrechteten und Geschundenen wiederzugeben.

Fateless – Roman eines Schicksallosen

Dies lobten auch die Filmkritiker auf der diesjährigen Berlinale, wo Fateless seine Premiere erlebte, obwohl der Film sonst eher zwiespältige und negative Kritiken erhielt. Besonders Ennio Morricones Filmmusik galt als unpassend. Vielleicht wurde hier aber verkannt, dass eine andere, atonale und zum Bild kontrapunktisch verlaufende Musik den Film nicht nur gestört, sondern ihn zerrissen hätte. Morricones Musik passt sich ganz dem Schritt-für-Schritt-Prinzip an und setzt als fast pathetischer Choral einen konträren Akzent zu den Bildern der KZ-Szenen. Nur so ergibt sich der filmische Ausdruck einer sehr ambivalenten Schönheit, eines Glückes, von dem der Roman eines Schicksallosen auch erzählt.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.