Enemy

Identitäten und Phobien: Denis Villeneuve verdüstert einen Saramago-Roman – um ihn auf anderem Wege doch wieder zu erhellen.

Enemy 10

Der kanadische Regisseur Denis Villeneuve versteht es, aus seinen Filmen audiovisuelle Extremerfahrungen zu machen. In Die Frau, die singt (Incendies, 2010) und Prisoners (2013) entwarf er jeweils ein Genreszenario, um seine Figuren und zugleich die Zuschauer an (und über) ihre Grenzen zu führen. Der melodramatische Handlungsentwurf im ersten Fall wurde ebenso wie der Krimi-/Psychothriller-Plot im zweiten Fall genutzt, um die Abgründe der menschlichen Natur auszuloten. Enemy – der noch vor Prisoners entstand, jedoch erst jetzt mit Verzögerung in den Kinos anläuft – entzieht sich zwar einer klaren Genreeinordnung; dennoch ist der Villeneuve-Touch auch hier unverkennbar. Abermals kommt es zu einer drastischen Konfrontation – sowohl auf als auch vor der Leinwand. Denn das Geschehen, das sich in dieser Welt im wahrsten Sinne des Wortes entspinnt, gräbt sich in all seiner Ungeheuerlichkeit ins Gedächtnis des Betrachters, so wie auch die Ereignisse für die Hauptfigur nach der letzten Einstellung noch nicht abgeschlossen, geschweige denn verarbeitet sind.

Eine verstörende Entdeckung

Enemy 06

Die Prämisse des Drehbuchs von Javier Gullón – einer freien Adaption des Romans Der Doppelgänger (O homem duplicado) von José Saramago – ist überaus fesselnd: Ein Mann stößt bei der Sichtung eines Films auf einen Komparsen, der sein exaktes Ebenbild ist. Diese Entdeckung böte Stoff für unterschiedlichste filmische Ansätze; Gullón und Villeneuve arbeiten in Enemy vor allem das Verstörend-Bizarre der Situation heraus. Das Leben des Geschichtsdozenten Adam (Jake Gyllenhaal) besteht aus monotonen, repetitiven Vorlesungen und unverbindlichen Every-Night-Stands mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurent). Nachdem er seinen Doppelgänger in einer regionalen Komödie erblickt hat, macht Adam diesen rasch ausfindig: Der Schauspieler (ebenfalls verkörpert von Gyllenhaal) ist verheiratet, und seine Frau Helen (Sarah Gadon) hochschwanger. Es kommt zu Stalking sowie zu Missverständnissen und Verwechslungen, folgenschweren Begegnungen und Täuschungen. Der Literatur-Nobelpreisträger Saramago verlieh dieser Handlung durch zahlreiche Exkurse des Erzählers und etliche Selbstreflexionen etwas recht Launiges; in der Verfilmung erschaffen Villeneuve und Gullón ein vergleichsweise grausiges Universum ohne Unbeschwertheit und ohne Ausweg, erweitert um einen ominösen Herrenclub und geprägt von diffusen wie von konkreten Ängsten.

Dabei lässt sich in Enemy eine Vielzahl von Inspirationsquellen erkennen. Spuren von Dostojewski und Kafka fanden sich bereits in Saramagos Buch; in der Adaption kommen nun (man kann wohl sagen: folgerichtig) Anklänge an David Lynch und David Cronenberg hinzu. Die Einflüsse dieser Kinomeister der Rätselhaftigkeit respektive des Grotesken zeigen sich nicht zuletzt in den Besetzungsentscheidungen: Isabella Rossellini tritt als Mutter auf, die aus Cronenbergs jüngsten Werken bekannte Sarah Gadon als argwöhnische Gattin. Darüber hinaus gemahnt Enemy mit seinen Doppelgänger-, Verfolgungs- und Albtraummotiven an Alfred Hitchcocks Vertigo – Aus dem Reich der Toten (Vertigo, 1958).

Ein Film noir in Gelb

Enemy 07

Jake Gyllenhaal nutzt die schauspielerischen Möglichkeiten einer Doppelrolle bemerkenswert aus. Würden sich seine Figuren – der Akademiker mit dem zerknitterten, braun-beigefarbenen Anzug auf der einen, der Motorrad fahrende Kleindarsteller in der engen Lederjacke auf der anderen Seite – lediglich durch ihr Outfit und ihr Verhalten unterscheiden, wäre dies ein denkbar reizloses Unterfangen. Doch erfreulicherweise gibt Gyllenhaal beiden Protagonisten durch eine sehr präzise Mimik, Gestik, Körperhaltung und Sprechweise eine jeweils spezifische Aura – wobei die Kraftlosigkeit des einen ebenso glaubwürdig wirkt wie die bedrohliche Virilität des anderen. Spätestens ab dem Moment der Begegnung zwischen den beiden Männern ist Gyllenhaal in beiden Parts die fleischgewordene Identitätskrise. Und auch der Look, den Villeneuve mit Kameramann Nicolas Bolduc erzeugt, sticht als eine zentrale Qualität von Enemy hervor. Sowohl die Exterieurs (die brutalistischen Bauten Torontos) als auch die Interieurs (die Apartments, Hotelzimmer und Hörsäle) nehmen sich seltsam schmutzig und kränklich aus; ein Farbfilter verleiht den Aufnahmen einen verblichen-gelben Ton, der an Siechtum denken lässt. Diese Verfremdungsästhetik mutet dabei nie als Kunstanstrengung an, sondern löst ein Unbehagen aus, das den Zuschauer auf perfide Weise in das Geschehen hineinzieht.

Hinter dem Bizarren nur Banales?

Enemy 11

Was die Faszinationskraft des Films ein wenig schwächt, ist der leise Verdacht, dass sich die verrätselten Begebenheiten recht konservativ deuten lassen. Während ein Lynch-Werk wie Mulholland Drive (Mulholland Dr., 2001) sein Geheimnis (und damit seinen Reichtum) bewahrt, da es sich schlichtweg nicht unumstößlich ausdeuten lässt, liegt bei Enemy ein bestimmter interpretatorischer Ansatz leider allzu nahe – wobei die Adaption diesen gegenüber dem Roman noch bekräftigt.

„Das Chaos ist eine Ordnung, die entschlüsselt werden muss“, heißt es zu Beginn des Buchs und seiner Verfilmung. Die entschlüsselte Ordnung ist in Enemy eher bieder – das Chaos dafür zutiefst eindrücklich. Beim Protagonisten ruft die Erkenntnis, dass dieses Chaos auch nach der Ordnungsfindung unauslöschliche Spuren in ihm und in seinem Umfeld hinterlassen wird, Ernüchterung hervor – beim Zuschauer hingegen eine äußerst eigenartige Mischung aus Ekel und Beklemmung.

Trailer zu „Enemy“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.