FLA

Beglückende Erschöpfung: In seinem zweiten Film lässt Djinn Carrénard zwei Liebende aufeinander los.

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FLA platzt aus allen Nähten und ist gleichzeitig äußerst kontrolliert. Er hat nichts Naturalistisches und ist dennoch ein Film, der mit der größten Genauigkeit hinguckt und abpaust: Die Dialoge sind so echt, dass sie unecht wirken. Jeder Filmenthusiast lernt irgendwann, dass Filme Transpositionsarbeit sind, dass in ihnen das Natürliche höchst künstlich hergestellt wird. Die Ellipsen fühlen sich echt an, und konzentrierte Dialoge können in wenigen Worten selbst ausufernde Diskussionen fassen. All das weiß Djinn Carrénard freilich auch, denn er beherrscht dieses Medium, das er in einem Akt des Kampfes freischaufelt von klassizistischen Ansprüchen, nur gerade nicht, um sie postmodern zu sprengen, sondern um zu einer anderen Form von Wahrhaftigkeit vorzudringen – der des Erlebnisses. Dafür braucht er zum einen die Dauer, zum anderen auch die Erschöpfung des Zuschauers. FLA ist also kein Vergnügen, vielleicht noch nicht einmal ein guter Film. Aber ein wichtiger, gerade bei einem Filmfestival wie Cannes, das vor Ehrerbietung vor dem Klassischen, dem Majestätischen, dem Meisterlichen mitunter kaum Luft zum Atmen lässt.

Kaum auszuhaltende Protagonisten

Carrénard versteht sich als Guerilla-Filmemacher. Den Kampf hat er tief in die Logik seiner Figuren hineingeschrieben. Sie streiten sich fast ununterbrochen. Dort wo andere Filme längst abblenden würden, setzt FLA stets noch eine Wiederholung drauf. Oussmane (AZU) ist Rapper und ringt doch genauso wie seine Freundin Laure (Laurette Lalande) um Worte. Selten sind die Momente, in denen seine Stimme eine bezirzende Melodie annimmt, seine Lippen sich zu einem verschmitzten, bübischen Lächeln formen, die untere leicht nach vorne geschoben, und seine Augen plötzlich wach sind, anwesend, durchdringend. Ganz zu Beginn des Films gibt es eine solche Szene, er überredet Laure, das beim One-Night-Stand gezeugte Kind nicht abzutreiben. Nachdem er ihr bereits einige Minuten am Krankenhausbett zugeredet hat, zückt er ein kleines Notizheft und trägt sein Anliegen mit Reimen vor. Er kriegt sie rum.

Es ist der Beginn einer Liebesgeschichte, irgendeiner, ihrer. Carrénard erzählt sie in epischen Dimensionen, denn er stürzt sich hinein in die Dynamik der beiden Protagonisten, deren Beziehung von Aggression und Abwehr, von Versöhnung und Intimität lebt. Beide scheinen bereits voll im Leben zu stehen, sie arbeitet bei einer Fluggesellschaft, er hat einen gutbezahlten Vertrag bei einem jungen Musikproduzenten unterschrieben. Beide benehmen sich wie verwöhnte Kinder. Sie tun, was sie wollen, und nur unter Widerstand und mit sichtbarem Trotz das, was der andere will. Kaum auszuhalten sind sie, aber gerade das trägt zu ihrem Charme bei. Die Breite, in der ihr Drama aufgefächert wird, erinnert mehr an eine endlose Fernsehserie als an einen Film. Die knapp drei Stunden Laufzeit enden entsprechend abrupt.

Wahrhaftigkeit ohne Glaubwürdigkeit

Dass in Vor- und Abspann neben der Regie noch eine Künstlerische Leitung, die von Salomé Blechman, genannt wird, weist auf die Bedeutung hin, die in FLA den Lebensräumen und der Gesamt-Choreographie zukommt. So sehr, dass man sich vorstellen könnte, dass es diese Räume und Settings und Konstellationen sind, die die Geschichte erst entfachen. Und obwohl man aufgrund der fließenden Form einzelner Szenen den Eindruck gewinnen könnte, der Film sei als Ganzes improvisiert, so ist es gerade das Drehbuch, das das Ausufernde der Story in die richtigen Bahnen lenkt und FLA zu einem nachhallenden Werk macht. Denn dort, wo das Naturalistische zunächst so verblüffend ist, setzt sich langsam das Fantastische durch. Es sind nur vereinzelte Szenen, doch sie prägen die Eindrücke der Lebendigkeit, sie unterstützen sie sogar noch. Weil sie das Schmerzhafte der Erfahrungen überhöhen, geben sie diesen eine neue Kraft, eine neue Wahrhaftigkeit, der das Glaubwürdige vollkommen gleichgültig ist. Carrénard und Blechmans kündigen diese Freiheit der Erzählung freilich an, indem sie die von Blechmans geführte Kamera von Beginn an zwischen Hyperrealismus und Impressionismus positionieren.

Die Anstrengung der tagtäglichen Battles zwischen Laure und Oussmane überträgt sich auch durch die ständig nachjustierende Kamera, das Montage-Stakkato eines rauschenden Bildersturms, das den Situationen gleichzeitig habhaft wird und ihnen ihre Widerspenstigkeit lässt. Im Gegensatz zu seinem stark parallel und frei erzählenden Erstling Donoma (2009) hat Carrénard hier zu einer geradlinigeren Form gefunden. Auch die auffälligen Annäherungen an subjektive Empfindungen – wie eine minutenlang schwarz bleibende Leinwand, wenn sich die Protagonisten in einem dunklen Flur befinden – lässt er hier bleiben. Damit sorgt er zugleich für einen stärkeren Sog und einen bescheidener daherkommenden Film. Als müsste er nicht mehr beweisen, wie viel er vom Leben junger Menschen in Frankreich im Guerilla-Style erzählen kann. Er tut es einfach. Das ist im Ergebnis hoch komplex, stellenweise sehr enervierend und dann doch und vor allem beglückend.

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