Ewige Schönheit

Ewige Schönheit versucht die Gesellschaftsvision des Nationalsozialismus nachzuzeichnen. Der Film besteht ausschließlich aus Originalfilmmaterial und bietet einen wichtigen Einblick in nationalsozialistische Ästhetik und Politik.

Ewige Schönheit

Marcel Schwierins Dokumentarfilm über Vision und Todessehnsucht im Dritten Reich, so sein Untertitel, beginnt mit einer überraschenden Feststellung. Nur zwölf Jahre waren die Nationalsozialisten an der Macht und „was sie in der kurzen Zeit aufgebaut hatten, wurde auch gleich wieder zerstört. Ihre Theorien wurden ohnehin nie gelesen und ihre Reden sind verstummt. Was blieb waren die Bilder – sehr sorgfältig inszenierte Bilder.“ Und tatsächlich: denken wir heute an den politischen Nationalsozialismus, so denken wir zuerst an die Bilder Leni Riefenstahls vom Reichsparteitag, an die Riesen-Skulpturen Arno Brekers oder Josef Thoraks, an die Architektur-Entwürfe Albert Speers. Hitler selbst sah sich wahrscheinlich auch als eine Art „Kunstwerk“ – jedenfalls ist ihm eine Selbststilisierung gelungen (Bärtchen und Scheitel, Stimme und Uniform!), die bis heute sofortige Erkennbarkeit garantiert.

Ewige Schönheit versucht der Frage nachzugehen, was die Nationalsozialisten eigentlich wollten, denn „Das Dritte Reich“ war zunächst vor allem eine Gesellschaftsutopie, eine idealistische Vision, oder besser, nach dem berühmten Ausspruch Thomas Manns, ein „irregeleiteter deutscher Idealismus“. Deutschland – was von Anfang an planetarisch gedacht war – sollte die schönste aller Welten werden, ein Gesamtkunstwerk, in dem ein „Neuer Mensch“ regiert: kraftstrotzend, athletisch, blond, blauäugig – arisch eben. Damit zeigte sich die Gedankenwelt des Nationalsozialismus wenigstens zu Anfang der dreißiger Jahre noch fast auf der Höhe der Zeit. Denn Modelle eines „Neuen Menschen“ waren en vogue, sie reichen vom expressionistischen Modell bis hin zu Ernst Jüngers Arbeiter (1933); eine Spur, der Schwierin in seinem Film nicht nachgeht, obgleich sie besonders im Falle Jüngers aufschlussreich wäre. Am Rande sei es hier vermerkt, da Schwierin Wilfried Bades Ein Lied vom Stahl (1940) ganz richtig dahingehend analysiert, dass hier gezeigt werde, wie „Mensch und Maschine zu einem Ganzen verschmelzen“ und dadurch eine „ästhetische Überwindung der Entfremdung“ stattfinde. Nichts anderes ist nämlich Jüngers Arbeiter-Gestalt, allerdings noch um die Komponente des Soldatischen erweitert.

Ewige Schönheit

Aber Schwierin will einen Ideologien-Vergleich gar nicht leisten. Er geht in seiner Dokumentation zunächst (film-)historisch vor und folgt hier der ehrwürdigen Spur Siegfried Kracauers, indem er eine Linie Von Caligari zu Hitler zieht. Schon dessen berühmte sozio-psychologische Studie (1947) zum Weimarer Kino suchte in eben diesem nach Erklärungen für den Nationalsozialismus. Schwierin macht das ähnlich und findet vor allem in Fritz Langs Nibelungen-Filmen (1924) einen Spiegel für das Gorgonenhaupt der NS-Vision, in dem sich deutlich deren Ideologie abzeichne: Die heroische Welt der Burgunder mit ihrem strahlenden (arischen) Helden Siegfried zerbricht, als dieser heimtückisch ermordet wird. Aber man findet wieder zusammen, vereint sich gegen einen gemeinsamen Feind: die Hunnen. Diesen Feind werden sich die Nationalsozialisten einfach erfinden; es werden die Juden sein.

Zunächst entwirft der NS-Staat eine Ideologie und damit sich selbst. Schwierin geht den einzelnen Punkten in thematisch gebündelten Kapiteln nach: „Inszenierung der Macht“, „Der Körper“, „Schönheit der Arbeit“, „Blut und Boden“, „Die Volksgemeinschaft“. Er zeigt hier neben Ausschnitten aus Spielfilmen vor allem Dokumentarfilmmaterial. Bei diesem wird deutlich, dass es sich hier eben nicht um Dokumente handelt, sondern vielmehr um eine bereits inszenierte „Realität“, die mit den Mitteln des Filmes noch zusätzlich inszeniert wird. Die Ausschnitte allein bieten dabei im Grunde kaum Neues, wohl aber die präsentierten Zusammenhänge. Auch der von einem großartigen Axel Wostry eindringlich gelesene und an den passenden Stellen mit süffisanter Ironie versehene Kommentar regt zu interessanten Überlegungen an. Ein Pressekommentar zu Leni Riefenstahls Parteitagsfilm (1934) zum Beispiel bezeichnet diesen als ein „Denkmal der deutschen Volksgemeinschaft“. Der Kommentar fragt: „Denkmal? Das gilt den kommenden Generationen. Also uns.“ Und stellt dann trocken fest, dass dies ja richtig ist, denn die „Selbstinszenierung im Triumph des Willens gehört zu den am häufigsten zitierten Fotografien des Nationalsozialismus. So bestimmt er bis heute sein eigenes Bild.“

Ewige Schönheit

Zwei wesentlichen Elementen des Nationalsozialismus wendet sich Ewige Schönheit ausführlicher zu. Seinem Antisemitismus und seinem Verhältnis zum Tod. „Der Jude“ als das universelle Anti-Bild, das sich die nationalsozialistische Ideologie geschaffen hatte, und der (Helden-)Tod als deren Apotheose, sind vielleicht dessen zentralste Elemente. In diesen Passagen erinnert Schwierins Film auch an (allerdings ungenannte) Vorläufer seiner Analysen. Saul Friedländers wichtige Untersuchung Kitsch und Tod (1982) zeigte wie die gesamte Ideologie des Nazismus in eine eigens geschaffene „Weltuntergangsphantasie“ eingebettet war, und dass so die Uminterpretierung des Todes zum „Opfergang“ ein wichtiger Bestandteil der Mobilmachung werden konnte. Der schwedische Dokumentarfilm Architektur des Untergangs (Undergångens arkitektur, 1989) von Peter Cohen wiederum interpretierte – ähnlich wie Schwierin – den nationalsozialistischen Antisemitismus relativ stringent von einem ästhetischen Standpunkt aus. Cohen, der vor allem Hitlers Wagner- und Karl-May-Begeisterung herausstellt, nutzt das Kunst(un)verständnis der Nationalsozialisten immer als Fixpunkt seiner Argumentation. Ähnlich geht Schwierin vor. Aber er setzt andere Akzente, indem er der Inszenierung der nationalsozialistischen Vision vor allem im Film nachspürt.

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