Fair Game

Die guten Konservativen gegen die bösen: Doug Limans Fair Game ist ein Politthriller par excellence.

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Manchmal ist es gut, mit offenen Karten zu spielen, damit es nicht zu Missverständnissen kommt. In Fair Game von Doug Liman geht es um das, worum es laut Gilles Deleuze letztlich wohl in allen klassischen Hollywoodfilmen geht: die Neu- oder Wiederentdeckung Amerikas. Der letzte Satz von Ex-Botschafter Joe Wilson (Sean Penn)  im Film ist: „God bless America“, der letzte des Filmes insgesamt stammt aus einer Originalaufnahme von Frau Wilson, der Ex-CIA Agentin Valerie Plame: „I love my career, and I love my country.“ Ziemlich unmissverständlich.

Aber damit ist eigentlich auch schon wieder nichts gesagt. Ob aggressiv oder versteckt, affirmativ oder kritisch: so gut wie jeder amerikanische Mainstreamfilm hat ja diese missionarische Komponente, im Genre Politthriller gewinnt sie dann meist größte Prominenz, wird zum beherrschenden Thema. Der Politthriller ist das filmische Schlachtfeld zur Verteidigung der amerikanischen Idee, ihre Konfrontation mit großen Herausforderungen wie Korruption, Mord, Manipulation. Aber der Ausgang ist meist klar. Daran sollte man sich nicht den Kopf einrennen.

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Unter diesem Vorsatz stellt man sich besser, wie die Amerikaner, nicht die Frage nach dem Prinzip, sondern Fragen zu Details. Die Würdigung vieler Hollywoodfilme funktioniert dann am besten, wenn man die Theorie beiseite lässt und auf die Balance schaut. Denn nichts anderes ist der Genrefilm: ein Balanceakt sondergleichen, das Entfachen eines Wirbelsturms im Wasserglas, Veränderung von beweglichen Teilen vor dem Hintergrund fester Strukturen. Wie ist die Mischung der Szenen, wie die Spannung zwischen den Figuren, wie ausgewogen das Tempo? Das sind gute Fragen, um sich einem Film wie Fair Game  zu nähern.

Denn auf alle kann man positive Antworten finden. Lange schon nicht mehr war so ein großartig austarierter, stimmig gestalteter und erzählter Film zu erleben. Wenn das Räderwerk der Konventionen läuft, dann läuft es wie geschmiert. Zum Beispiel das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion: Alles hier basiert auf dem wahren Fall der Enttarnung Valerie Plames durch einen Bericht der Washington Post, der die Kontroverse um die Legitimität des Irakfeldzuges gehörig anheizte. Nachdem Präsident Bush jr. am 20. März 2003 in seiner berühmten State of the Union-Rede von Uranlieferungen an Saddam Hussein aus Afrika gesprochen hat und damit den definitiven Grund für die Invasion formulierte, platzte Joseph Wilson der Kragen. Er war im Auftrag der CIA nach Niger gereist, auf der Suche nach ominösen 500 Tonnen radioaktiven Materials. Am 6. Juli publiziert er einen Artikel mit dem Namen What I Didn’t Find in Africa, in dem der Regierung bewusste Manipulation der Fakten vorgeworfen wird. Die Reaktion kommt prompt: Die geheime CIA-Identität seiner Frau Valerie Plame (Naomi Watts) fliegt auf, eine Hetzkampagne sondergleichen wird gegen beide lanciert. Am Ende einer Unzahl hässlicher Verleumdungen stellt sich heraus, dass die Information von hohen Mitarbeitern des Weißen Hauses geliefert worden waren. Die Geschichte von Fair Game, dessen Titel alternativ mit „Freiwild“ oder „faires Spiel“ übersetzt werden darf, ist somit gesättigt mit Authentizität. Eine reale Geschichte, die an sich schon das Zeug zum Thriller hat, bietet wunderbare Voraussetzungen für dramatische Psychologisierung.

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Die Drehbuchorganisation ist dabei nachgerade superb. Das Spiel mit der offiziellen und der wirklichen Existenz von Frau Plame schlägt sich in zwei Szenentypen wieder: Einsätze im Nahen Osten und Abende mit Freunden zu Hause. Dort wird dann lebhaft politisiert und debattiert, die Atmosphäre der Bush-Jahre und die Macht der medialen Angstmache werden im Modus Stammtischrunde verhandelt. Während die beiden Wilsons die Lippen zusammenkneifen, ergehen sich ihre Freunde in wilden Spekulationen über Ausmaß und Brisanz der terroristischen Bedrohung durch Saddam.

Noch feiner balanciert das Drehbuch widerstreitende Perspektiven aus, indem ein Nebenstrang das Schicksal einer irakischen Familie kurz vor und nach Ausbruch des Krieges zeigt. Hier wird nichts beschönigt, keine Michael-Moore-artige Idealisierung des Lebens in der Diktatur, sondern: die Hervorhebung persönlicher Erfahrungen zur Illustration der großen Zusammenhänge.

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Was aber am meisten beeindruckt an diesem Film, ist, wie er Schabernack treibt mit unserer Zeitwahrnehmung. Am Anfang braucht es ein bisschen, bis man sich eingefunden hat in die bleierne Atmosphäre der amerikanischen Post-9/11-Gesellschaft. Das wirkt mittlerweile alles sehr fern, so eine Mischung aus politischem Mittelalter und Science-Fiction-Dystopie. Aber dann gewinnt die Story an Fahrt, und die Gegenwart des Films breitet sich aus in alle Richtungen, auch bis in den Zuschauersaal. Wenn dann am Ende mit eingangs erwähntem Pathos die Lebendigkeit der amerikanischen Idee beschworen wird, glaubt man mit daran, gibt dieser Gesellschaft noch einmal, zum wievielten Male eigentlich, noch eine Chance. Und das, obwohl man doch die Zukunft kennt und weiß, dass sich die Hoffnungen in den Change zerschlagen werden. Das ist das riesige Potenzial des guten Genrekinos: in einer alternativen Wirklichkeit eine ewige Gegenwart zu etablieren, in der alles möglich erscheint. Der Glaube an die Vitalität Amerikas drückt sich nicht aus in revolutionären Akten, sondern in Akten der Wiederbelebung und Aufrechterhaltung. Auch die größten Kritiker der Neocons, so bleibt am Ende festzustellen, sind eben doch Konservative, aber eben in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Bewahrer eines Glaubens, Gläubige einer Tradition. God bless America.

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Kommentare


Martin Zopick

Die Bedeutung des Titels geht wohl in Richtung ‘ Freiwild‘, denn genau das sind hier die Eheleute Wilson: Joe (Sean Penn) und Valery (Noami Watts). Sie finden heraus, dass die Bush-Regierung gelogen hatte, als sie behauptete Saddam Hussein habe Massenvernichtungswaffen (MVW). Der Skandal ist, dass es damals fast alle einflussreichen Leute wussten, aber keiner etwas unternahm. Es wurde unter den Teppich gekehrt, weil es der Regierung nicht passte. Es wird klar – und das entspricht den Tatsachen - Bush wollte den Krieg und die MVW waren lediglich der Vorwand.
Die Spannung steigt, als das Kesseltreiben gegen Joe und Val beginnt: Telefonterror, Morddrohungen, Diffamierungen und Enttarnung von Val als CIA-Agentin. Schlimmer noch, die CIA hat Wissenschaftlern vor Ort versprochen, sie aus dem Irak zu holen, tat es aber nicht. Viele von ihnen kamen daraufhin um.
Das Bewegendste ist der persönliche Aspekt: die Ehe von Joe und Val steht auf dem Spiel. Sie sind nicht einer Meinung, doch sie schlagen zurück. Sie gehen an die Öffentlichkeit: er ins Fernsehen, sie vor einen Untersuchungsausschuss. Als sie sich nach einiger Zeit gegenüber stehen, knistert es und die Emotionen kochen ganz still hoch, ohne Soundtrack. Eindrucksvoll!
Es gibt Live-Aufnahmen von damals Beteiligten wie Dick Cheney und Condoleezza Rice und vom damals weitgehend unbekannten Präsidentenberater Karl Rove und von Bomben auf Bagdad. Sam Shepard hat ein Cameo als Vals Vater. Es ist ein Verdienst des Films zu zeigen, dass es nicht um die Wahrheit ging, sondern nur um die Macht. So ist auch Joes Rede am Ende zu verstehen: Nutzen wir unsere demokratischen Rechte und schauen wir nicht schweigend zu.






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