FAQs

Nachdem India mit der Hilfe von Drag Queen Destiny knapp einem Übergriff entkommt, beginnt er sich Fragen über die Ursache und Bekämpfung homophober Gewalt zu stellen.

FAQs

Gleich zu Beginn von FAQs wird klar, dass es sich hier um einen Film mit ambitioniertem Ziel handelt. Auf schwarzem Hintergrund werden homophobe Textpassagen aus dem Parteibuch der texanischen Republikaner eingeblendet, in dem traditionelle Werte wie Ehe und Familie propagiert werden. Direkt neben diesen Inserts flackern Leuchtbuchstaben, die immer wieder zwischen den Wörtern „FAGS“, englisch für Schwuchteln, und „FAQS“, wie die im Internet übliche Abkürzung für häufig gestellte Fragen, hin- und herwechseln. Die im Titel angekündigten Fragen, mit denen sich der Film beschäftigt, drehen sich dann auch hauptsächlich um die Gegenwehr Schwuler innerhalb einer intoleranten Gesellschaft.

Der siebzehnjährige India ist nicht nur bei seinen Gelegenheitsjobs als Pornodarsteller Diskriminierungen ausgesetzt, als er von zwei Schlägern verfolgt wird, muss er sogar um sein Leben fürchten. Im letzten Augenblick wird er von der bewaffneten Drag Queen Destiny gerettet, die ihrem Namen somit alle Ehre macht und India in ihre private Organisation für junge Schwule und Lesben ohne Zuhause aufnimmt. Gemeinsam suchen Destiny und ihre Zöglinge Wege, sich gegen die Unterdrückung durch eine Heterosexualität voraussetzende Gesellschaft zu wehren, wenn nötig auch mit Waffengewalt.

FAQs

FAQs steht für eine Form von schwulem Aktivismus, dessen Vertreter sich sowohl durch ihr gutes Aussehen, als auch durch ihre aggressive Haltung gegenüber ihren Widersachern auszeichnen. Das Neue daran ist, dass sich die Figuren nicht mehr als Opfer stilisieren, sondern stattdessen die Täterrolle ergreifen. Solche Helden hat man zwar schon in Bruce LaBruces überdrehtem, den Mythos der RAF dekonstruierenden The Raspberry Reich (2004) gesehen, FAQs beschäftigt sich aber im Gegensatz dazu mit alltäglichen Problemen und realer Gewalt. Filmemacher Everett Lewis gelingt es in seinem Low-Budget-Film die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Figuren zu legen und alles drum herum inmitten einer nicht näher definierten, urbanen Nachtwelt verschwimmen zu lassen, in der nicht nur zahlreiche potentielle Sexpartner lauern, sondern auch allerlei Gefahren. Die Stärke des Films sind vor allem seine selbstbewussten und kämpferischen Charaktere, allerdings schleicht sich mit fortschreitender Handlung eine gewisse Doppelmoral ein.

Lewis idealisiert das Schwule per se zu etwas automatisch Subversivem, während die heterosexuelle Minderheit, vertreten durch einige Kurzauftritte, als Personifikation des Bösen herhalten muss. Der Film manövriert sich in eine ideologische Sackgasse, wenn er seine Figuren zu sympathischen Märtyrern stilisiert, die sich nur in ihrer eigenen Monokultur bewegen und alles andere verteufeln. Damit ist die Haltung der Protagonisten nur unwesentlich besser, als die der Republikaner aus dem Vorspann. Nicht das eigentliche Problem, nämlich die Intoleranz gegenüber parallel existierenden Lebensentwürfen, wird erkannt, sondern es werden lediglich die Positionen vertauscht. Dass es sich bei den Figuren des Films um eine unterdrückte Minderheit handelt, deren Wut sich gegen die herrschende Ordnung richtet, macht das Ganze zwar ein wenig sympathischer, mit seiner Moral, nach der selbst Feindbilder wie Polizisten und Schwulenklatscher eine zweite Chance verdienen, solange sie nur schwul sind, macht es sich Lewis jedoch zu einfach.

FAQs

FAQs ist gewissermaßen ein urbanes Märchen mit aktivistischem Ansatz, das durchaus brisante Themen wie den Selbsthass ungeouteter Schwuler oder die Gegengewalt zum Opfer verdammter Minderheiten aufgreift. Diese spannenden Konflikte werden jedoch auf reichlich plakative Weise umgesetzt, bei der es nur um Schwarzweißmalerei geht und der einzige Kniff des Films darin besteht, dass auch die Schläger vom Anfang noch geoutet werden.

Die inhaltliche Ausgangslage von FAQs tritt einen interessanten Diskurs los, den der Film nicht zu bewältigen weiß. Im Laufe des Films wird zwar der Einsatz von Schusswaffen zunehmend abgelehnt, weil auch ein schwuler Kuss noch ein subversiver Angriff auf die heterosexuelle Ordnung sein kann, allerdings macht Lewis keine Anstalten, das aufgebaute heterosexuelle Feindbild irgendwie zu relativieren.

 

Kommentare


Arno Abendschön

Die Kritik würde mich nur dann überzeugen, wenn es sich um einen Dokumentatarfilm handeln würde. "FAQs" ist jedoch ein ausgesprochener Kunstfilm, muss also in keiner Weise realitätsnah und ausgewogen sein. Er ist eher als hochästhetischer Agitprop-Film zu betrachten. Für mich überraschend war der Rückgriff auf Ideen der Siebziger: Gay Liberation Front, die Bedeutung von Militanz und Emanzipation, die positive Einschätzung von Nacktheit und schließlich "Make love not war". Kommen die 70er Jahre wieder in Mode? Ein großer Unterschied allerdings: radikale Ablehnung von Drogen. Fazit: Ein sehr emotionales und sehr ästhetisches Werk über das Verhältnis von Homosexualität und Gesellschaft mit einer Botschaft, die einfach nur beherzigenswert ist: die eigene Sexualität leben.






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