Familie haben

Die komische Formulierung der Liebe: In seiner intimen Familiendokumentation beginnt der Regisseur Jonas Rothlaender bei seinem Großvater und endet bei sich.

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Familie haben ist so verworren und unvorhersehbar wie der Konfliktekomplex, der die Familie durchzieht. Am Anfang stehen seine beiden Konstanten: Jonas Rothlaender – Regie, Kamera, Ton und Produktion in Personalunion – versucht eine Annäherung an den Großvater Günther, den er nur zweimal in seinem Leben gesehen hat. Eine übermächtige Figur, die trotz ihrer physischen und emotionalen Abwesenheit im Leben des Regisseurs auf eine schwer zu begreifende Art die Familie durchdringt. Dass Jonas Rothlaender den alten Mann nun auf Bildern festhält, hat mehr vom Versuch, die widersprüchliche Anwesenheit des Großvaters in seinem Wirkkreis sichtbar zu machen, als die schmerzhafte Abwesenheit auszugleichen. Der Film weiß die beiden Männer schnell einzuordnen: da der einfühlsame Jungspund, gemäßigt in der Klage, getrieben von dem Bedürfnis zu verstehen; hier ein alter Mann, der alle Klagen von sich weist und kaum zu verstehen ist. Interessanterweise rüttelt die Dokumentation Familie haben nicht an dieser anfänglichen Konstellation. Viel eher entdeckt der Film den Raum dazwischen, die Generation dazwischen: Bettina, die Tochter von Günther, die Mutter von Jonas – ihr Verhältnis ist das eigentliche Thema des Films.

Opfer und Täter

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Das Ambivalente, das Undurchsichtige, über das ungleich schwerer zu urteilen ist, tritt erst mit ihr und ihrer eigenen Mutter, der Ex-Frau von Günther, in den Film. Zwei Frauen, die als Opfer eingeführt werden und sich dann doch einer zu einfachen Lesart entziehen. Der Regisseur zeigt sie zunehmend in ihrem Verbohrtsein, bis klar ist, dass sie gleichermaßen Opfer und Täterinnen sind. Die eine, die Großmutter, 2006 verstorben, ist anwesend in Gestalt von aus dem Off verlesenen Tagebuchnotizen und Briefen, die immer wieder in den Film eingesprengt werden. Das Tagebuch hat sie dem Enkel vermacht, damit nimmt das Filmprojekt eigentlich seinen Anfang. Es soll darum gehen, wie Günther das Vermögen seiner Ex-Frau veruntreut hat. Die zweite Frau, die Mutter, ist anfangs nur eine Randfigur, wie alles, was um die rätselhafte Gestalt des Großvaters kreist. Als Jonas Rothlaender seine Mutter zunehmend als Thema seines Films entdeckt, entzieht sie sich nicht seinem Blick. Sie bleibt.

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Dass sie sich nicht sofort als dieses zentrale Thema herausstellt, macht den Reiz des Films aus. Natürlich ist es nicht schwer, sich in Jonas Rothlaender und in der ewigen Frage nach familienbedingter Determination und der Loslösung von derselben wiederzuerkennen. Natürlich kann die nicht selten penibel detaillierte und bizarre Familiengeschichte in ihrer Aneinanderreihung von Verfehlungen, Kränkungen und Enttäuschungen mühelos das Eigentümliche abstreifen und zur Allgemeingültigkeit streben. Doch Identifikation ist nicht das, was den Film antreibt. Es wird eher mitgegangen als mitgefühlt. Denn Jonas Rothlaender weiß selbst nicht, wohin der Film ihn führen wird; und so führt er auch nicht den Zuschauer, sondern lässt sich von ihm begleiten. Der Regisseur hat keine geordnete Ausstellung über seine Familiengeschichte konzipiert, sondern erkundet mit dem Zuschauer den Familienspeicher, in der Reihenfolge, in der ihm die Dinge in die Hände fallen. So kommt es, dass der Film beim Großvater anfängt und bei der Mutter fortfährt; so kommt es, dass zuletzt der Filmemacher selbst mehr und mehr zum Gegenstand seines eigenen Films wird. Auch er entzieht sich nicht seinem eigenen Blick.

Der lange Schatten

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Denn das titelgebende „Familie haben“, das ist hier dieses komische Erbe, das nur schwer auszumachen ist und noch schwerer abzustreifen; das ist das Ringen um die eigene Person im Spannungsverhältnis von Bestimmung und Selbstgestaltung; das ist das Ausloten des Freiraumes zum Ausscheren; das sind die Bindungsdefizite, die Familienmitglieder bestürzt bei sich feststellen, als wären sie von einem Fluch getroffen. Familie haben ist auch ein Film über den Dialog zwischen den Generationen und die Sprache, die dafür gefunden werden muss. Als Jonas Rothlaender seinen Großvater fragt, ob er denn seine Tochter geliebt habe, schüttelt der genervt den Kopf und weist die Frage von sich mit der Begründung, das sei eine „komische Formulierung“. Rothlaenders Suche nach Erklärungen scheitert daran, dass sie in einer Sprache geliefert werden müssen, deren der alte Mann nicht mächtig ist. Seine Gespräche kreisen in geradezu manischer Art immer nur um dubiose Geldgeschäfte, die es womöglich gar nicht gibt; sein Alltag als Bettlägeriger ist geprägt vom unermüdlichen Versuch, Geldgeber aufzutreiben. Mit dem letzten großen Geschäft will er seine Schuld begleichen. Es ist die höchste Annäherung an das, wonach der Regisseur und seine Mutter streben: eine Art Wiedergutmachung. Der Film liefert die Übersetzung.

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Vielleicht ist Sprache auch der Schlüsselbegriff bei der Frage nach der Natur des Films. Familie haben ist introspektiv, aber keine Eigentherapie; schonungslos, aber keine Abrechnung; verletzt, aber keine Anklage. In erster Linie ist der Film ein Zur-Sprache-Bringen des diffusen Gefühls, nicht aus Familienmustern ausbrechen zu können. In diesem Sinne kann man auch das großartige Finale deuten: Der Film hat eine gemeinsame Sprache geschaffen. Wo er aufhört, beginnt das Aussprechen.

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