Factotum – Kritik

Bent Hamers neuer Spielfilm handelt vom unsteten Lebenswandel eines Autors, dessen Genie außer ihm selbst niemand zu erkennen scheint. Die Rede ist von Charles Bukowski, dem großen Underdog der amerikanischen Literatur des letzten Jahrhunderts.

Factotum

„Ich fotografiere einfach die Scheiße um mich herum, das ist meine Kunst“ – dieses Zitat Bukowskis ist programmatisch für Bent Hamers Factotum. Dem neuen Film des norwegischen Regisseurs liegt Bukowskis 1977 erschienener, zweiter Roman, zugrunde.

Dieser dreht sich, wie auch sein Debüt Der Mann mit der Ledertasche (Post Office, 1971), größtenteils um den unsteten Lebenswandel des literarischen Alter-Egos Henry Chinaski. Seine Jobs verliert der Protagonist im Wochentakt, Wohnungen und Frauen ebenso. Unübersehbare Konstanten in seinem Leben sind die Schreibmaschine und der Alkohol. Und letztlich die Hoffnung darauf, dass es Hoffnung gibt.

Bukowski wurde gerne als der poetische Chronist der amerikanischen Underdogs charakterisiert, ein alkoholkrankes, verlottertes Korrektiv zum American Dream. Unbedeutend als einzelne, bildet die Masse der kleinen Arbeiter in den Schlachthöfen, Postbüros, Fabriken und Tankstellen, von der seine Geschichten erzählen, jedoch die Grundlage des prosperierenden Amerikas.

Factotum

Einer dieser Arbeiter ist Henry „Hank“ Chinaski (Matt Dillon). Bereits in der ersten Szene verliert er seinen Job und schnell wird klar, dass es sich nur um einen von vielen handelte. Chinaski registriert den Verlust ziemlich gleichgültig, er weiß, dass es nicht das erste und sicher nicht das letzte Mal sein wird. Mit den Frauen hält er es gleich. In der Regel ähneln ihre Existenzen seiner, so auch die Jans (Lili Taylor). Die sexsüchtige Rothaarige und der Vamp Laura (Marisa Tomei) kommen als einzige Frauen des Films jedoch nicht über den Status der Kurzzeitbeziehung hinaus. Die restlichen Filmminuten verbringt Chinaski mit Trinken, Schreiben oder Pferdewetten.

Das Geschehen in Bent Hamers Film mutet dabei bewusst handlungsarm an. Einfache Figuren, vorhersehbare Handlungsstränge und wenige Entwicklungen waren stets der rote Faden in den Romanen Bukowskis. Eine Romanverfilmung, die dem gerecht werden will, hat sich folglich auf den Charakter Chinaski zu beschränken. Einen umfangreichen Plot sucht man vergeblich, vielmehr handelt es sich um eine Momentaufnahme einiger Tage im Leben des damals noch jungen Autoren. Hamer versteht es dennoch, diese auf den ersten Blick oberflächliche Geschichte mit Tiefgang zu versehen. Den Film durchzieht über weite Strecken hin ein für nordeuropäische Filme typischer Humor, den man bereits aus Hamers Kitchen Stories (2003) oder Josef Fares’ Kopps (2003) kennt. Die Dialoge sind leise, gelegentlich beinahe sentimental, während sich zwischen den Zeilen ein feiner, oft kaum wahrnehmbarer Witz verbirgt. Verbunden mit der gewollten Langsamkeit der Erzählweise ergibt sich ein stimmiges Konzept.

Factotum

Verdichtet wird die Atmosphäre durch die Aufnahmen des Protagonisten als anonymes Wesen im emotionslosen Großstadtdschungel. Zusätzlich werden die Gedanken, Ansichten und Wünsche des Autoren meist aus dem Off vorgetragen. Dass diese Stilmittel durchaus überzeugen können, verdeutlicht beispielsweise eine Szene, die Bukowski am Fenster einer verlassen wirkenden Fabrik zeigt. Die Kamera entfernt sich langsam vom Protagonisten, bis er, nur noch als Punkt in einer Wand erkennbar, scheinbar vom Gebäude verschlungen wird. Chinaskis Einsamkeit, seine Suche nach etwas, das er in all den Fabriken niemals finden wird, ist nicht zu übersehen.

Romanverfilmungen sind meist eine heikle Angelegenheit. Fans wollen das Buch wieder erkennen und Außenstehende eine gute Story serviert bekommen. Factotum ist zudem, wie das übrige Werk Bukowskis auch, stark autobiographisch durchsetzt. Kenner vermuten folglich eine Umsetzung, angesiedelt im Los Angeles der Siebziger Jahre. Bent Hamer drehte jedoch großteils in Minnesota, darüber hinaus hat er die Handlung der Vorlage auf ein späteres Jahrzehnt übertragen. Die überzeugend selbstsichere, ausdrucksstarke Darstellung Dillons sowie die charismatische Off-Stimme mögen Fans über diesen Verlust hinwegtrösten. Ein Vergleich mit Barfly (1987), für dessen Drehbuch Bukowski verantwortlich zeichnete, bleibt dennoch unumgänglich. Mickey Rourke mimte den Autoren darin überzeugend als rauen Saufbold. Hamer dagegen fokussiert seine Inszenierung auf das Leben außerhalb der Kneipen und Pferderennbahnen. Matt Dillon wirkt reflektierter, besonnener. Ihm fehlt jedoch die allgegenwärtige Selbstzerstörung, die auch für Bukowskis Leben charakteristisch war.

Hamers meist humoristische Darstellung ist eine legitime Form, das literarische Werk des Autors darzustellen, reicht aber nicht aus, um den Film unverkennbar zur Komödie zu machen. Es bleibt eine handwerklich gut umgesetzte Charakterstudie, die für Kenner des Schriftstellers trotz Wiedererkennungswert etwas glatt daherkommt und gleichzeitig Gefahr läuft, Neulinge durch die sich ständig wiederholenden Handlungsabläufe zu langweilen.

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Kommentare


Coal

Schade eigentlich. Aber es ist nicht einfach die unzähligen Belanglosigkeiten, die Bukowskis Werke ausmachen, in einen einzigen 90min.Film zu pressen. So gibt der Film nur einen kurzen Einblick in Buks Welt, wobei hier die positiven Zeiten immer noch zu stark bemessen wurden. Weiterhin ist es schade, dass die typische Vulgär-sprache nur ansatzweise übernommen wurde. Buk-Fans wie ich es bin, werden weder sonderlich begeistert noch übermässig enttäuscht sein. Allen anderen kann Film am A. vorbeigehen.


Dr.B.Bösch

in meinen Augen eine absolut misslungene Adaptation des/der Romane/Novellen Bukowskis. Als Bukowski Fan sozusagen der ersten Stunde, (da sprach man erst hinter vorgehaltener Hand von ihm) kann ich diesem Film nichts abgewinnen, alles viel zu anständig und sauber, Buko selber gepflegt und geschniegelt, ebenso seine Partnerinnen, wo bleibt das, seine Bücher wie ein roter Faden durchziehend Abstossende, seine fürchterliche Fäkalsprache das unappetitliche hoffnungslos desaströse Dahinvegetieren, er der selbst vor Leichenschändungen nicht zurückschreckte.
Seine Szenenbeschreibungen, die auch beim Leser ab und zu ein Würgen hervorrufen sind in diesem Film nicht einmal andeutungsweise wiedergegeben.
Einzig einigermassen gelungene Szene ist diejenige bei seinen Eltern.
In diesem Film fehlt es allgemein an Eindrücklichkeit und auch an Tiefgang.
Bei Bukowski gibt es keine Hoffnung






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