Erzähl mir was vom Regen
… und vom schönen Wetter. Das bezeichnet auf Französisch so viel wie eine alltägliche Plauderei. Agnès Jaouis dritte Regiearbeit ist eine unterhaltsame und gewandte Tragikomödie, die keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.
Ein bisschen Genugtuung empfindet man schon, wenn man diesen Film im süddeutschen Rekord-Regensommer im Kino anschaut. Denn Erzähl mir was vom Regen (Parlez-moi de la pluie, 2008) liefert den Beweis dafür, dass es einem selbst in der französischen Provence den Sommer ziemlich verregnen kann. Bis auf die Haut durchnässt laufen die Figuren durch das Bild, Taschen und Schals als provisorischen Schutz über dem Kopf balancierend.
Nicht nur aus meteorologischer Perspektive ist der Regen das Thema von Agnès Jaouis dritter Regiearbeit. Wenn man den Filmtitel, der einer Liedzeile Georges Brassens’ entnommen ist, als Verknüpfung zweier französischer Redewendungen liest, dann steht der Regen symbolisch auch für die banalen Gespräche, mit denen die Figuren einander auf Distanz bleiben, sowie für ihre großen und kleinen Lebenskrisen, die sie einsam und im Stillen durchleben.
Mit großer Spannung wird Agathe Villanova (Agnès Jaoui) in der Region ihrer Kindheit in der Nähe von Arles erwartet. Die militante Feministin und Buchautorin soll dort ihre politische Karriere starten und vor ihren zukünftigen Wählern sprechen. Sie kommt aber auch aus Paris zurück, um ihre Schwester Florence (Pascale Arbillot) zu treffen, die nach dem Tod der Mutter mit ihrem Mann und ihren Kindern im ehemaligen Elternhaus lebt. Erbrechtliche und finanzielle Dinge gilt es zwischen den charakterlich so unterschiedlichen Schwestern zu regeln. Auch Karim (Jamel Debbouze), der erwachsene Sohn der algerischen Haushälterin Mimouna (Mimouna Hadji), ersehnt Agathes Ankunft, weil er gemeinsam mit seinem Freund Michel Ronsard (Jean-Pierre Bacri) einen Dokumentarfilm über die erfolgreiche Frau drehen möchte.
Von ihrem Freund Antoine (Frédéric Pierrot) begleitet, steigt Agathe anfangs als machtbewusste, schlagfertige Frau mit vollem Terminkalender und klingelndem Handy aus dem Zug. Aber im Laufe des Films wird ihre Selbstsicherheit bröckeln und ihr Politik- und Lebensentwurf in Frage gestellt. Die Dreharbeiten zu ihrem filmischen Porträt erweisen sich organisatorisch und technisch als dilettantische Katastrophe. Doch auch das wahre Leben hält Dramen für seine Figuren bereit: Florence erwägt eine Scheidung. Der erfolglose Michel durchlebt eine Depression. Und Karim, von der gesellschaftlichen Diskriminierung frustriert, steht kurz vor einer Revolte.
Wieder einmal inszeniert Agnès Jaoui einen tragikomischen Reigen, in dem die Figuren in einem vielschichtigen Beziehungsnetz zueinander stehen. Wieder einmal sind die fein geschliffenen und pointierten Dialoge der Mittelpunkt – es ist neben Lust auf anderes (Le goût des autres, 2000) und Schau mich an! (Comme une image, 2004) Jaouis dritte Regiearbeit sowie bereits das achte Drehbuch, das sie mit ihrem Lebens- und Filmpartner Jean-Pierre Bacri für die Leinwand geschrieben hat. Über 100 Filmminuten begleitet den Zuschauer das Gefühl der Vertrautheit mit den Schauspielern und den verhandelten Themen. Jean-Pierre Bacri, im vorangegangenen Film als erfolgsverwöhnter und egozentrischer Schriftsteller zu sehen, spielt mit depressiver Mimik den erfolglosen, von Selbstzweifeln geplagten Filmemacher, der niemanden von sich und seiner Arbeit überzeugen kann – am wenigsten seinen eigenen pubertierenden Sohn. Jamel Debbouze, der das erste Mal im Jaoui-Bacri-Universum zu sehen ist, glänzt mit seiner bitteren Nüchternheit in der Rolle des stolzen und tief gekränkten Vertreters einer permanent erniedrigten gesellschaftlichen Minderheit.
Eine ganze Reihe gesellschaftlicher Fragen streift die Geschichte auf fast nebensächliche Weise: den väterlichen Rassismus, den Mimouna in der Familie Villanova stillschweigend toleriert und den ihr hellsichtiger Sohn Karim zwar erkennt und benennt, aber nicht bekämpfen kann; die Diskriminierung der Frauen in der Gesellschaft sowie die geschiedener Väter im Sorgerecht; die Benachteiligung der Kleinbauern im Subventionssystem der EU; die undankbare Rolle des Politikers. Nicht didaktisch, sondern feinfühlig und unterhaltsam erzählt Jaoui von diesen Dingen. Aber manchmal stört man sich dennoch an der allzu intellektuellen, bildungsbürgerlichen Attitüde, die der Film mit seinen Protagonisten teilt.
Trotz aller Lebenskrisen ihrer Figuren bleibt die verregnete Komödie leichtfüßig, vielleicht sogar ein bisschen zu leicht verdaulich. Viel hat sich schließlich nicht getan zwischen dem Anfang und dem Ende der Geschichte, an dem sich jede Figur wieder in ihrem Leben einrichtet. Und ihre Krisen wirken in der Rückschau nur noch wie ein kurzes Sommergewitter, nach dem die Sonne wieder scheint.
Filmkritik von Almut Steinlein
Veröffentlicht am 16.07.2009
Kommentare zu Erzähl mir was vom Regen
tileulsvhal 06.08.2009 09:05
"erzähl mir was vom regen" gesehen, eingeschlafen
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Erzähl mir was vom Regen
Originaltitel: Parlez-moi de la pluie
Frankreich 2008
Laufzeit: 100 Minuten
Regie: Agnès Jaoui
Drehbuch: Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri
Produktion: Jean-Philippe Andraca, Christian Bérard
Bildgestaltung: David Quesemand
Montage: François Gedigier
Musik: Christian Chevalier
Darsteller: Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri, Jamel Debbouze, Pascale Arbillot, Guillaume de Tonquedec, Frédéric Pierrot, Mimouna Hadji
Kinostart: 30.07.2009
DVD-Angaben
Titel: Erzähl mir was vom Regen
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 98 Minuten
Extras: Laufzeit Bonusmaterial: ca. 65 Minuten; Making Of; diverse Teaser
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 29.01.2010
Copyright Erzähl mir was vom Regen
Fotos: © Alamode
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