En la Cama
Der Titel ist Programm: In En la Cama geht es um einen Mann und eine Frau in einem Bett. Zum zweiten Mal experimentiert Matías Bize mit einer selbst auferlegten Beschränkung der Mittel.
Matías Bizes Debüt Sábado – Das Hochzeitstape (Sábado, una película en tiempo real, 2003) war vor einigen Jahren ein erfrischendes Stück junges chilenisches Kino. Gedreht in mehr oder weniger einer einzigen Plansequenz, in Echtzeit, verfolgte die Kamera eine betrogene Braut, die durch die Stadt irrt, um ihren Bräutigam zur Rede zu stellen, sich von Freunden trösten zu lassen, halbherzig eine Affäre zu versuchen und immer wieder in Tränen und Wut auszubrechen. Das war so intim wie ein Privatvideo und so gewitzt wie eine improvisierte Schauspielübung.
Intim wird es auch in Bizes zwei Jahre später entstandenem Film En la Cama (dt. „Im Bett“). Er beginnt mit einer schwarzen Leinwand und lautem Keuchen. Dann wird es plötzlich hell, aber man benötigt ein paar Momente, bis man erkennt, dass die Kamera sich unter einer weißen Bettdecke befindet; man sieht hin und wieder einzelne schemenhafte Körperteile, schließlich kommen ganz kurz auch zum ersten Mal die Gesichter ins Bild. Das alles dauert mehrere Minuten und während der ganzen Zeit ist das eindeutige Stöhnen einer Frau und eines Mannes zu hören.
Daniela (die schon aus Sábado bekannte Blanca Lewin) und Bruno (Gonzalo Valenzuela) haben sich auf einer Party kennen gelernt und sind gemeinsam im Bett eines Motelzimmmers gelandet. Kamera und Darsteller werden dieses Zimmer während der gesamten 85 Minuten des Films nicht verlassen. Die künstliche Einschränkung der Mittel scheint den Regisseur zu faszinieren: Gab es in Sábado fast keine Schnitte, dafür aber viele Orte, gibt es in En la Cama nur einen Ort, dafür aber viele Schnitte. Vielleicht sogar zu viele. Eine Szene quillt vor godardschen Jump-Cuts geradezu über - bezeichnenderweise, als Bruno zu einem längeren Monolog über Filme ansetzt. Bize greift häufig zu solchen Spielereien, die leider nicht mehr sind als der Versuch, das Kammerspielartige der Inszenierung aufzubrechen und mit mehr Tempo zu versehen. Wenn eine der beiden Figuren telefoniert, setzt er Split Screens ein, um die Entfernung voneinander zu illustrieren, die durch den Einbruch von Außen hergestellt wird.
Als Einbruch von Außen kommt man sich auch als Zuschauer vor. Das liegt nicht so sehr an der Voyeur-Rolle, die der Film dem Publikum zuschreibt und die durch die zwar schön anzusehenden, aber aufdringlich durch Schärfentiefe und Kadrierung ins Zentrum gerückten Brüste von Blanca Lewin noch verstärkt wird. Eigentlich private Dinge zu beobachten, das ist seit jeher eine der Attraktionen des Kinos. Wenn diese privaten Dinge aber belanglos sind, erlischt das Interesse. Die Gespräche zwischen Daniela und Bruno drehen sich um: Namen und was sie über ihre Träger aussagen, wie viele Bakterien beim Küssen übertragen werden, Frauen, die gemeinsam aufs Klo gehen und was Männer darüber denken, wie viele Kalorien Schokoladeneis hat. Also über all jene Dinge, über die man so redet, wenn man gemeinsam im Bett liegt, sich aber kaum kennt.
In Richard Linklaters Before Sunrise (1995) und Before Sunset (2004) hat der Small Talk funktioniert, weil er viel origineller und pointierter war. Hier jedoch langweilt er über weite Strecken nur. An einem Punkt des Gespräches fragt Bruno Daniela, ob sie dafür bezahlen würde, Menschen beobachten zu können, die sich in ein Motelzimmer eingeschlossen haben - doch auch solch selbstreferenzielle Koketterie bleibt eine Pose. Später enthüllen beide ihre persönlichen Traumata, aber man wird das Gefühl nicht los, dass sie auch dies nur tun, um den Zuschauer vor der Eintönigkeit der Situation zu bewahren.
Es kommt der konzeptionell ähnliche, aber gelungenere 9 Songs (2004) von Michael Winterbottom in den Sinn, dessen Sex zwar wesentlich expliziter, dessen Haltung aber weniger voyeuristisch war. En la Cama gelingt es nur selten, und dann vor allem wegen der beiden gut harmonierenden Schauspieler, Momente von jener Schönheit einzufangen, die eine flüchtige Begegnung erzeugen kann.
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 25.09.2007
Kommentare zu En la Cama
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu En la Cama. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: En la Cama
Chile, Deutschland 2005
Laufzeit: 85 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Matías Bize
Drehbuch: Julio Rojas
Produktion: Adrián Solar, Christoph Hahnheiser
Bildgestaltung: Christián Castro, Gabriel Díaz
Montage: Paula Talloni
Musik: Diego Fontecilla
Darsteller: Blanca Lewin, Gonzalo Valenzuela
Kinostart: 25.10.2007
Copyright En la Cama
Fotos: © Farbfilm
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Barbara
R: Christian Petzold
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Cincinnati Kid
So 12.02, 20:15 Uhr, arte
Neandertal
So 12.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR










