Eltern – Kritik

Der Hamster ist tot.

Eltern 01

Eine intime Zeremonie am Straßenrand: Mit einer gesunden Portion Sarkasmus tragen Christine (Christiane Paul) und Konrad (Charly Hübner) mit ihren Töchtern den geliebten Hamster Specki zu Grabe. Wenn es ein Tier gibt, das man unwillkürlich mit einer bestimmten Vorstellung von Familie in Verbindung bringt, dann ist es dieses. Platzsparend, einfach zu halten und kurzlebig, was sich durch die schnelle Entwicklung der Kinder jedoch oft als ganz praktikabel erweisen mag. Und weil man keinen Garten zur schmucken Berliner Altbauwohnung besitzt, wird der Nager kurzerhand neben einem Bäumchen auf dem Gehweg beerdigt. Wenn in Robert Thalheims Film Eltern das Haustier beigesetzt wird, liegt da aber noch ein Gefühl von Harmonie in der Luft. Der Tod des Hamsters führt nicht zur Krise, eher ist es einer der wenigen Momente des Zusammenhalts einer Familie, die zwischen Berufs- und Alltagsleben zerrieben zu werden droht.

Weil Mama Christine Tag und Nacht in der Klinik beschäftigt ist und Papa Konrad endlich die Regie bei einem Stück am Theater übernehmen darf, entscheiden sich die beiden, das Au-pair-Mädchen Isabel (Clara Lago) aus Argentinien aufzunehmen. Deren Absicht ist es jedoch weniger, sich um die Kinder zu kümmern oder Land und Leute kennenzulernen. Nachdem sie ungewollt schwanger wurde, ist sie vor ihrer engstirnigen Familie geflohen, um im Ausland eine Abtreibung durchzuführen. Statt Erleichterung also eine Sorge mehr für das Elternpaar.

Mit prägnanten Details unterbreitet uns der Film ein präzises Bild seiner Protagonisten, und wir dürfen einem jungen, aufgeschlossenen Bildungsbürgerpaar bei seiner Unfähigkeit zusehen, alles unter einen Hut zu bringen. Nein, keine Latte-Macchiato-Fraktion. Oder nicht mehr, denn über die Vergangenheit der beiden erfahren wir in Eltern, der sich auf eine Woche Handlungszeit beschränkt, so gut wie nichts. Dennoch nähert Thalheim Christine und Konrad an ein derartiges soziologisches Schema an, wenn er sie als entschieden nicht-konservatives, linksgerichtetes Großstadt-Pärchen zeichnet. Vielleicht könnte man sie als die um fünfzehn Jahre gealterte Variation des zwischen Liebe und Selbstverwirklichung mäandernden, hippen Studentenvolks aus Dietrich Brüggemanns 3 Zimmer/Küche/Bad (2012) bezeichnen. Die Kinder heißen Käthe und Emma, Bücherregale zieren die Wohnung, und im Auto stimmt man zusammen mit den Goldenen Zitronen ein Liedchen über den Sturz der Regierung an. Kampf den Autoritäten. Ja, davon haben besonders die Töchter Ahnung. Früh übt sich, und am besten fängt man mit der Revolte im Kleinen an.

Eltern 02

Die jungen Eltern sind Vertreter einer alternativ eingestellten Generation, die in Subkulturen gelebt hat und mit Kunst und Kultur etwas anzufangen weiß, aber nun doch in die Lebensform Familie hineingeschlittert ist. Situationen, die ganz universell für die Bürde des Eltern-Daseins stehen, wie eine alberne Jagd durch das Wartezimmer beim Arzt, hätte der Film gar nicht nötig gehabt, denn obwohl Thalheim stark auf das Erzählen einer tragikomischen Geschichte aus ist, ist Eltern eher Porträt dieser vermeintlich antibürgerlichen Familienform. Das Dilemma, in dem man hier steckt, funktioniert dann dramaturgisch auch besser als vereinzelte clowneske Einlagen. Die Karriere ist der Familie im Weg. Oder die Familie der Karriere. Unentschlossen hetzt das Paar durch berufliche und private Stresssituationen, ohne klar Stellung zu beziehen, was denn nun wichtiger sei.

Thalheim ist aber keineswegs daran gelegen, sein Elternpaar zu diffamieren. Von Christine vermuten wir den ganzen Film über, dass die Kleinfamilie nicht gerade das war, was sie sich am sehnlichsten gewünscht hat. Erst am Schluss klärt sich auf, dass sie von ihrem Partner dazu überredet worden ist, die Schwangerschaft durchzuziehen. Eltern ist dabei kein Zerrbild einer unfähigen Elterngeneration oder Kritik an modernen Ausformungen von Lebensgemeinschaften mit Kindern. Vielmehr führt er vor Augen, wie Familie zu einer Lebensweise werden kann, die man eingeht, ohne sich dezidiert dafür entschieden haben zu müssen.

Einmal gegen Ende haut Konrad mit dem Siegfried-Schwert, das Käthe für ihren Papa in einem Ramschladen aufgetrieben hat, die Theaterrequisite seines Stücks kurz und klein. Der Sieg der Familie? Etwas Tröstliches bricht sich tatsächlich Bahn, doch die vollkommene Katharsis bleibt aus. Ganz so einfach will es uns Thalheim dann auch nicht machen, und je länger Eltern die inneren und äußeren Kämpfe wiedergibt, umso klarer wird, wie differenziert hier mit der Sache umgegangen wird. Isabel trifft ihren Entschluss, der uns mit einer einfachen rituellen Handlung verständlich gemacht wird. Nicht als Anklage, sondern als wohlüberlegte Entscheidung inszeniert. Auch sonst bleibt einiges in der Schwebe, Christines Urlaub dauert schließlich nur zwei Wochen. Was dann passiert, wissen wir nicht. Und wo ist eigentlich der neue Hamster abgeblieben?

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