Eyewitness

In der Nacht sind alle Mörder blau. Mit einem düsteren und minimalistischen Giallo über eine blinde Mordzeugin bringt Lamberto Bava 1989 sein großes Jahrzehnt mit einem Paukenschlag zu Ende.

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Müsste man das Kino der 1980er Jahre mit einem Farbton beschreiben, wäre es ein kühles Blau. Besonders das Genrekino dieser Zeit überzieht ein metallischer Schimmer, der den Filmen etwas sehr Cleanes verleiht, zugleich aber auch eine geheimnisvolle Unergründlichkeit. Bevor das Blau im nächsten Jahrzehnt verblassen sollte, ließ Lamberto Bava es in einem schnörkellosen Giallo noch einmal richtig aufleuchten. Eyewitness (Testimone Oculare, 1989) steht für einen Übergang – hin zur nächsten Dekade und damit zu einer neuen Ästhetik, aber auch weg von einer Ära, die für den italienischen Regisseur sowohl in quantitativer wie auch kreativer Hinsicht den Höhepunkt seiner Karriere darstellt. Dabei ist der Thriller über eine blinde Mordzeugin, die in einem urbanen Reich der Dunkelheit um ihr Leben fürchten muss, ein für Bava eher untypischer Film. Man findet hier nichts von der inszenatorischen Extravaganz, den selbstreflexiven Spielereien oder den Albernheiten des Horrorkinos, die zu seinen Merkmalen zählen, sondern stattdessen ein fast makellos schönes Stück Kunsthandwerk.

Menschenfeindliche Räume

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Dabei verleiht nicht nur die Farbwahl Eyewitness eine kalte, beklemmende Atmosphäre, die lediglich von den reduzierten Synthie-Akkordfolgen von Bavas Hauskomponisten Simon Boswell ein paar Grad wärmer gedreht wird. Auch bei den Schauplätzen handelt es sich um menschenfeindliche Orte ohne einen Funken von Persönlichkeit: ein Einkaufszentrum, durch das die Kunden wie lebende Tote laufen, ein windiges Polizeibüro, bei dem man jederzeit damit rechnet, das die Wände einstürzen, oder ein anonymes Hotelzimmer, in dem die Hauptfigur Elisa (Barbara Cupisti, die auch in Lucio Fulcis The New York Ripper (1982) und Dario Argentos Opera (1987) zu sehen ist) erfolglos Schutz sucht. Das einzige Zuhause, das zumindest theoretisch so etwas wie Geborgenheit ausstrahlt, ist das herrschaftliche Anwesen des ultra-sleazigen Mörders. Aus dessen Identität macht Bava – anders als die meisten Gialli – von Anfang an keinen Hehl. Die Spannung, von der Eyewitness lebt, speist sich nicht aus einem Whodunnit, sondern hält es mit der Hitchcock’schen Variante von Suspense: Immer wieder sehen wir eine etwas orientierungslose Elisa in gefährlichen Situationen und müssen darum bangen, dass sie es rechtzeitig bemerkt.

Zwei gegen den Rest der Welt

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Aber obwohl Elisa blind ist, erlauben es ihr die umso geschärfteren anderen Sinne, die Präsenz des Bösen zu spüren. Das Problem ist vielmehr, dass die männlichen Polizisten ihre diffusen, sich eher auf das eigene Gefühl als auf konkrete Fakten berufenden Beschreibungen als hysterischen Weiberkram abtun. Obwohl der Film vor allem schöne Frauen auf ästhetisierte Weise zu Schaden kommen lässt, besitzt er doch auch ein sicheres Gespür für die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Dabei spitzt er das im Genrekino sehr beliebte Bild der verletzlichen Frau noch weiter zu. Weibliche Figuren müssen darin ohnehin schon immer sehr ungeschickt sein. Sie kriegen nicht nur leichter Angst als Männer, sie scheitern auch regelmäßig an ihrer Flucht – wegen gehbehindernder Röcke, abgebrochener Absätze oder einfach nur, weil sie sich dumm benehmen. Elisa wirkt durch ihre Blindheit sogar noch hilfloser. Weil sie alleine leicht überfordert ist, steht ihr ein martialischer Aufpasser zu Seite (Giuseppe Pianvitti), der seine eigene Unsicherheit hinter einem breiten Kreuz und einem abschreckenden Narbengesicht verbirgt und dann auch noch Karl heißt. Er nimmt Elisa zwar durchaus als attraktive Frau wahr, ist ihr fast schon hörig und schaut ihr in der Umkleidekabine verstohlen auf die Brüste, aber das Verhältnis zwischen den beiden ist eher ein geschwisterliches: eine Zweckgemeinschaft zweier Outcasts, die ihre Stärken vereinen, um gemeinsam unschlagbar zu sein.

Ein stigmatisierter Film

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Bava stellt seiner Protagonistin jedoch auch ein love interest an die Seite – einen zunächst noch knallharten Polizisten, der die Posen amerikanischer Ermittler imitiert, mit seinem Lockenkopf und der markanten Nase aber genauso aussieht, wie man sich einen richtigen Römer vorstellt. Auch er bevormundet Elisa zunächst, wird sich aber bei einer gemeinsamen Taxifahrt, bei der Elisa ihm die Feinheiten der haptischen Wahrnehmung näherbringt, seiner eigenen Grenzen bewusst. Was Eyewitness im Gewand eines packenden Thrillers erzählt, ist letztlich eine Selbstermächtigungsgeschichte. Wie in einigen amerikanischen Slashern – die als Weiterführung des Giallos gelten, ihre Hochzeit bei diesem Film aber auch schon wieder einige Jahre hinter sich haben – geht es um eine Frau, die durch eine Extremsituation über sich selbst hinauswächst. Wenn es in einem Blindenheim schließlich zum verstörenden, fast an Romeros Die Nacht der lebenden Toten (Night of the Living Dead, 1968) erinnernden Höhepunkt kommt, wird endgültig klar, dass Elisas Stärke auch durch ihr doppeltes gesellschaftliches Stigma nicht gemindert wird.

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Auch Eyewitness ist gewissermaßen ein stigmatisierter Film. Bevor vor einigen Jahren die große Serien-Revolution ins Rollen kam, haftete Fernsehfilmen häufig noch der Ruf des Zweitklassigen an. Wer es nicht auf die große Leinwand geschafft hat, musste sich eben mit dem kleinen Bildschirm zufriedengeben, sich faulen Kompromissen beugen und konventionelleren Sehgewohnheiten anpassen – so die landläufige Meinung. Es gibt wenige Regisseure, die dieses Vorurteil so schlagkräftig widerlegen wie Lamberto Bava. Ein Großteil seines Schaffens ist fürs Fernsehen entstanden; und dabei handelt es sich keineswegs um Kleinformatiges, sondern ganz im Gegenteil um überraschend smarte und komplexe Werke. Eyewitness sieht man seine Herkunft auf den ersten Blick vielleicht eher an, weil die Inszenierung bescheidener und die Erzählweise ökonomischer ist. Aber letztlich verhält es sich mit ihm wie mit seiner Heldin: Man sollte sich nicht von Eigenschaften täuschen lassen, die zu Unrecht als Schwächen gelten. Dahinter kann sich nämlich eine ungeheure Kraft verbergen.

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