Emelie

Michael Thelin bastelt sich aus vielen Thrillerteilchen einen Film zusammen und glaubt, damit aus dem Schneider zu sein.

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Sind die Protagonisten in Michael Thelins düsterem Thriller erst einmal auf den Plan getreten, stellt man plötzlich fest: Es gibt gar keine Emelie. Doch das ist hier nicht wirklich Grund zur Verwunderung. Dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, dazu bedarf es nur eines klitzekleinen Hauchs Genreexpertise. Das neue Kindermädchen Anna (Sarah Bolger) beginnt, den Kids der Thompsons, die sich zum Hochzeitstag einen freien Abend genehmigen, seltsame Dinge zu erzählen, unentwegt stichelt sie gegen die Tochter Sally (Carly Adams) und bittet den ältesten Sohn Jacob (Joshua Rush), während sie auf der Toilette sitzt, für sie ein Tampon aus der Verpackung zu nehmen. Auch wenn immer die Frage bleibt, was Anna noch so alles tun wird, ist jede ihrer Handlungen nicht überraschend, sondern erwartet. Emelie macht von Anfang an überhaupt keinen Hehl daraus, dass hier irgendetwas im Busch ist. Es geht dem Film weniger darum, Unheil aufkeimen zu lassen, als es in verschiedenen Varianten durchzuexerzieren.

Änderung des Genre-Kurses

Emelie 03

Wenn der Figur des jugendlichen Babysitters in Genrefilmen wie Unbekannter Anrufer (2006) gerne die Rolle des Opfers zukommt, dann gerade deswegen, weil ihre symbolische Funktion einen Spagat vollzieht. Sie vereint noch kindliche Unschuld mit dem adoleszenten Druck, Verantwortung zu übernehmen, aber auch mit einer erblühenden Promiskuität, die im Horrorfilm gerne gewaltsam bestraft wird. Emelie macht den Babysitter zum Täter, operiert deswegen aber nicht anders. Er verteilt nur ein wenig um. Die Kinder sind sowieso der Inbegriff der Unschuld, allen voran der jüngste Sohn Christopher (Thomas Bair), dem schließlich eine ganz besondere Rolle zukommt. Jacob fühlt sich alsbald stark angezogen von Anna und verkündet seinem besten Freund nach dem Toilettenvorfall über Walkie-Talkie vollkommen aufgelöst, er habe gerade seine erste Vagina gesehen, um sich daraufhin bei der Babysitterin zu profilieren. Und wenn Anna rabiatere Vorgehensweisen an den Tag legt, bremst nichts und niemand das Pflichtbewusstsein gegenüber seinen Geschwistern.

Das Geheimnis des Kindermädchens lüftet sich freilich, wodurch der Film dann einen anderen Drall bekommt und sich gezwungen sieht, ganz schnell umzusatteln. In allerkürzester Zeit wird die Figur der Anna fein säuberlich ausbuchstabiert, aber auch nur insoweit, als es den Motivationen innerhalb des Films zuträglich ist. Eine zunehmende Genredynamik dominiert die zweite Hälfte, die viel stärker plotgetrieben ist. Neue Personen treten auf, und Emelie begnügt sich nicht länger mit psychologischen Sperenzchen, wird ungleich körperlicher und reißerischer, bringt seine Tonspur expliziter zum Flirren und Surren. Und auch die Eltern sind schon auf dem Weg nach Hause. Dieses Vorhaben ist zwar einigermaßen spannend, doch tut sich Thelin zunehmend schwer, daraus etwas Handfestes zu entwickeln. In der Retrospektive wird etwa die erste Hälfte recht problematisch. Da verkommen viele der Handlungen der Babysitterin zu Momenten der bloßen Irritation, deren Unausgegorenheit dann erst richtig in Erscheinung tritt. In einer ganz merkwürdigen Szene zwingt Anna die Kleinen, ein privates Sexvideo der Eltern anzusehen. Weil jegliche Relation dazu aber ausbleibt, sind die verstörenden Momente nur auf Effektivität getrimmte Luftblasen, die platzen, sobald Emelie in die nächste Phase stolpert.

Mehr vorgeben, weniger inszenieren

Emelie 04

Mit dem Wissensüberschuss auf Seiten des Zuschauers kokettiert Emelie ständig, nur das Was und Wieviel changiert. Suspense heißt das Gebot dieses Films, doch nicht in Reinform, sondern stets vermengt mit anderen Methoden der Spannungs- und Aufmerksamkeitserzeugung. Da ist schon einmal der ständige Beobachterstandpunkt der Kamera, hinter Büschen hervor, aus Autos heraus, in Fenster hinein. Immerzu lugend vermittelt sie, dass man sich hier als ihr Verbündeter klar in einem gewissen Vorteil sehen kann. Emelie beginnt mit einer sehr heimtückischen Entführung, dem Suspense-Moment des Films überhaupt, den die Kamera aus einiger Entfernung zwischen ein paar Sträuchern und Bäumen mitverfolgt. Wenig später befiehlt der Familienvater (Chris Beetem), dass die Kinder alles tun sollen, was ihre neue Babysitterin ihnen sagt, und wenn Anna die Tür hinter den Eltern schließt, wabert schon viel Unheilvolles durch die Räume und Flure des Vorstadthauses.

Thelin bemüht sich aber eben nicht, dies mit seiner Inszenierung herauszustellen, weil er sich darauf verlassen kann, dass wir es ja eh schon besser wissen. Emelie scheint stets darauf zu hoffen, dass wir nicht bemerken, wie sehr er damit beschäftigt ist, mangelnden Einfallsreichtum durch die Anhäufung erprobter Genremechanismen zu überspielen. Wenn die Babysitterin Jacob auf abgedroschenste Weise ermahnt: „I told you what happened if you misbehave“, täuscht jedoch nichts mehr über die Tatsache hinweg, dass es diesem Film einfach ein wenig an Esprit fehlt, um wirklich überzeugen zu können. Da hilft es auch nicht mehr, das Steuer herumzureißen, um von der Behäbigkeit der Erzählung abzulenken und die immer stärker durchscheinende Konventionalität des Films vergessen zu machen.

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