Eyes of Crystal

Ein fantasievoller Massenmörder, ein Polizist, der eine traumatische Vergangenheit zu verarbeiten hat, und viel Blut, das auf möglichst kunstvolle Art und Weise vergossen wird. Eros Pugliellis Film bietet alles, was Freunde des italienischen Genrekinos sich nur wünschen können.

Eyes of Crystal

Kommissar Amaldi (Luigi Lo Cascio) ist im Dauerstress. Nicht nur treibt ein offensichtlich geistesgestörter Massenmörder, der seinen Opfern einzelne Körperteile entfernt und durch Prothesen ersetzt, sein Unwesen, auch die Studentin Lucia (Desislava Tenekedjieva), zu der er sich hingezogen fühlt, wird von einem Unbekannten bedroht. Außerdem hat der Polizist mit traumatischen Erlebnissen in seiner eigenen Vergangenheit zu kämpfen, die er noch nicht angemessen verarbeitet zu haben scheint.

Amaldi ist die Hauptfigur eines italienischen Thrillers, der an eine in den letzten zwei Jahrzehnten mehr und mehr in Vergessenheit geratene Tradition anschließt: den Giallo. Dieses spezifisch italienische Genre hat seine Wurzeln in den sechziger Jahren, während der Hochphase des populären italienischen Kinos, und wurde in den Siebzigern vor allem durch die Arbeiten Dario Argentos international bekannt. Thema dieser, auf der Handlungsebene orthodox psychoanalytischen Filme, als deren geistiger Urvater Alfred Hitchcocks Psycho (1960) angesehen werden kann, waren meist psychopathische Serienkiller, deren Krankheitsbild stark von sexuellen Perversionen geprägt ist und sich klassisch freudianisch in der Kindheit der Täter konstituierte.

Eyes of Crystal

Die Besonderheit des Giallo ist struktureller Natur: die Frage, wer der Täter ist, interessiert meist wenig. Entscheidender ist das Motiv des Mörders und vor allem die Frage, wie er seine Tat umsetzt. Der minutiösen Beschreibung der Bluttaten sowie ihrer psychosexuellen Hintergründe entspricht eine elaborierte Bildsprache. Die Meister des Giallo waren meist ausgezeichnete Regiehandwerker mit einem Hang zum Ornamentalen: Farbsymbolik, exzessiver Einsatz von Spiegeln und ähnlichen optischen Hilfsmitteln sowie zusätzliche Kadrierungen innerhalb des Bildraums durch ungewöhnliche Kamerapositionen vollzogen die pathologische Verfasstheit der Serienkiller filmisch nach, lieferten jedoch vor allem die visuellen Attraktionen eines Genres, in welchem ein effektvoll abgefilmter Mord letzten Endes immer wichtiger war als psychologische Kohärenz.

Eyes of Crystal (Occhi di cristallo) evoziert Motive und Erzählkonventionen des Giallos, versucht jedoch nicht, dessen Stilistik zu kopieren. Pugliellis Filmsprache ist auf der Höhe der Zeit, bedient sich nicht nur bei Argento und Co., sondern entnimmt viele Elemente den amerikanischen Serienkillerfilmen der neunziger Jahre wie beispielsweise David Finchers Sieben (Se7en, 1995). Die vielmals noch im Gothik Horror verwurzelten Bildklischees der Genreklassiker weichen einem zeitgenössischen Großstadtdesign, welches in rasanten Schnittfolgen präsentiert wird. Übernommen hat Puglielli dagegen das Stilbewußtsein der Vorbilder. Auch Eyes of Crystal stellt im Zweifelsfall den optischen Effekt über die Erzähllogik. Die Bildideen funktionieren größtenteils hervorragend und sind überaus originell, verweisen auf einen Regisseur, der im Rahmen des Genres seinen eigenen Weg finden möchte.

Eyes of Crystal

Eyes of Crystal entstand in einer italienischen Kinolandschaft, die mit der von den Cinecittà-Studios dominierten Filmindustrie vergangener Jahre wenig gemein hat. Die Zeiten, in welchen eine kontinuierliche Produktion von Genrefilmen die handwerklichen Qualitäten der einzelnen Werke garantierte, und Regisseure innerhalb des Systems ihr Können Film für Film verfeinern und ausbauen konnten, sind vorüber.

Unter den aktuellen Voraussetzungen erscheint die Produktion eines soliden, spannenden Genrefilms wie Eyes of Crystal wie ein kleines Wunder. Weniger überraschend ist, dass Pugliellis Werk phasenweise durchaus Schwächen aufweist. Amaldi etwa ist zwar mit dem verletzlich wirkenden, melancholischen Luigi Lo Cascio perfekt besetzt, seine Figur wird jedoch nicht angemessen ausgearbeitet. Die zusätzliche psychopathologische Dimension, die dadurch entstehen soll, dass nicht nur der Gejagte, sondern auch der Jäger traumatisiert ist, wird nicht konsequent in die Gesamtstruktur integriert und erscheint als ein Tribut an Genrekonventionen. Auch einige der anderen Subplots werden unbefriedigend aufgelöst oder bleiben in der Luft hängen. Ähnliche Unsicherheiten unterliefen jedoch auch den Vorbildern, und wie diese macht Eyes of Crystal solche Schwächen durch phantasievolle Bildkompositionen und einen gut aufgebauten Spannungsbogen wett.

Ist Eyes of Crystal Vorbote einer Renaissance des italienischen Genrekinos? So sehr dies zu wünschen wäre, die Voraussetzungen hierfür sind in den italienischen Produktionszusammenhängen nicht in Sicht. So wird Pugliellis Werk wohl ein einsamer Nachzügler eines wiederzuentdeckenden Kapitels Filmgeschichte bleiben.

 

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