Faceless – Kritik

Selbst die Abschweifungen bleiben im Takt. In seinem Georges-Franju-Remake verkommt Jess Francos Kino zur bloßen Marke.

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Um das Motto, unter dem diese Textreihe steht, gleich abzuhaken: Ganz am Anfang, während der Titelsequenz, in der Helmut Berger, Brigitte Lahaie und Christiane Jean in glücklicher Dreisamkeit durch Paris flanieren, rückt Jess Franco im Hintergrund jede Menge Weihnachtsdekoration ins Bild. Und wenn am Ende des Films die Überlebenden in einem herrschaftlich eingerichteten Wohnzimmer sich einander zuprosten, wünschen sie sich ein Frohes Neues. Das war’s dann auch schon mit dem christmas content. Die Handlung von Faceless spielt in jenen Tagen „zwischen den Jahren“, in denen in der guten alten Zeit, wenn man der Überlieferung traut, der geschäftige Alltag zur Ruhe kam und Raum für Muße blieb.

In Faceless wird der Alltag zwar ebenfalls suspendiert, aber nur, um stattdessen eine gut geölte Menschenvernichtungsmaschine anzuwerfen. Die wiederum arbeitet nicht nach den Maßgaben einer sozialen Wirklichkeit, sondern nach denen des Kinos. Das Grundgerüst stammt aus Georges Franjus Horrorklassiker Das Schreckenhaus des Dr. Rasanoff (1960), oder, wie der Film besser übersetzt in der Fernsehausstrahlung hieß: „Augen ohne Gesicht“. Bei Franco übernimmt Berger die Rolle des furchtbaren Arztes, der das nach einer Säureattacke zerstörte Antlitz seiner Schwester (Jean) durch eine Gesichtstransplantation wiederherstellen möchte – und deshalb gemeinsam mit seiner Assistentin (Lahaie) auf die Jagd nach jungen Frauen geht, die als unfreiwillige Spenderinnen in Frage kommen.

Remake mit Additionsprinzip

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Diese auch heute, mehr als 50 Jahre später noch hochgradig verstörende und in ihrer perversen Verschaltung von Blick- und Begehrensstrukturen implizit kinoreflexive Grundkonstellation setzt Franco einerseits so blutig und buchstäblich wie nur möglich ins Bild; und reichert sie andererseits mit weiteren Figuren und Nebenhandlungen an. Freilich nicht, um die Anordnung zu verkomplizieren. Stattdessen geht Franco (dessen Nachname nicht umsonst wie eine Verhärtung des weich verschliffenen Franju wirkt) strikt additiv vor: mehr weibliche Opfer, mehr männliche Täter. Zwischendurch gibt es außerdem Vergewaltigungen und jede Menge Szenen, in denen spitze Gegenstände in menschliche Schädel eindringen; beziehungsweise in Schädelattrappen, die nach den Attacken stets sekundenlang in voller Pracht im Bild stehen bleiben.

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Auf Täterseite folgt aus dem Additionsprinzip: Gleich drei Terrorärzte treiben ihr Unwesen. Zwei davon haben ihr Handwerk in Auschwitz gelernt. Einer der beiden Mengele-Schüler trägt den Namen Dr. Orloff, was auf eine Linie im Werk Francos verweist, der dieser Figur gleich mehrere Filme gewidmet hat. Der erste davon, Der schreckliche Dr. Orloff (1962), war ebenfalls schon ein loses Augen-ohne-Gesicht-Remake – und ein ziemlich schönes, das zwar nicht ganz die alptraumhafte Sogkraft der Vorlage entfalten konnte, sie aber auf angenehme Weise mit etwas geläufigeren Traditionen des effektbewussten pulp-gothic-Kinos verband. Faceless ist der Versuch, das Ganze mit mehr Geld, mit halbwegs bekannten Schauspielern und unter den ästhetischen Bedingungen der 1980er Jahre noch einmal zu versuchen. Leider ist der Versuch weitgehend gescheitert.

Interessantes Scheitern

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Aber auf nicht uninteressante Weise. Denn der Film zeigt eindrücklich, wie zumindest ein großer Teil des europäischen Genrekinos der 1960er und 1970er Jahre in den 1980ern vor die Hunde gegangen ist, wie ihm alle Ambivalenzen, alle Möglichkeitsräume ausgetrieben wurden zugunsten einer stur positivistischen Aufmerksamkeitsökonomie. Bleibt man bei Franco selbst, so sind zum Beispiel die Zooms verschwunden, die in seinem Kino vor allem in den 1970ern allgegenwärtig waren. Das mag sich nach einem allzu formalistischen Einwand anhören; aber der Franco’sche Zoom war immer ein Moment des Überschusses, der Unbestimmtheit. Der Film lässt sich für einen Moment überwältigen, von einem erotischen Detail, oder auch nur von einer Stimmung (viele Franco-Zooms haben gar kein Objekt, führen buchstäblich ins Nichts), er gibt einem etwas fahrigen Impuls nach, verformt durch sein eigenes Begehren die Welt, die er darstellt.

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Nichts ist davon mehr enthalten im stabilen, fast akademisch anmutenden Framing von Faceless. Stattdessen ist das ein Film, der über seine Attraktionen streng kaufmännisch verfügt, sie stolz ausstellt, wo er welche zur Verfügung hat, und sie weglässt, wo er sie nicht benötigt. Vor allem in erotischer Hinsicht bleibt alles zahm – schließlich kann in den 1980ern, wer darauf scharf ist, statt dem Horrorfilm einen Porno ausleihen. Es gelingt Franco zwar nicht, die ihm eigene ruppige Erotomanie ganz zu verleugnen; die Kamera blickt schon immer mal wieder aus der klassischen Spannerperspektive zwischen die Beine seiner mehrheitlich üppigen Darstellerinnen. Christopher Mitchum (dem die halbernste Nonchalance, mit der die Hauptdarsteller durch den Film laufen, besser steht als zum Beispiel Berger; einige Nebendarsteller dürfen dafür wild chargieren, aber das wirkt genauso freudlos) hat als amerikanischer Privatdetektiv einige hervorragend schmierige Momente; insbesondere, wenn er einer Frauenleiche in den Schritt greift und sie anhand eines „diskret platzierten“ Muttermals identifiziert. Und einmal beginnt eine sich aufreizend räkelnde, blonde Walküre aus heiterem Himmel auf deutsch zu singen. Aber da verlässt Berger, dem die Arie gilt, schleunigst das Zimmer. Faceless ist ein Film, in dem selbst die Abschweifungen strikt eingetaktet sind.

Zugekokste Falschheit

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Das alles passt, könnte man jetzt einwenden, zu einer Geschichte, in der es darum geht, dass Leute einander auf Sicht- und Genießbares reduzieren und in der jedes Begehren mit Preisschild daherkommt. Das stimmt wahrscheinlich. Genauso wie die stilistische Ernüchterung zu den fürchterlich clean abgemischten Mainstreampopnummern passt, die die Tonspur bei jeder Gelegenheit zukleistert. In sich rund ist das schon, aber nur insoweit sich Falsches gut mit Falschem verträgt. (Nächster Einwand: Ja klar, es gibt auch wunderbare Ästhetiken des Falschen, Francos eigene ist in seinen schönsten Filmen vermutlich ebenfalls eine. Aber irgendwie passt diese spezielle, geldgesättigte, zugekokste Falschheit, die aus jeder Faser von Faceless spricht, nicht zu ihm. Eher hätte vielleicht ein Filmemacher wie Paul Verhoeven, der Großmeister der frenetischen Überaffirmation kapitalistischer Oberflächen aus dem Projekt etwas Interessantes herausholen können.) Franco hat vorher wie nachher immer wieder bewiesen, dass ihn unwirtliche Produktionsbedingungen nicht auf Dauer einengen können. Hier aber droht er zu seiner eigenen Marke zu verkommen.

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