Essential Killing

Der Titel ist Programm. Ein kurzer Film über das Töten. Aus Polen. Mal wieder.

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Jerzy Skolimowski, als Drehbuchautor bereits an Roman Polanskis fulminantem Kinodebüt Das Messer im Wasser (Nóz w wodzie, 1962) beteiligt, ist hierzulande vielleicht am ehesten durch seinen lange verbotenen Film Hände hoch (Rece do góry, 1981) ein Begriff. In Venedig feierte er vergangenes Jahr seinen in der Außendarstellung bislang größten Erfolg – den Spezialpreis der Jury für Essential Killing.

Zu Beginn fühlt man sich erinnert an Joseph Loseys Im Visier des Falken (Figures in a Landscape, 1970) – und die Bezüge gewinnen noch an Schärfe. Hubschrauberrotoren, ein unwirtliches karges Gelände. Drei Amerikaner, die wie Glücksritter und Fremdenlegionäre wirken, dringen ein in dieses Gebiet. Ein Taliban fühlt sich von ihnen bedroht, in die Enge getrieben. Schnell übernimmt die Kamera seine Subjektive. Die Geschwätzigkeit des Trios steht im Kontrast zur Schweigsamkeit des Afghanen. Das einzige von ihm vernehmbare Geräusch ist sein immer wiederkehrendes Stöhnen, vor Angst und Anstrengung. In der Folge wird es kaum noch Dialoge geben, höchstens als Kommunikation jener, die den Mann jagen. Er selbst verharrt völlig still. Eine amerikanische Spezialeinheit stellt ihn, es folgen Verhör und Transport. Dann gelingt, wie aus dem Nichts, die Flucht.

Essential Killing 06

Jene strukturiert den Film. Diesmal befindet sich der Araber in unbekanntem, fast märchenhaftem Gebiet, irgendwo im Osten Europas. Skolimowski inszeniert die Hetzjagd als existenzialistisches Drama, ist dem Experimentalfilm dabei näher als dem Actionabenteuer. Sein Minimalismus verleiht dem Film eine beeindruckende Konzentration. Wie in einer Versuchsanordnung lässt er den in den Credits „Mohammed“ genannten Mann um sein Leben kämpfen. Seine Stationen sind zum Teil skurril, bizarr, verstörend. Höhepunkt ist die Begegnung mit einer schwangeren Fahrradfahrerin.

Die Farbdramaturgie unterstützt jene Intensität, die Essential Killing auszeichnet. In ihr manifestiert sich die parabelhafte Konstruktion des Films, die sich als solche nie in den Vordergrund drängt. Dem polnischen Filmemacher ist ein politisches Kunstwerk gelungen, das gerade durch seine Zeitlosigkeit fasziniert. Und über das man dennoch zunächst sagen kann: Einer der großen Filme unserer Zeit.

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Kommentare


Martin Zopick

Das Fast-Zweipersonenstück beeindruckt durch seine Fast-Wortlosigkeit, die den Film über weite Strecken bestimmt und seine gnadenlose Realität. Und überrascht dann noch mit einem überlegenswerten Schluss.
Ein gefangener Afghane (Vincent Gallo) wird wie allgemein üblich nach Osteuropa geflogen und dort mit den üblichen Foltermethoden wie Water E Boarding behandelt. Ihm gelingt aber die Flucht. Dabei geht alles meistens relativ glatt, mit kleinen Fragezeichen zum Handlungsverlauf. Da ist der Sprung ins eiskalte Wasser und die Bärenfalle noch das Harmloseste, die stillende Mutter als Nahrungsquelle erinnert an Steinbecks ‘Früchte des Zorns‘, dient aber durchaus der Dramatik. Das wird noch durch die stumme Frau, Emmanuelle Seigner, verstärkt.
Skolimowski geht es nicht darum eine Geschichte zu erzählen. Der Titel weist darauf hin, dass das Töten das Wesentliche ist, was im Krieg ja wohl auch zutrifft. Es ist nicht nur wegen der Kürze ein Feature über Gewalt und Flucht, Opfer und Täter. Dabei wird nicht die Frage gestellt, ob Gewalt gerechtfertigt ist. Sie wird nur gezeigt. Brutal und demütigend. Und um Schuld geht es auch nicht. Nur ums Töten. Und das ist das Wesentliche. Karg aber eindrucksvoll. Einfach knallhart. Nicht schlecht.






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