Träum was Schönes – Fai Bei Sogni

Das gestutzte Ornament: Marco Bellocchio steht dem Überschwang des Melodrams seltsam reserviert gegenüber, entwickelt aber gerade in der Trägheit ein unvermutetes Pathos.

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Immer wieder wird in Marco Bellocchios Träum was Schönes das Fenster in der Stube einer alten Turiner Wohnung zu einem beinahe magischen Guckkasten: Dann schwirrt der Schnee in dicken Watteflocken wild umher vor dem unwirklichen Blau des Nachthimmels, dann explodiert ein mächtiges Feuerwerk ganz dicht über den Dächern der Stadt in unzähligen Blüten aus triefend-satter Farbe, dann hat sich scheinbar von einem Tag auf den anderen ein Fußballstadion ganz dicht an das Wohnhaus herangeschoben, sodass der gesamte Fensterrahmen von einem Meer aus feierlich geschwenkten Fahnen ausgefüllt wird. Doch die Kamera bleibt immer diesseits der schützenden Scheibe, der Film kann sich nicht dazu durchringen, tatsächlich in die aus der Ferne beobachtete Welt des farbenfrohen Exzesses einzutauchen, und so werden die eingerahmten Bilder der Maßlosigkeit zum Ausdruck einer Gehemmtheit, die den gesamten Film durchzieht. Immer wieder nähert sich Bellocchio einem befreienden melodramatischen Überschwang, nur um den bedrohlichen Wildwuchs der Reize dann doch zur bloßen Illustration zurechtzustutzen; nie darf das Chaos wirklich raumgreifend werden, nie darf es seine eigene Dynamik entfalten, immer wird es kleinmütig auf die dargestellten Ereignisse, auf die Figuren und deren konkrete psychische Erfahrungswelt zurückbezogen. Die Empfindsamkeit befreit sich in Träum was Schönes somit nie vom trägen Trott der Zweckhaftigkeit, sie entwickelt kein Eigengewicht, sondern ist stets bloß emotionale und affektive Unterfütterung der fortschreitenden Erzählung.

Eine Nostalgie ohne Welt

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Diese Erzählung befasst sich mit dem Leben des Journalisten Massimo (Valerio Mastandrea) – ein Leben, das zur Gänze durch den frühen Tod und die darauf mit mechanischer Notwendigkeit folgende Verklärung der Mutter bestimmt wird und das in gewisser Weise der Ausdeutung dieses einen Ereignisses gewidmet ist. Die frühen Szenen im Turin der 1960er Jahre, als noch die Mutter selbst oder zumindest der Nachhall ihrer Anwesenheit den jungen Massimo umfangen halten, sind somit durchdrungen vom Gestus der Nostalgie, als deren Medium die popkulturellen Erzeugnisse der damaligen Zeit dienen. Die verwaschenen Bilder im Fernsehen übertragener Horrorfilme, die unwirklich fröhlichen Klänge alter Schlager, die harmlose Dramatik sportlicher Großereignisse – sie alle sollen von einer Welt zeugen, die von der Härte und Tragik der menschlichen Existenz noch nichts weiß.

Dabei ignoriert Bellochio jedoch den zentralen Wesenszug der Nostalgie: Die genaue Gestalt der Orte, Ereignisse und Objekte, an die sie sich heftet, ist eigentlich völlig nebensächlich, die Nostalgie ist nicht die Sehnsucht nach einer bestimmten idyllischen Vergangenheit, sondern besteht darin, einzelne reizvolle und ungefährliche Elemente aus dem umfassenden Zusammenhang der eigenen Lebenswirklichkeit herauszulösen und diese Bruchteile zu behandeln, als gäbe es nichts als sie, als wären sie zusammengenommen schon eine vollständige und in sich stabile Welt. Diese selektive Operation der Nostalgie, in der ein kleiner, ungefährlicher Teil der Welt zu ihrem großen Ganzen erklärt wird, kommt in Traum was Schönes nicht vor, das Turin der 1960er bleibt eine Ansammlung lieblicher Eindrücke, die sich nie zu einer Welt verdichten.

Eine Langeweile, durch die das Leben kenntlich wird

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Aber irgendwann ist Massimo erwachsen, die 1990er Jahre sind angebrochen, und der Film wird von einem gänzlich neuen Rhythmus durchdrungen: Anstatt des schwelgerischen Stillstands der Kindheit überwiegt nunmehr ein müdes Vorwärtsstreben, ein zugleich suchender wie unschlüssiger Wechsel von Orten und Milieus. Der plötzliche Selbstmord eines Bankiers, der Einsatz als Kriegsreporter im belagerten Sarajevo, ein Treffen mit dem ergrauten Vater, eine sachte sich anbahnende Romanze mit der Ärztin Elisa (Bérénice Bejo) – all diese Episoden werden beinahe übergangslos aneinandergereiht, sie setzen ohne Anlass ein und gehen ohne greifbaren Sinn zu Ende. Wellenartig schwappen die Ereignisse gegen Massimos trägen Körper, und er begegnet ihnen stets mit demselben, vordergründig seelenvollen, aber eigentlich nur leeren Gesichtsausdruck. So wird Massimo willenlos durch die Stationen seines Lebens geschleift – eines Lebens, das überreich ist an melodramatischen Ausschlägen, an kindlichen Traumata, zeitgeschichtlichen Einbrüchen, plötzlichem Ruhm und das ihn dennoch so sehr anödet, dass er seine Augen niemals ganz zu öffnen vermag. Bewusste Entscheidungen, innere Bedürfnisse und drängendes Verlangen scheinen ihm völlig fremd, und so bleibt als einziges dynamisches Prinzip seiner Biografie die bloße Tatsache, dass das Leben keine Einwilligung braucht, um weiterzugehen.

So ist Traum was Schönes über weite Strecken ein ziemlich fader Film, doch besteht seine eigentümliche Wirkung darin, dass das Gefühl der Langeweile irgendwann selbst eine darstellende Kraft entwickelt: Das Desinteresse an den geschilderten Ereignissen wird dann unvermutet zum Ausdruck eines Strukturmoments, das man bei der Betrachtung eines fremden Lebens für gewöhnlich ausblendet, das aber bei der Betrachtung des eigenen Lebens ganz bestimmend ist. Denn aus der Eigenperspektive erscheint einem das Leben immer nur als etwas Formloses und Stummes, als eine Ansammlung von Ereignissen, die ihre Bedeutsamkeit eben nicht aus einer übergeordneten und abgeschlossenen Struktur empfangen können, sondern diese Bedeutsamkeit stets aus sich selbst heraus entwickeln müssen – und dies ganz oft eben nicht tun. Die Unschlüssigkeit, mit der man Bellocchios Film verfolgt, ist dieselbe Unschlüssigkeit, mit der man auf seinen eigenen Lebensweg zurückblickt, und die Eigenschaftslosigkeit seiner Hauptfigur entspricht eben der Eigenschaftslosigkeit, mit der einem das eigene Ich begegnet. So wird auch Massimos müdes, ungerührtes Antlitz irgendwann zum Bild eines grundlegenden Dilemmas des menschlichen Daseins: Es ist unglaublich anstrengend, das eigene Leid immer so ernst zu nehmen – aber es bleibt einem nichts anderes übrig. Man hat nur dieses eine Leid, und es zu ignorieren, verstieße gegen die Regeln, die Regeln des Melodrams wie des Lebens im Allgemeinen.

Trailer zu „Träum was Schönes – Fai Bei Sogni“


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