Exil

Die Sehnsucht nach Musik, irgendeiner Art von Sinn und der unbekannten Heimat treibt das Pärchen Zano und Naïma auf die Straße Richtung Algerien. In unbehauen sinnlichen Sequenzfetzen gelingt es Tony Gatlif, die Stimmung dieser Reise fühlenswert einzufangen.

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„Et si on allait en Algérie?“. Wie wäre es, wenn wir nach Algerien gingen? Zanos (Romain Duris) Vorschlag trifft seine Freundin Naïma (Lubna Azabal) völlig unverhofft und löst zuerst nicht mehr als entgeistertes Gelächter aus. Kaum später sind die beiden jedoch schon unterwegs, um sich von Paris aus nahezu mittellos ihren Weg quer über die Iberische Halbinsel nach Nordafrika zu bahnen. Die Bewegung ist losgetreten und es bedarf genauso weniger Worte, die Wanderschaft in Gang zu halten wie für ihre abrupte Initialzündung. Denn Zano, der seine Eltern, zwei „pieds-noirs“, auf dem Weg zum ersten Algerienurlaub seit der Repatriierung bei einem Autounfall verlor, und Naïma, deren Vater sich weigerte, Arabisch mit ihr zu sprechen, suchen nicht nach Erklärungen, sondern im Exil vom Alltag nach einer eigenen Erfahrung des fremden Herkunftslandes der Eltern, an die nur noch schmerzhaft verheilte Narben erinnern.

Regen prasselt auf die Windschutzscheibe der Lokomotive, die Gleise laufen Richtung Süden zusammen, Zano und Naïma sitzen im Zug. Zano trägt wie immer seine Kopfhörer, Naïma klopft unaufhörlich mit ihrem Fuß gegen die Fensterscheibe des Abteils. Das Prasseln, das Klopfen und die monotonen Geräusche des fahrenden Zuges verflechten sich und werden Rhythmus, bis sie schließlich in einem elektronischen Musikthema münden. So wie Lars von Triers Protagonistin Selma (Björk) in ihrer Fantasie den stumpfen Fabrikalltag in Dancer in the Dark (2000) zum Klingen bringt, so beschönigt auch hier Musik die eher trostlose Welt und stimuliert einen Freiheitsdrang, der bisher in einem tristen Pariser Hochhaus eingesperrt schlief. Losgelöst vom Alltag, toben Zano und Naïma nun unbändig und impulsiv ihrem Ziel entgegen, fahren schwarz, wandern im Regen, waschen sich in Dorfbrunnen und schlafen im Freien. Sie begegnen Sinti und Roma, illegalen Einwanderern aus Nordafrika, einem Kugelschreiberverkäufer in der marokkanischen Wüste sowie vielen anderen mehr.

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Tony Gatlif setzt dabei fast vollständig auf die Momentaufnahme, die Beobachtung von Situationen, die sich schließlich collageartig zu einem Reisefilm zusammenfügen, dessen Landschaftsveränderungen sich auch musikalisch kartografieren lassen. Die elektronische, dissonante Musik des Filmbeginns wird je näher Algerien rückt immer lokaler, folkloristischer. Mehr als eine touristische Begleiterscheinung wird sie zur Triebfeder und zum Kommentar der aus fundstückhaften Augenblicken zusammengesetzten Reise, in deren Verlauf sich Zano und Naïma von Tanz zu Tanz, von kurzer Begegnung zu flüchtiger Impression hangeln. Insbesonders Naïma scheint dabei mehr vorwärts zu tanzen als zu wandern: Sie unterliegt der sexuellen Attraktion der Flamenco-Klänge in Sevilla, hüpft sich auf einem brachliegenden Fußballfeld fern von allen Zwängen die Seele zu simpel gestrickter spanischer Dance-Musik aus dem Leib und fällt schließlich in Algerien während eines sufistischen Rituals in eine wild zuckende Trance. Selbst in den unmusikalischen Momenten beugen Zano und Naïma sich dem Rhythmus ihrer Körper. Sie umgarnen und balgen sich bis ihre tänzelnden Körper zueinander finden. So auch in einer der schönsten Szenen des Filmes, in der die beiden beim Obstpflücken beginnen, lustvoll in immer mehr Äpfel zu beißen bis sie sich schließlich versteckt im grünen Laub in den Armen liegen.

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Entgegen dieser eindringlichen physischen Präsenz, die durch viele Großaufnahmen zusätzlich herausmodelliert wird, rauschen die beiden Protagonisten sonst relativ zweidimensional durch die Bilder. Anstelle des Innenlebens lässt Gatlif lieber ihre unmittelbar wirkende Plastizität und zappelnde Energie in den unterschiedlichsten Situationen sprechen, die mehr Schmerz, Sehnsucht und Leidenschaft offenbaren als es erklärende Worte oder Sequenzen vermögen könnten. Der vom kanadischen Filmkritiker Brian Gibson treffend als „travelogue“ bezeichnete Film besticht vor allem durch die Konzentration auf die atmosphärisch fesselnde Nuance, nicht durch sein griffiges, geschlossenes Ganzes. Lediglich en passant streift Gatlifs „cinema nomade“ (Angrisani/Tuozzi 2003) die Figuren, ganz wie die großen Themen, den Algerienkonflikt beispielsweise oder den Einwanderungsstrom nach Europa, und verleiht Exil (Exils) dadurch seine Komplexität. Es ist genau dieses polyphone Assoziieren, das Gatlifs mittlerweile 14. Spielfilm herausragend werden lässt und ihm 2004 in Cannes den Preis für die beste Regie bescherte. In Exil scheint darüber hinaus sein bisheriges Werk zusammenzustoßen und sich die Vereinigung seines Lebens und Wirkens in Bruchstücken zu vollziehen. Exil bedeutet auch für den aus Algerien stammenden und in Frankreich lebenden Rom Gatlif eine Reise zurück ins Heimatland, deren Wegesrand die Sinti und Roma aus Corre Gitano (1981), Die Prinzen (Les Princes, 1983), Latcho Drom (1993) und Gadjo Dilo (1998) sowie der Flamenco aus Vengo (2000) säumen.

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