Er ist wieder da

Auf der Fanmeile mit dem Führer. Es ist mal wieder Frühling für Hitler.

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Absurde Gleichzeitigkeit: Das zum Kürzel verdichtete Hitlergesicht mit Stirntolle und der Andeutung eines Bärtchens prangt auf den Plakatwänden deutscher Großstädte – wie um diejenigen zu empfangen, die hierher geflüchtet sind und noch weiterhin flüchten werden. Auch eine Form von Willkommenskultur. Man könnte sagen, die Bestseller-Verfilmung Er ist wieder da kommt zur rechten Zeit, um mit Mitteln des Klamauks eine Debatte zu begleiten, in der es darum geht, mit welcher Politik, mit welchen Werten und mit welchen Menschen wir in Deutschland leben wollen und können. Man mag aber auch sagen: Die Ereignisse zwischen europäischer Flüchtlingskrise, fremdenfeindlichen Übergriffen einerseits und der privaten Hilfsbereitschaft Tausender andererseits haben den Film weit überholt. Was bleibt, sind weitere Führer-Witze, ein neuer Kandidat in der endlos langen Hitler-Filmografie und ein aufklärerischer Impuls, der nicht richtig auf Touren kommt.

Aus Erfolgsbuch mach Erfolgsfilm?

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Die Verfilmung von Timur Vermes’ weltweit erfolgreicher gleichnamiger Satire (2012) hat nicht lange auf sich warten lassen. Produzent Christoph Müller (Sophie Scholl – Die letzten Tage, 2004) und seinem Firmenpartner Lars Dittrich gelang es, die Rechte am begehrten Stoff zu erwerben. Constantin Film ist potenter Koproduzent, der uns mit Der Untergang (2004) immerhin einen Hitlerfilm bescherte, den auch die NPD goutiert. Über ein Casting kam Regisseur David Wnendt zum Projekt. Sein Kinodebüt Kriegerin fiel 2011 auf, weil es im Neonazi-Milieu spielt und stellenweise bemerkenswerte Wucht entwickelte. Mit Feuchtgebiete (2013) zeigte Wnendt, wie lustvoll und visuell spielerisch eine hiesige Roman-Adaption ausschauen kann, obwohl vermutlich ein großer Erfolgsdruck auf ihr lastete. Die beste Idee von Er ist wieder da stammt vom Regisseur. Und zwar das Experiment, mit dem „Führer“ (Oliver Masucci) quer durchs Land zu fahren und die Reaktionen auf ihn einzufangen – in der Fußgängerzone, am Stammtisch, auf der WM-Fanmeile, unter Touristen, unter Wutbürgern oder neben Roberto Blanco.

Unterwegs im Vaterland

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Ich ganz persönlich möchte Folgendes sehen: einen Film nur aus diesem dokumentarischen Material. Denn die Begegnung der Deutschen und der hierher Migrierten mit diesem Papi Hitler – als Gegenbild zu Mutti Merkel – hat viel Potenzial an Spannung, bissigem Witz und Trostlosigkeit. Als Projektionsfläche taugen beide öffentlichen Figuren. Die eine ist bei vielen schon allein dadurch verhasst, dass sie aktuell Politik in einer hochkomplexen, globalisierten Welt betreibt, die sich nicht mehr leicht mit Schwarz-Weiß-Zuschreibungen begreifen lässt. Der andere erscheint da fast ungefährlicher. Er stammt aus der Vergangenheit, er ist ein Schauspieler, aber dann auch wieder eine weltberühmte Ikone, und ihm gegenüber darf ein jeder getrost das Herz ausschütten, gegen Ausländer sein, sich aus der Demokratie verabschieden, ein Selfie mit Diktator machen und sogar den Arm zum Nazi-Gruß recken.

Freudig erigierte Arme

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Tatsächlich sitzt die Hitler-Hand bei vielen reichlich locker, wie Er ist wieder da festhält. Und die sogenannte Politikverdrossenheit stößt beim freundlich zugewandten „Führer“ auf offene Ohren. Wenn die Pegida-Demonstranten „Wir sind das Volk!“ rufen, dann weiß der Demagoge: Mit diesem Volk lässt sich arbeiten. Einen unechten Hitler auf echte Deutsche loszulassen – das klingt nach einer Performance im Schlingensief-Format. Aber warum tut es denn nicht annähernd so weh wie bei Schlingensief? Vielleicht weil ein kumpeliges Hitler-Selfie dann doch nicht zur nachhaltigen Provokation taugt. Vielleicht weil der Film – oder zumindest das Material, das wir zu sehen bekommen – sich nicht dahin begibt, wo es richtig eklig werden könnte. Zum Beispiel in die echte NPD-Zentrale. Er ist wieder da inszeniert diese Szene im Mockumentary-Stil als Pseudo-Dokument. Das ist aus rechtlichen Gründen und Gründen des Selbstschutzes sicher unvermeidbar. Nur bleibt eine wirklich tiefergehende Konfrontation mit dem „Hitler in uns“ (Susan Sontag) eben aus, weil immer schon der nächste Schnappschuss mit „Führer“ folgt. Auch muss die Demokratieverachtung und der Rassismus von Teilen der Bevölkerung längst nicht mehr entlarvt werden.

Hitler im Zeitalter medialer Reproduzierbarkeit

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Neben den dokumentarisch gedrehten Szenen und den Mockumentary-Anteilen ist da noch die fiktive Handlung, die weitgehend der Buchvorlage folgt: Hitler erwacht im heutigen Berlin und wird in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung und allgemeiner Quotengeilheit zum gefeierten Medienstar. Dann taucht Er ist wieder da in die endlose Selbstbezüglichkeit medialer Hitler-Reproduktionen ein. Katja Riemann (Eva Braun in Mein Führer, 2007 und Goebbels und Geduldig, 2002), Michael Kessler (Hitler in Switch) und Christoph Maria Herbst (die Hörbuch-Stimme von Er ist wieder da, Alfons Hatler in Der Wixxer, 2004 etc.) spielen mit, genauso wie Frank Plasberg, Jörg Thadeusz oder prominente YouTuber. Innerhalb des Films wird der Film „Er ist wieder da“ inszeniert – und zwar in den Studios von Artur Brauner, polnischstämmiger Holocaust-Überlebender und engagierter deutscher Produzent der ersten Stunde. Zitate aus Der Untergang gibt es auch. Das alles ist kurz lustig und verliert sich dann im Kreislauf ewiger Rumhitlerei.

Denk ich an deutsches Kino in der Nacht …

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Er ist wieder da verschickt Ansichtskarten aus „Dunkeldeutschland“ (Joachim Gauck), will aber gleichzeitig unterhalten und nicht so düster werden, dass jemandem die Currywurst hochkommt. Dieser Hitler trifft nicht Beate Zschäpe auf ein Blech Erdbeerkuchen, stolziert nicht durchs Holocaust-Mahnmal, trifft auch nicht Guido Knopp zum Geschäftsessen in der ZDF-Kantine. Und er hält sich schön fern vom nächstgelegenen KZ. Von einer Bestseller-Verfilmung eine Polit-Provokation, eine selbstbewusste Geschmacklosigkeit und einen Totalausstieg aus der Komfortzone zu erwarten, ist natürlich naiv und vermessen. … Aber davon wird man in diesem Lande wohl noch träumen dürfen.

Trailer zu „Er ist wieder da“


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Kommentare


Kristina Lohe

Wunderbar beschrieben, wie es mir mit dem Film ergangen ist.






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