Factory Girl

Leben und Sterben in der Factory: Ein Biopic imaginiert das Leben des Warhol-Superstars Edie Sedgwick als seichtes Sixties-Rührstück von der Stange.

Factory Girl

Edie Sedgwick war das „It-Girl“ der 1960er Jahre. Aus gutem Hause, mit Cambridge-Ausbildung und dem elterlichen Vermögen in der Tasche geriet sie in New York in die Umlaufbahn der Factory, wurde Model und Andy Warhols erster Superstar. Ihre Auftritte in den Filmen des Pop-Artist, ihr ausschweifendes, in der Klatschpresse gutdokumentiertes Leben und ihr eigenwilliger Kleidungsstil, ließen sie zur Stilikone einer ganzen Ära werden. Edie Sedgwick war berühmt dafür, berühmt zu sein, sie war eine der ersten modernen Celebrities. Im Alter von nur 28 Jahren wurde sie schließlich das Opfer ihres atemlosen Lebensstils aus Parties, Drogen und schönem Schein. Bis heute gilt ihr kurzes, heftiges Leben im Blitzlicht als Paradebeispiel glamouröser Selbstzerstörung. Tatsächlich gibt es wohl kaum eine Person, die den viel zitierten Warhol-Satz von den 15 Minuten Ruhm besser verkörperte als sonst jemand vor oder nach ihr.

Regisseur George Hickenlooper beschränkt sich in seinem Biopic auf die Zeit zwischen Edies  Eintritt in die Factory-Familie 1965, der ihren Ruhm begründete, und ihrem Überdosis-Tod knapp sechs Jahre später. Es sind die wilden Jahre in Edies Leben, in der Factory kommt sie in Kontakt zum New Yorker Underground und den dort kursierenden Drogen. Vom unschuldig-aufmüpfigen Collegegirl wird Edie schnell zur benzedrin- und später heroinsüchtigen Dauer-Partygängerin.

Factory Girl

Factory Girl versucht, die Geschwindigkeit des Strudels, in den Edie gerät zu visualisieren, doch so richtig wild will der Film einfach nicht werden. Viel zu glatt wirkt die Erzählung, trotz Versuchen, zumindest an der Oberfläche aus dem Biopic-Einheitsbrei auszubrechen. Die einfallslose, konventionelle Montage und Kadrierung, die überwiegend den Look des Films prägen, werden immer wieder von stilistischen Ausreißern unterbrochen. Plötzlich sind die Bilder farbgesättigt, die Kamera wacklig, Lichtreflexe spielen auf der Linse, grobes Korn der Filmemulsion verschafft dem Material den Home-Movie-Look einer 8-Millimeter-Aufnahme. Auf der Tonspur evozieren typische, aber nicht zu bekannte Folkrock-Klänge die Prä-Hippie Ära.

Der Film fährt sämtliche Stilmittel auf, um den Zuschauer in Edies Zeit zu versetzen. Selbst Warhols Filme werden zum Teil recht detailgetreu nachinszeniert. Man hat seine Hausaufgaben gemacht, Sienna Miller als Edie und Guy Pearce als Andy Warhol sind ihren jeweiligen Vorbildern sehr ähnlich, tragen die richtige Kleidung, imitieren Gestik und Sprachrhythmus gekonnt. Doch die ständige Bemühung um Authentizität wirkt oft streberhaft. Zu perfekt inszenierte Sets, wie etwa die Factory, in der jeder Bildhintergrund mit säuberlich gestapelten Brillo-Boxen ausstaffiert wird, machen einen zu sterilen Eindruck. Es bleibt beim bloßen Aufzählen der Einzelteile, eine eigene, glaubhafte Welt vermag der Film nicht zu erschaffen.

Factory Girl

Die spürbare Distanz zu den Figuren, die dieser Umstand bewirkt, steht im krassen Kontrast zum Versuch, Einfühlung in Edies Geisteszustand zu ermöglichen. Doch auch der scheitert. Zu standardisiert sind die Bilder, auf die Hickenlooper zurückgreift – sei es, dass verschobene Doppel-Bilder physische und psychische Erschöpfung suggerieren sollen oder ruhige Momente des Glücks mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücksitz eines durch die Wälder New Englands brausenden Motorrads visualisiert werden; von softerotischen Liebesszenen am Kaminfeuer ganz zu schweigen.

Der Film lässt Edie aus dem Off ihre Geschichte als Konfession eines gefallenen Mädchens erzählen. In einer Therapiesitzung, die als Klammer des Films dient, legt sie über ihr Leben Rechenschaft ab. Hier verspielt Hickenlooper die Chance, mit Factory Girl etwas über die gegenseitige Beeinflussung von Kunst und Leben, von Mythos und vermeintlicher Realität auszusagen. Stattdessen wird die Legende Edie Sedgwick in ein Biopic-Korsett gezwängt, das als klare Abfolge von schlimmer Kindheit, gestörter Adoleszenz und verkorkstem Erwachsenendasein ihren stetigen Absturz zu erklären versucht.

Factory Girl

Die Factory Girl-Version von Edies Biographie wird bestimmt durch die Männer, von denen sie umgeben ist. Da ist zunächst Fuzzy, ihr despotischer Vater, der als freudsches Damoklesschwert über seiner Tochter baumelt. Er ist der erste in einer vom Film nahtlos geknüpften Reihe von patriarchalen Fieslingen, die das Leben des Societygirls in die Einbahnstraße Drogentod lenken. Und dann Andy Warhol: Hickenlooper macht ihn zu einer fast gleichberechtigten Hauptfigur, die im Beichtstuhl Einblick in ihr Seeleneben gibt. Oder besser: in die Leere ihrer Seele, denn Guy Pearces Interpretation seiner Figur nimmt oft karikaturhaft bösartige Züge an. Sein Warhol ist ein blutleerer, vampirhafter Bösewicht, der die Menschen, die ihn umgeben, so lange aussaugt, bis sie keinen Nutzen mehr für ihn haben und er sie wegwirft, als habe er sie nie gekannt. Der Film gibt der Präsentation seiner Macken und Neurosen den Platz, der fehlt, um die eigentliche Protagonistin zu mehr zu entwickeln als einer nervigen, überdrehten jungen Frau, die todsicher immer die falsche Entscheidung treffen wird.

Den heldenhaften, integeren Gegenpart zum Comicbuch-Antagonisten Warhol bildet ein von Hayden Christensen gespieltes Bob-Dylan-Derivat, das Bücher liest und prosaische Worte durch die Zähne nuschelt, doch außer Sonnenbrille und Motorrad wenig mit seinem realen Vorbild zu tun hat. Factory Girl dichtet den beiden eine leidenschaftliche Affäre an, die den Zorn des eifersüchtigen Warhol heraufbeschwört. Doch als die zunehmend derangierte Undergroundqueen ihre eine Chance auf Veränderung nicht nutzt, heiratet der intellektuelle Folkstar eine andere Frau und schlägt damit einen weiteren Nagel in Edies Sarg.

Factory Girl

Biopics sind immer Legenden-Maschinen. Sie verkürzen das Leben einer Person der Zeitgeschichte auf konsumierbare Spielfilmlänge und strecken, dehnen und stauchen bereits fiktionalisierte Biographien zwecks dramaturgischer Stimmigkeit. Dass Hickenlooper also die Lebensgeschichte seiner Protagonistin an einigen Stellen stark zusammenkürzt und umschreibt, kann man ihm nicht zum Vorwurf machen, zumal sie selbst sicherlich zu Lebzeiten kräftig an ihrer eigenen Mythologisierung mitgestrickt hat. Dass er ihr Leben jedoch zu einem weichgespülten Psychodrama umfunktioniert, wird Edie Sedgwick definitiv nicht gerecht.

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