Fast Food Nation

Vegetarier aller Länder, vereinigt euch! Richard Linklater hat aus dem Sachbuch-Bestseller Fast Food Nation einen gutgemeinten Spielfilm gemacht, der dem Burgerfraß den Kampf ansagt.

Fast Food Nation

Mit didaktischen Filmen ist das so eine Sache: Erreichen sie die Unaufgeklärten und stoßen einen Sinneswandel an oder setzen sich nur die, die es ohnehin schon wussten, im Kino der schonungslosen Wahrheit aus? Regisseur Richard Linklater und die Beteiligten an Fast Food Nation haben sich bemüht, ihr aufklärerisches Werk über die amerikanische Burgerindustrie möglichst unterhaltsam und popkulturkompatibel zu gestalten. Aus der Sachbuchgrundlage des Journalisten Eric Schlosser ist eine Fiktion mit drei Erzählsträngen geworden, die die Zusammenhänge zwischen Billigfleischindustrie, der Ausbeutung illegaler Einwanderer und dem Niedergang von „God’s own Country“ in Zeiten von Kapitalismus und Kaloriat behandelt.

Da ist Don Henderson (Greg Kinnear), der Marketingchef der Bratklops-Kette Mickey’s, der den Produktionsprozess des Verkaufsschlagers „Big One“ zurückverfolgen soll, weil sich Kolibakterien im Fleisch finden. Wie aber kommt Kuhscheisse in die Burger? Ganz einfach. Der zweite Handlungsstrang verfolgt eine Gruppe Mexikaner beim lebensgefährlichen Überqueren der Grenze nach Amerika. Für den Arbeitsmarkt der Ausbeutung sind sie unerlässlich, auch beim Fleischzulieferer „Uni Globe Meat Packing“ schlachten sie, stehen sie an den Fließbändern und verwandeln das eben noch blutig dampfende Vieh in handliche, tiefgefrorene Buletten. Doch der Wettbewerbsdruck für Rindfleischanbieter ist hart, um möglichst günstig die großen Fast Food-Filialen beliefern zu können, müssen die Fleischbänder mit hohem Tempo laufen, Arbeitsunfälle und platzende Kuhdärme sind an der Tagesordnung. Während der Don Henderson-Plot mit trockenem Zynismus, aber unterhaltsam erzählt wird, nimmt das Sozialdrama um die mexikanischen Schwestern Sylvia (Catalina Sandino Moreno) und Coco (Anna Claudia Talancón) zunehmend mehr Raum ein und steuert auf die vorhersehbare Katastrophe zu.

Fast Food Nation

Für etwas Auflockerung sorgt die dritte Erzählebene, in der die hübsche Amber (Ashley Johnson) für eine Mickey’s-Filiale arbeitet, ihre alleinerziehende Mutter (Patricia Arquette) finanziell unterstützen muss, aber langsam ein kritisches Bewusstsein entwickelt und sich einer Gruppe jugendlicher Polit-Aktivisten anschliesst. Allerdings verbergen sich in diesem Plot auch die meisten ans junge Publikum gerichteten Weisheiten. „Höre auf dich selbst – verwirkliche deine Träume“, bläut Onkel Pete (Ethan Hawke) seiner Nichte ein und verspricht ihr prompt 1000 Dollar, wenn sie bis zum 21. Lebensjahr eine Schwangerschaft vermeidet. In dieser Hinsicht droht allerdings wenig Gefahr, führt Amber doch lieber Gespräche über Waldabholzung, als sich mit süßen Jungs einzulassen.

Mit Kritik an Bush und der Sicherheits-Hysterie seit dem 11. September wird nicht gespart. „Im Augenblick kann ich mir nichts Patriotischeres vorstellen, als eine Verletzung des Patriot Act“, erklärt einer der Revoluzzer. Mit auf der Kuhkoppel bei der anschließenden Tierbefreiungsaktion: die kanadische Sängerin Avril Lavigne in ihrem Leinwanddebüt. Weitere Star-Kurzauftritte werden von Bruce Willis und Kris Kristofferson absolviert. Kristofferson als knittergesichtiger Cowboyhutträger verteidigt das gute alte Farmer-Amerika gegen die profitgesteuerten Fabriken. Willis als abgebrühter Fleischkontrolleur hat sich angepasst, verkündet letzte Wahrheiten – „Wir alle müssen hin und wieder mal Scheisse fressen“ – und schlägt die Zähne in seinen Burger.

Fast Food Nation

Letzteres nicht mehr zu tun – dazu kann Fast Food Nation den ein oder anderen Zuschauer sicherlich anleiten, und dann wäre der didaktische Auftrag der Produktion auch erfüllt. Die Schlachthausszenen sind in einer echten Tiertötungsfabrik während des laufenden Betriebs entstanden, und wer Fleisch isst, sollte sich diesen Gewinnungsprozess ruhig hin und wieder vor Augen führen. Dennoch hinterlässt Vegetarier Linklater mit seinem Werk ein wenig den faden Nachgeschmack von zuviel Moralgenuss. Der Film ist unterhaltsam, aber Figurenzeichnung und die einzelnen Geschichten erreichen keine Tiefe, die fiktionale Verpackung schwächt wiederum den Informationsgehalt. Am Ende hätte man doch gern eine schockierende Dokumentation zum Thema gesehen, die nicht ganz so angenehm zu schlucken ist.

Mit Fast Food Nation reiht sich Linklater, der durch die eigenwilligen Zeitgeistkomödien Rumtreiber (Slacker, 1991) und Confusion - Sommer der Ausgeflippten (Dazed and Confused, 1993) bekannt geworden ist, die romantischen Redefilme Before Sunrise (1995) und Before Sunset (2004) drehte und zuletzt die Real-Life-Animation A Scanner Darkly (2006) fertigstellte, neben kritische Produktionen wie Supersize me (2004) oder We feed the world (2005) ein, die bedenkliches Essverhalten und Globalisierung thematisieren. Hierzulande reagiert McDonald’s auf den filmischen Imageangriff seit einiger Zeit mit ganzseitigen Magazinanzeigen, in denen sympathische junge Menschen die sorgsame, naturnahe Herstellung der Ware anpreisen. Die unschönen Gegenbilder, die Fast Food Nation nun liefert, werden zumindest den Marketingstrategen des Konzerns auf den Magen schlagen.

Kommentare


Angelika Bichmann

Ich rühr kein Fleisch mehr an!!!!!






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