Fata Morgana
Für ein junges Paar wird ein Wüsten-Ausflug zu einer albtraumhaften Odyssee. Ein geheimnisvoller Fremder, der sich ihnen als Retter in der Not anbietet, verfolgt dabei ein auch für den Zuschauer undurchsichtiges Spiel – bis zum Schluss.

Die Wüste als lebensfeindlicher Ort, an dem sich Gedanken, Gefühle und Instinkte auf das Wesentliche reduzieren, bietet gerade für einen mysteriösen, leicht surrealen Film, der mit verschiedenen Wahrnehmungen und Arten von Realität spielt, die perfekte Kulisse. Wer sich in ihr verirrt, wer Gefahr läuft, über das Uniforme und Unendliche die Orientierung zu verlieren, für den hält die Natur einen besonders üblen Streich bereit. Plötzlich taucht am Horizont eine Wasserquelle, vielleicht ein Haus oder eine kleine Oase auf, die eine trügerische Hoffnung auf Rettung suggeriert.
Was als Fata Morgana oder Luftspiegelung bekannt ist, nutzte Regisseur Simon Groß als titelgebendes Motiv für seinen ersten Spielfilm. Darin entschließt sich ein junges Pärchen während einer Marokko-Reise zu einem Tagesausflug in die angrenzende Sahara. Es mietet einen Jeep und erkundet anfangs vollkommen überwältigt von der Schönheit und Weite der Wüste das für sie unbekannte Terrain. Eigentlich will Daniel (Matthias Schweighöfer) bereits die Rückfahrt antreten, als ihn ein Kommentar seiner Freundin Laura (Marie Zielcke) dazu verleitet, die gesicherte Piste zu verlassen. Ein fataler Entschluss. Schon kurze Zeit später wissen beide nicht mehr, wo sie sich befinden. Ohne Wasser und ganz auf sich alleine gestellt spüren sie, dass sie ihren Leichtsinn noch teuer bezahlen werden.

Wie ein Engel muss ihnen deshalb der Fremde (Jean-Hughes Anglade) erscheinen, der wie aus dem Nichts auftaucht und ihnen seine Hilfe anbietet. Er wisse, wie sie zurück auf die gesicherte Straße kämen. Mit diesem Versprechen lockt er das Paar immer tiefer in die Wüste hinein. Groß treibt einen Keil zwischen die Liebenden, der sich in ihrer unterschiedlichen Einstellung zu den Vorschlägen des vermeintlichen Helfers äußert. Während bei Daniel das Misstrauen gegenüber dem Fremden stetig wächst, fühlt sich seine Freundin von ihm auch in sexueller Hinsicht angezogen.
Groß transportiert das in der Wüste omnipräsente Gefühl der Einsamkeit und einer mitunter bedrohlichen Weite über zahlreiche Totalen, in denen der Jeep der Urlauber geradezu verloren als kleiner Punkt am Horizont erscheint. Der Mensch ist an diesem Ort ein Statist, nichts weiter. Die sparsam eingesetzte Musik mit ihren mystischen Klangkonstruktionen, die in der Lautstärke langsam ansteigen und wieder abklingen, verstärkt den Eindruck, dass sich über dem Paar langsam etwas Unheilvolles zusammenbraut. Matthias Schweighöfer mimt den zunehmenden Kontrollverlust seiner Filmfigur mit einer Mischung aus ungläubigem Staunen und latenter Aggressivität. Er ist die perfekte Besetzung für den Normalo, der ahnt, dass er einen schweren Fehler begangen hat.

Anglades Charakter steht dagegen in der Tradition des aus zahlreichen Thrillern und Horrorproduktionen bekannten geheimnisvollen Eindringlings. Wie Sean Bean in The Hitcher (2007) überrascht auch der Namenlose Daniel und Laura in einer für sie ungewohnten Umgebung. Getreu seiner Rollenanlage belässt es Anglade bei zweideutigen Gesten und Blicken, was beunruhigt und irritiert, weil es die wahre Motivation seiner Figur verschleiert und allerlei Spekulationen Tür und Tor öffnet. Insgesamt weiß man als Zuschauer lange Zeit nicht, welchen Verlauf die Geschichte nehmen wird und welche Bedeutung Anglades Figur bei der Interpretation der Ereignisse zukommt. Vielleicht handelt es sich bei ihm um eine Fata Morgana, um ein Hirngespinst, das wie die gesamte dann eher metaphorisch zu verstehende Reise nur in Daniels Fantasie existiert.
Ebenfalls bleibt zunächst unklar, welchem Genre Fata Morgana zuzuordnen ist. Die auftretenden Dissonanzen zwischen Daniel und Laura deuten an, dass wir es womöglich mit einem zermürbenden Beziehungsdrama zu tun haben. Andere Elemente – darunter die mysteriöse Person des Namenlosen – weisen eher in Richtung eines perfiden Psycho-Thrillers oder Horror-Schockers. Der Schauplatz und die stark reduzierte Dramaturgie erinnern an Bruno Dumonts nihilistischen Wüsten-Trip Twentynine Palms (2003). Jedoch kann es Groß nicht mit dessen Radikalität aufnehmen. Sein Fata Morgana arbeitet deutlich stärker mit Versatzstücken des Suspense-Kinos, denen sich Dumont konsequent verweigert. Doch statt am Ende für den großen Paukenschlag zu sorgen, entschied sich Groß dazu, den ohnehin dünnen Plot in ein offenes, reichlich krudes Finale zu überführen, das nur neue Fragen aufwirft.

Die Verärgerung hierüber wird groß sein. Und sie ist verständlich, stößt die Auflösung doch jeden Zuschauer, der in der Hoffnung auf eine halbwegs befriedigende Erklärung gedanklich vorher nicht längst ausgestiegen ist, vor den Kopf. Groß suggeriert über die Installation des Fremden und den vor allem von Daniel artikulierten Fragen nach dessen Identität, dass man eine abschließende Antwort erwarten darf. So aber stellt sich lediglich das Gefühl ein, knapp 90 Minuten lang hingehalten worden zu sein. Und die an das Finale von Kubricks Shining (The Shining, 1980) angelehnte Verfolgungsjagd in den Ruinen einer Beduinen-Festung gegen Ende des Films erweist sich als kontraproduktiv. Sie zeigt letztlich nur, wie weit Fata Morgana von seinen Vorbildern entfernt ist.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 11.07.2007
Kommentare zu Fata Morgana
danyo 23.10.2010 22:06
wir sind sauer...dies ist unsere zeit gewesen, die da verpulvert wurde
Ngc2244 04.03.2011 23:57
Das ist ein echt gut gemachter Film auch ohne künstliche Kulisse sowie ohne überflüssiger Statistik. Ich konnte selten bisher ein Film solcher Spannung erleben. Das Ende lässt viel Raum zum philosophieren.Davon sollte es echt mehr geben
sibro 28.03.2011 12:34
..irgendwie langatmig die story.. hätte man auch in 45min abhandeln könnnen...
..eben neu- u.jungfilmer, ide erst noch lernen müssen..
Herbl 26.06.2011 03:33
Sehr duenner Plot,langatmig.
livia noelte 26.06.2011 09:39
ich fand den film interessant, spannend und ungewöhnlich. hab mich nicht gelangweilt sondern an den irren wüstenaufnahmen "ergötzt" - auch das ende ist in meinen augen keineswegs
"mysteriös" sondern schlüssig.!!!
Steffi 30.06.2011 19:29
Mir fehlen bei meiner Aufnahme nur ein paar Minuten... wer kann helfen? Was sehen die beiden, als sie das Kopftuch von dem Fremden fanden und eine Erhöhung raufkletterten???....
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Film-Angaben
Titel: Fata Morgana
Deutschland 2007
Laufzeit: 90 Minuten
Regie: Simon Groß
Drehbuch: Simon Groß, Nana Ekvtimishvilli, Stefan Stabenow
Produktion: Fritjof Hohagen
Darsteller: Matthias Schweighöfer, Marie Zielcke, Jean-Hughes Anglade
Kinostart: 16.08.2007
DVD-Angaben
Titel: Fata Morgana
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an., 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 87 Minuten
Extras: Interview M.Schweighöfer, Marie Zielcke und Regisseur; Bildergalerie; Trailershow
Verleih ab: 22.02.2008
Verkauf ab: 22.02.2008
Copyright Fata Morgana
Fotos: © Stardust
BERLINALE 2012

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