Erik(A)

Aus Erika wird Erik: Der Dokumentarfilm über die Geschichte einer Skiweltmeisterin, die heute als Mann lebt, spielt mit Erinnerungsarbeit und Geschlechtsidentitäten.

Erik(A)

Im Jahr 1966 gewinnt die achtzehnjährige österreichische Bauerntochter Erika Schinegger in Chile die Skiweltmeisterschaft in der Abfahrt. Während der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 1968 wird bei einer neu eingeführten Routineuntersuchung festgestellt, dass ihre Zellen einen XY-Chromosomensatz aufweisen und damit genetisch denen eines Mannes entsprechen. Erika unterzieht sich daraufhin mehreren Operationen, die ihre primären männlichen Geschlechtsmerkmale, die vorher nach außen hin nicht vollständig sichtbar waren, „richtiggestellen“, wie Schinegger es nennt; als Erik kehrt er in sein Heimatdorf zurück. Nach einem vergeblichen Versuch, in der Skinationalmannschaft der Männer Fuß zu fassen eröffnet Schinegger eine Skischule, die er auch heute noch betreibt. Er heiratet zweimal und hat eine Tochter.

So lassen sich recht nüchtern die wesentlichen Ereignisse und Umwälzungen im Leben von Erika/Erik Schinegger zusammenfassen, aber natürlich ist die Geschichte dieser Verwandlung voller Brüche und Schwierigkeiten; Kurt Mayer hat versucht, ihre Spuren für seinen Dokumentarfilm Erik(A) aufzufinden.

Erik(A)

Der Film präsentiert die Ereignisse in den Erzählungen der Beteiligten und vor allem von Erik Schinegger selbst. Während der ersten halben Stunde des Films zeigt Mayer jedoch keine aktuellen Bilder seiner Hauptperson; Schinegger berichtet aus dem Off, dazu gibt es Bilder von Erika Schineggers sportlichen Erfolgen und Berichte ihrer Freunde und Mutter. Dazwischen zeigt Mayer junge Frauen in Umkleidekabinen, beim Skitraining: Spätestens den angespannten Gesichtern beim Krafttraining sieht man aber plötzlich nicht mehr so genau an, ob sie zu Frauen oder Männern gehören.

Mit solchen Bildern versucht Mayer, seinem Dokumentarfilm eine Ebene zu geben, welche die ohne Kommentar wiedergegebenen Äußerungen von Schinegger, seinen Freunden und Kollegen nicht einfach affirmativ gutheißt. Es muß skeptisch stimmen, dass Schinegger anscheinend problemlos in seinen Heimatort zurückkehren konnte, wenn das Filmbild zugleich suggeriert, dass eben dort Frauen und Männer in der Kirche noch brav getrennt rechts und links des Mittelgangs Platz nehmen. Wie es da wohl aufgenommen wird, dass einer „von der einen Seite zur anderen“ wechselt, wie Schinegger das nennt? So handelt Erik(A) weniger davon, welche Erinnerungen wahr sind oder nicht, sondern mehr davon, wie ein Identitätsbruch durch nachträglich in der Erinnerung Kontinuität konstruierende Erzählungen integriert und gezähmt wird – vom Betroffenen selbst ebenso wie von seiner Umgebung.

Natürlich geht es auch um Fragen geschlechtlicher Identität. In den Erinnerungen Schineggers hat er/sie immer schon vage gespürt, anders zu sein, habe aber nie daran gezweifelt, dass er ein Mädchen ist: „Wenn du nichts anderes siehst, bist du halt so.“ Die aus den Chromosomen später herausgelesene Geschlechtszugehörigkeit wird also als „richtige“, „natürliche“ beschrieben. Zugleich offenbart sie jedoch auch ihr konstruiertes Wesen: Der frischgebackene Mann liest den Knigge und hält sich daran, kauft sich alsbald einen Porsche und fühlt sich doch noch nicht richtig männlich. Erst eine Hochzeit, schließlich sein Kind scheinen ihm genug Bestätigung für seine neue Identität zu sein.

Erik(A)

Aus den Erzählungen von Schineggers Lebenspartnerinnen wird deutlich, dass er zeitweise noch machohafter auftrat als andere Männer. Neben dem Knigge bestimmt Erikas Außensicht auf Männer, wie Erik Schinegger sein Leben als Mann gestalten will. Insignien von Männlichkeit – man denke nur an den Porsche – werden so ganz zwanglos als Teil einer Maskerade und Inszenierung entlarvt.

Trotz dieser Erzählstruktur gelingt es Kurt Mayer, seinen Protagonisten nie zu diskreditieren. Dennoch hat Erik(A) einige Schwächen. Zum einen ist er zuweilen recht langatmig und nicht eben besonders originell inszeniert. Zum anderen, obwohl die Beschränkung auf das rein Dokumentarische zugleich natürlich eine Stärke des Films ist, wagt sich Mayer an die harten und wirklich komplizierten Fragen hinter seiner Geschichte nicht heran, sondern blendet sie einfach aus. So fragt er z.B. in keiner Art und Weise nach der Aussagekraft von Chromosomensätzen für die Geschlechtszugehörigkeit und ignoriert damit den größeren Kontext weitgehend.

Denn Schinegger ist – das macht der Film erst kurz vor dem Abspann deutlich – kein Einzelfall, auch und gerade was die Tests vor Olympischen Spielen betrifft. Die Biologin Anne Fausto-Sterling etwa leitet ihr Buch Sexing The Body mit dem Fall der spanischen Hürdenläuferin Maria Patiño ein, die 1988 an der Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen gehindert wurde, als sich herausstellte, dass auch ihre Zellen ein Y-Chromosom aufweisen. Zwar ist Patiños Fall in den klinischen Details völlig anders gelagert, doch zählt sie ebenso wie Schinegger letztlich zur nicht eben kleinen Gruppe der Intersexuellen – der Begriff „Intersexualität“ aber fällt in Erik(A) kein einziges Mal.

Kommentare


Elfriede Paßler

Ich fand den Film gut.
Was mich aber besonders berührte war die innere Stärke, die Erik Schinegger bewies. Damals war es bestimmt noch viel schwieriger als heute über diese Dinge zu sprechen. Er hat so viel Stärke bewiesen und dafür gratuliere ich ihm heute noch.






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