Évolution

Menschliche Seepferdchen: Lucile Hadzihalilovic wirft uns mit ihrem neuen Film direkt ins Wasser. Ihr verstörendes Werk über männliche Urängste gibt es seit Kurzem als Import-DVD.

Evolution 01

Establishing Shots sind wie eine fürsorgliche Mutter am Strand, die ihr Kind an die Hand nimmt und es behutsam, Schritt für Schritt ins Wasser geleitet, sodass es sich langsam an diese fremde Welt gewöhnen kann. Das ist anfangs beruhigend, wird aber spätestens beim dritten Mal langweilig, weshalb Kinder ja auch meist lieber ins Wasser rennen oder springen. Im Kino aber sind solche formelhaften, bieder auf die Orientierung des Zuschauers bedachten Einstiege nach wie vor weit verbreitet. Regisseurin Lucile Hadzihalilovic tritt in ihrem zweiten Langfilm zum Glück nicht als fürsorgliche Mutter auf. Sie wirft ihr Publikum direkt ins Wasser.

Wasser: Ursprungsort des Lebens

Die ersten sechs Minuten finden komplett unterhalb der Meeresoberfläche statt, inmitten von Tieren und Pflanzen. Erst kurz vor Schluss des Prologs kommt ein Mensch hinzu. Évolution braucht keine klassischen Establishing Shots, denn bereits die erste Einstellung ist so betörend schön, dass sie einen in ihrer Entschleunigung regelrecht hypnotisiert und unmittelbar in eine andere Welt, eine entrückte Stimmung versetzt: Die Kamera blickt aus der Tiefe des Meeres empor, die Sonne scheint durch das Wasser, ihre Strahlen werden von den Wellen gebogen und verzerrt, Blendenflecke tanzen über die Leinwand. Eine gigantische orangefarbene Wasserpflanze wiegt sich langsam, mit unendlicher Anmut in der Strömung. Ein Körper driftet in den Bildkader, sanft wird er vom Wellengang hin und her geschoben, schwerelos schwebt er auf der Wasseroberfläche. Es sind Aufnahmen von so berauschender Eleganz, dass diese stille Welt wirkt, als existiere sie allein, um gefilmt zu werden.

Zeigen statt erzählen

Evolution 02

Der Zuschauer muss diese Welt mit den eigenen Sinnen erfahren, denn erklärt wird ihm – erfreulicherweise – herzlich wenig. Wir befinden uns auf einer Insel, dem Idealtypus eines utopischen beziehungsweise dystopischen Ortes. Die wenigen Häuser sind weiß, der Sand ist schwarz, die unwirtliche Landschaft erinnert an die surrealen Gemälde Salvador Dalís sowie an die Vulkanaschenwüste in Werner Herzogs verstörendem Meisterwerk Auch Zwerge haben klein angefangen (1970). Auf der Insel wohnen ausschließlich prä-pubertäre Jungen und erwachsene Frauen – Männer und Mädchen gibt es nicht. Als der etwa zehnjährige Nicolas (Max Brebant) beginnt, Merkwürdigkeiten und Geheimnissen der Insel auf den Grund zu gehen, weist ihn seine Mutter in ein verfallenes, düsteres Krankenhaus ein, wo rätselhafte Eingriffe an ihm und anderen Jungen vorgenommen werden. Viel mehr lässt sich über die Handlung nicht sagen, ohne den Mystery-Plot zu entzaubern.

Gender Trouble, Role Trouble

Doch so spannend des Rätsels Lösung auch ist: Die eigentliche Brillanz von Évolution liegt in seiner Sinnlichkeit und Subtilität. Gerade Letzteres unterscheidet Hadzihalilovic’ Schaffen wesentlich vom Stil ihres Lebenspartners Gaspar Noé, des enfant terrible des aktuellen französischen Kinos. Évolution ist ein sehr ruhiger Film, in dem wenig geredet wird und Musik nur spärlich zum Einsatz kommt. Die französische Regisseurin verlässt sich stattdessen zu Recht ganz auf ihre Bildsprache und die dadurch evozierte Atmosphäre. Es gelingt ihr, über die gesamte Laufzeit eine diffuse Beunruhigung aufrechtzuerhalten.

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Das beginnt bei den Müttern, denen man in Gruselfilmen ja generell nicht über den Weg trauen kann. Fast als seien sie Klone von ein und derselben Person, ähneln sie einander äußerlich auf frappierende Weise: Ihre Gesichter sind fahl und ausdruckslos, ihre Haut ist häufig von Wasser benetzt, ihre Augen sind pechschwarz. Nachts versammeln sie sich heimlich am Strand und zelebrieren unter Stöhnen und Winden, unter Lust und Schmerzen seltsame Kollektivgeburten. Auf ihren Rücken befinden sich widerwärtige Saugnäpfe. Wärme strahlen diese Frauen nicht aus, sie überwachen die Kinder eher, als dass sie sich um sie kümmern. Es sind Mütter, die nichts Mütterliches an sich haben.

Die Schwestern im Krankenhaus sind ebenfalls blass, blutleer und uniform. Wie schon die Mütter, so erfüllen auch sie nicht die Erwartungen, die mit ihrer Rolle verbunden sind: Mitgefühl zeigen sie keines, sie handeln maschinell und führen die Kinder ihrer unheimlichen Bestimmung zu. Oft bleibt die Kamera ihnen relativ fern, während sie zu Nicolas empathische Nähe sucht. Nur eine Ausnahme gibt es unter den Schwestern: Stella (Roxane Duran) nimmt sich Nicolas’ auf mütterliche Weise an und versucht, ihn vor einem grausigen Schicksal zu bewahren. Ihre Kolleginnen zeigen hingegen nur in einer einzigen Situation menschliche Emotionen: Nach getaner Arbeit müssen sie sich gemeinsam Videos von Geburten ansehen, von Kaiserschnitten – unübersehbar kriecht dabei die Abscheu in ihre Mimik.

Der Schrecken des Seepferdchens

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Die realen Geburtsaufnahmen sind verstörender als vieles, was üblicherweise in Horrorfilmen zu sehen ist. Eigentlich richten sich jene Bilder aber wohl weniger an die Krankenschwestern als an die männlichen Zuschauer des Films. Denn Évolution rührt im Finale kräftig an unterdrückten männlichen Urängsten: Die Frau als das Fremde, das Böse – das heranwachsende Kind als Parasit – und eben der Akt der Geburt nicht als Wunder der Natur, sondern als Body Horror. Zu diesen Sexual- und Vaterschaftsängsten gesellt sich tabuisiertes ödipales Verlangen in Form einer Rettungsszene, die beunruhigend uneindeutig zwischen unschuldiger Anmutung und pädophiler Konnotation oszilliert. Und dann sind da noch jene immer wieder unauffällig eingeflochtenen Szenen, die letztlich aber wohl der Schlüssel zum Film sind: Aufnahmen amorpher Lebewesen – von humanoiden Embryonen über Muscheln und glitschige Schnecken bis hin zu einem Tier, das den Role-reversal-Schrecken, der Évolution innewohnt, buchstäblich verkörpert: das Seepferdchen – eines der wenigen Wesen, bei denen der Mann dazu verdammt ist zu gebären.

Trailer zu „Évolution“


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