Fahrstuhl zum Schafott

Seinen ersten Langfilm realisierte Louis Malle 1957, zu einem Zeitpunkt, wo noch nichts auf den großen Sturm der Nouvelle Vague hindeutete.

Fahrstuhl zum Schafott

Im Gegensatz zu ihren zentralen Vertretern, die alle als Filmkritiker den Quereinstieg ins Regisseurmetier wagten, hatte dieses Wunderkind des französischen Kinos von Anfang an eine Karriere im etablierten System der Filmproduktion anvisiert und bereits als Assistent von Jean Cocteau gearbeitet. Seine Karriere, die er nach dem enormen Erfolg seines Debütfilms auf der Überholspur machte, ebnete auch vielen anderen jungen Regisseuren ihren Weg.

Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour l’échafaud, 1957) ist ein Beispiel für eine filmische Adaption, die ihre literarische Vorlage – hier eine unspektakuläre Kriminalgeschichte von Noël Calef – um Längen hinter sich lässt. Florence (Jeanne Moreau) stiftet ihren Liebhaber Julien (Maurice Ronet) dazu an, ihren Ehemann, gleichzeitig Juliens Chef, zu töten. Der fast perfekte Plan scheitert daran, dass Julien nach dem begangenen Verbrechen über Nacht im Fahrstuhl der Firma stecken bleibt, während ein junges Paar seinen Wagen klaut und unter Juliens Identität ebenfalls einen Mord begeht, für den Julien am nächsten Tag, aus dem Fahrstuhl befreit, verhaftet wird.

Fahrstuhl zum Schafott

In der Konstruktion des Drehbuchs ist Fahrstuhl zum Schafott stark von den Filmen Hitchcocks inspiriert, in der visuellen Ästhetik jedoch, insbesondere während der langsam und minutiös inszenierten Sequenzen im Fahrstuhlgefängnis, bezieht sich der Film in offensichtlichen Zitaten auf Bressons Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen (Un condamné à mort s’est échappé, 1956). Während im ersten und letzten Drittel des Films, in Echtzeit und Schärfentiefe gefilmt, realistische Elemente dominieren, erweist Malle im mittleren Teil der Geschichte seine Reverenz an den Film noir. In den Nachtszenen, in denen die Kamera von einem Kinderwagen aus Florence auf ihrer verzweifelten Suche nach Julien über die Champs-Elysées begleitet, erprobte Malles Kameramann Henri Decaë das neue ultrasensible Filmmaterial Tri-X ohne jegliche weitere Beleuchtung als das Licht der Straßenlampen und Schaufenster. Auch wegen der intensiven Präsenz der schweren, melancholischen Musik, die Miles Davis für den Film in einer einzigen Nacht improvisierte, bleiben dem Zuschauer diese Szenen am intensivsten in Erinnerung.

Fahrstuhl zum Schafott

Nicht zuletzt wegen Jeanne Moreau beeindruckt insbesondere die Figur von Florence, obwohl ihre dramaturgische Funktion im Film praktisch gleich Null ist. Mit einer emblematischen Nahaufnahme von Florence, die ihrem Liebhaber zärtliche Worte ins Telefon flüstert, eröffnet Malle gegen jegliche Konvention seinen Film und taucht sein Publikum ohne Umschweife in die Intimität einer Frau, deren Körper und Gefühle durch die aufdringliche Präsenz der Kamera entblößt wird: ein kaum geschminktes Gesicht, so nah, dass die einzelnen Hautporen zu sehen sind, besessen von einer fatalen Leidenschaft. Für Moreau wird der Film zu einer wichtigen Weichenstellung hin zum Autorenkino, dessen charakteristischste Schauspielerin sie in den Folgejahren werden wird.

Kommentare


Martin Zopick

Louis Malles erster Film ist heute ein Kultklassiker, der besonders von denjenigen geschätzt wird, die kein Happy End brauchen. Die an sich einfache Story gibt der Atmosphäre des nächtlichen Paris viel Raum. Wie der Mörder Tavernier (Maurice Ronet), der im Fahrstuhl stecken bleibt, wieder raus kommt, ist eine nette Wendung des Films. Die Dramatik bringt die verzweifelt Liebende Madame Carala (Jeanne Moreau) und das in zweifacher Hinsicht: erstens, dass ihr Lover Tavernier nicht kommt und zweitens, dass er mit einer anderen auf und davon sein könnte. Als Kontrast zu dieser arrivierten Liaison gibt es ein junges Pärchen, das Taverniers Auto klaut. Hier gibt es ebenfalls einen Mörder. Und Kommissar Lino Ventura gelingt die Verbindung zwischen beiden Fällen. Das ist der intellektuelle Anspruch, der bis zum Ende durchgehalten wird. In dieser Dimension findet die Lösung statt, wird erklärt, ist nachzuempfinden, die Tragik findet im Kopf des Zuschauers statt. Anhaltspunkte bekommt er höchstens von Jeanne Moreaus mitunter tränenreichem Gesichtsausdruck. Fotos erklären manches und Madame Caralas Abschiedsmonolog passt symmetrisch zur Eingangspassage. Hier wie da geht es um eine große, unglückliche Liebe. Ein toller, zweideutiger Titel weist den Weg und die Fahrstuhlmusik stammt vom Jazz-Gott der damaligen Zeit Miles Davis.






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