Ex Libris: New York Public Library

Filmfest Hamburg 2017: Für die Dauer eines Films an das Gute glauben. Frederick Wiseman würdigt eine moralische Institution und ihre Prozesse. Warum wir die New York Public Library und diesen Regisseur brauchen.

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Die Ruhe und das Glück, sie sind seltsame Kumpanen. Glück kann aus der Ruhe entspringen, wenn ein Kampf für Gerechtigkeit gewonnen ist, ein emotionaler Schmerz gelindert wurde oder physisch schwer ertragbare Geräusche auf einmal von Stille abgelöst werden. Und Glück kann Ruhe stiften, weil das Gewissen nicht mehr laut aufs Herz pocht, der Schritt leichter wird oder ein Lächeln Probleme erst gar nicht entstehen lässt. Und doch braucht man weder Glück für die Ruhe noch Ruhe für das Glück, sie stehen nebeneinander und finden nur manchmal zueinander. Sie beäugen sich, zweifeln am anderen, das Glück fragt die Ruhe, ob sie nur dem Sturm vorgelagert ist, die Ruhe fragt das Glück, ob es sich in nervöse Fröhlichkeit oder Aufgeregtheit verwandeln wird. Bei Frederick Wiseman aber sind sie auf seltene Weise völlig eins – und mich erfasst das Glück der Ruhe schon beim Gedanken an seine Filme.

Sich sehenden Auges hineinfallen lassen

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Auf keine Kinoerfahrung habe ich mich in den letzten Wochen so sehr gefreut wie auf die mit Ex Libris: mit seiner insistierenden Gelassenheit schauen lernen, die Dauer auskosten, das Vergnügen wiederfinden, aus Neugier zu beobachten. Und für die Dauer eines Films wieder an das Gute glauben. Nach einer Universität (At Berkeley, 2013) , einem Museum (National Gallery, 2014), einer Nachbarschaft (In Jackson Heights, 2015), um nur die neuesten Arbeiten zu nennen, jetzt also eine Bibliothek. Ex Libris ist genau das, was man sich vorstellt, wenn man an Wiseman denkt: ein nuancen- und facettenreiches Porträt einer Institution, ihrer Abteilungen, ihrer Versammlungen, ihrer Veranstaltungen, ihrer Dienste und Techniken. Völlig entspannt beobachtet, ohne These, ohne Beweisführung, ohne Interviews oder Kommentar, so schlicht und aufrichtig, dass es unheimlich befriedigend ist, sich sehenden Auges hineinfallen zu lassen.

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Mit Ex Libris vermittelt Wiseman eine Erfahrung, die in völligem Einklang mit seinem Sujet erscheint, diesem Archiv, das sich in den Dienst eines neugierigen, recherchierenden, lernwilligen Publikums stellt und so viel mehr als Bücher zu bieten hat. Es ist eine filmische Erfahrung, die ich nur ungern außerhalb des Kinos (etwa zu Hause auf dem Beamer) nachstelle, mir ist die Vorführung im Kino dafür sogar noch wichtiger als im Fall intensiver Überreizungen oder Übersteigerungen, die manche Achterbahn-Filme produzieren können und schon deshalb in den abgedunkelten Raum kollektiver Erlebnisse gehören. Die Sensibilisierung von Neuronen und Sinnen dagegen, die sich hier vollzieht, hat etwas zutiefst Demokratisches – in der Art, wie sie Dinge zur Wahl stellt und die Mündigkeit des Zuschauers voraussetzt – und fordert mich deshalb umso eindringlicher. Sie fordert mich auf, bewusst Subjekt der Erfahrung zu sein, und erinnert mich an meine Fähigkeiten, zunächst zur Rezeption, später zur Reflexion.

Schwer entzifferbare Reaktionen

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Nicht das Laute oder Schnelle ist hier wichtig, sondern jedes Detail in diesem Gefüge, das hilft, der Aufklärung zu vertrauen und vielleicht auch zu glauben. Glauben an die Aufklärung? Das klingt widersprüchlich, bei Aufklärung denkt man schließlich an Skepsis. An die Kritik von Religion zum Beispiel, an die Kritik der Wissenschaft durch sie selbst. An die Widerlegung von Thesen durch bessere Thesen. Aber es ist auch eine Einstellung. Mit ihr beginnt der Film. Die erste Szene zeigt einen Mann im Gespräch mit einer Frau, er verteidigt Thesen, erklärt gleichzeitig, wie polemisch sie für manche seien, und trägt sie mit Verve vor. Er will dazu aufrufen, eine Lobby der Ungläubigen zu bilden, damit sich die Politik auch mit den Anliegen von jenen beschäftigt, die keiner Religionsgemeinschaft angehören – und nicht glauben. 20 Prozent der Amerikaner gegen die Ignoranten. Das Publikum hört zu, geduldig, einigermaßen wach, aber wirkt alles andere als bekehrt. Solche reaction shots, wie man die Bilder von Menschen nennt, die im Film auf eine Handlung reagieren und als Gegenschuss zu ihr eingesetzt werden, sind in Ex Libris überhaupt eine Wucht.

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In konventionellen Spiel- wie Dokumentarfilmen werden reaction shots als Bestätigung oder emotionale Anker eingesetzt, die eine bezweckte Wirkung auf den Zuschauer mitliefern, oft Begeisterung oder eine andere Form von Zustimmung, schließlich sind Bewegtbilder und ihre Betrachter in letzter Konsequenz (egal wie postmodern sie sich verstehen) fast immer an Einheit und logischem Zusammenhalt interessiert. Reibung ist etwas, das eingemeindet wird – wenn auf eine Rede keine Zustimmung folgt, dann löst es in aller Regel eine neue Handlung aus, um Zustimmung wiederherzustellen. Wiseman verfolgt einen völlig anderen Plan, denn die Reaktionen kommen zum einen meist mit Verzögerung und sind dann auch noch schwer zu entziffern – mal ist Müdigkeit klar zu erkennen, mal vor Aufmerksamkeit etwas geweitete Augen, aber in den meisten Fällen sind die vielen Blicke, die genauso gemächlich eingefangen werden wie die Sprechakte, undurchschaubar. Auf einen intensiven Rap im Konzertsaal folgt kein intensiver Applaus, und auf lang ausformulierte Direktiven für die Geldakquise im public-private partnership gibt es weder den Gegenschnitt auf Langeweile noch auf eine andere starke Regung – stattdessen ausdrucksarme Gesichter, ja schiere physische Gegenwart. Das ist nicht wenig.

Gewappnet für den nächsten Sturm

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Wiseman lässt die Kamera in verschiedenen Filialen verweilen, in der Kindersektion, in Harlem, im Bilderarchiv und bei einer ganzen Reihe an Lernprogrammen, von Braille über das Computer-Einmaleins bis zu Roboterbau. Stets steht im Mittelpunkt die Neugier, mehr zu erfahren und mit Menschen zu verweilen, die für andere da sein wollen. Mit Menschen, die Teilhabe herstellen, gegen Diskriminierung und für Minderheiten kämpfen. Ihre physische Gegenwart, für deren Ausformulierung viel Zeit ist, stiftet die Hoffnung, die Ex Libris in seiner glücklichen Ruhe verdoppelt: Es mag noch so viele Etatkürzungen und noch so seltene Kinostarts für einen Film wie diesen geben, so lange es aber mit Leben gefüllte Institutionen wie die New York Public Library und so aufmerksame Filmemacher wie Frederick Wiseman gibt, gibt es gute Gründe, ans unkomplizierte Lernen durch Kunst und Wissenschaft zu glauben. Und ich bin wieder gewappnet für den nächsten Sturm, auf dass er das Glück nicht aus den Fugen hebt.

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