Excision

Ekel als Ästhetik des Widerstands: Excision ist gleichzeitig verstörende Psychostudie und dunkelschwarze Splattersatire.

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»Kann man sich mit einer Geschlechtskrankheit anstecken, wenn man Sex mit einem Toten hat?« Mit dieser Frage in der Biologiestunde führt sich die soziophobe, aber hochintelligente Teenagerin Pauline ein, mit lustvoller Hässlichkeit dargestellt vom Model AnnaLynne McCord. Der Tonfall von Richard Bates Jr.s Regiedebüt Excision – der Langfilmadaption seines gleichnamigen Kurzfilms von 2008 – wird auch fortan nicht mehr wesentlich freundlicher werden. Durch die Augen Paulines misst er den bigotten Kosmos der Familienhölle wie des Teenagerlebens aus und führt, nach dem Scheitern des Lebenstraums vom Medizinstudium, zu einem blutigen Finale.

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Tatsächlich stellt Bates bereits im Casting alle Signale auf offensive Grenzüberschreitung: von Traci Lords, die einst durch das minderjährige Mitwirken in Pornofilmen zuerst zum Skandalon und dann in die Popkultur aufstieg, über den Twin Peaks-Inzestmörder Ray Wise, von Malcolm McDowell (Uhrwerk Orange, A Clockwork Orange, 1971; Caligula, 1979) über Roger Bart, den Yuppie-Psychopathen aus Eli Roths Meisterwerk Hostel 2, bis hin zu John Waters, der in der verqueren Welt von Excision einen etwas verstörten Priester spielen darf, ist der Film bis in die kleinste Nebenrolle originell und auf den Punkt besetzt.

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Dabei geht er freilich nie in die Falle so vieler postmoderner Splatterfilme, die Cameos als reinen Selbstzweck inszenieren und sich so in einer nerdigen Episodendramaturgie verlieren. Nein, in der Welt von Excision macht die Präsenz dieser mehr oder minder ikonisch eingesetzten Darsteller, die vor allem anderen ihre Aura des Abjekten – den Hang zum Abseitigen, den Ekel als subversiven Terrorakt gegen die Schrecken der Normalität – in den Film einbringen, sogar sehr viel Sinn. Wie könnte ein Teenager-Mädchen auch nicht zur Psychopathin werden, wenn Malcolm McDowell ihr Mathelehrer ist und sie statt in die dringend angebrachte Psychotherapie zu John Waters in einer Soutane geschickt wird?

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Der Humor von Excision ist dunkelschwarz und die Anzahl treffsicherer Pointen über die recht dichte Laufzeit von gerade einmal 80 Minuten beträchtlich – und dann irgendwann, zunächst fast unmerklich, schleicht sich da auch noch eine ganz andere Art von Unwohlsein ein, die das zelebrierte Vergnügen am Gross-out-Exzess transzendiert und sich irgendwo tief unter der Haut festbeißt. Irgendwann überträgt sich nämlich der Horror, der aus dem Aufwachsenmüssen in diesem spießig-religiös-bürgerlichen Schreckensszenario erwächst, auf den Zuschauer, der zuerst davor erschrickt, dass diese einsame, verstörte, traurige Soziopathin ihm tatsächlich zur Identifikationsfigur geworden ist – und dann Angst bekommt vor den finsteren Orten, an den sie ihn im weiteren Verlauf von Excision noch führen wird.

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