Elsa und Fred
Gemeinhin dürfen Menschen jenseits der 60 in einem Kinofilm höchstens noch in schrulligen oder tragischen Nebenrollen auftauchen. Diese spanische Liebeskomödie rollt ihnen dagegen den roten Teppich aus.

Eine jüngst veröffentlichte Studie des US Census Bureau attestiert Senioren eine im Vergleich zu früheren Jahrzehnten verbesserte Gesundheit und einen stark anwachsenden Wohlstand. Das Altern gehe heutzutage sowohl biologisch als auch materiell nicht mit denselben Einschränkungen einher, wie dies noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall war. Fast scheint es, als hätte Regisseur Marcos Carnevale vorab einige Exklusiv-Informationen zugesteckt bekommen, denn seine etwas andere romantische Komödie Elsa und Fred (Elsa y Fred) entwirft ein gänzlich unverkrampftes Senioren-Bild.
Elsa (China Zorrilla), nach eigenen Bekundungen 77 Jahre alt, ist eine liebenswerte Diva mit kleinen Allüren, einer gehörigen Portion Temperament und einem unwiderstehlichen Charme. Die ausgesprochen rüstige Rentnerin hat sich bis ins hohe Alter ihre Verehrung für Fellinis Das süße Leben (La dolce Vita, 1960) und Anita Ekberg bewahrt, der sie früher angeblich erstaunlich ähnlich sah. Als ein neuer Nachbar in ihr Wohnhaus einzieht, ist es um Elsa geschehen. Sie verliebt sich in den etwas scheuen hypochondrisch veranlagten Alfredo (Manuel Alexandre). Der ahnt zunächst nichts von seinem Glück, ist er doch noch in Trauer um seine erst kürzlich verstorbene Frau.

Geschickt bauen Regisseur Marcos Carnevale und seine beiden Co-Autoren Marcela Guerty und Lily Ann Martin die Liebesgeschichte gegen zwei übliche Rollenmuster auf. Zum einen geht hier von der Frau, der resoluten Elsa, die dominierende und treibende Kraft in der Beziehung aus. Alfredo bleibt nichts anderes übrig, als sich dem liebevollen Frontalangriff mehr oder weniger kampflos zu ergeben. Und auch wenn Elsa eigentlich unter einer schweren Krankheit leidet, wirkt es stets so, als ob Alfredo mit all seinen kleinen Zipperlein intensiver Pflege und Betreuung bedarf. Endlich darf sich der Mann in die Arme einer starken Frau fallen lassen. Auf einer anderen Ebene spielt der Film auf eine äußerst humorvolle Art mit den Machtverteilungen zwischen den Generationen. Auf einmal sind es die Eltern, die sich wie Teenager gegenüber ihren eigenen Kindern für ihre Liebe rechtfertigen müssen. Alfredos Tochter Cuca (Blanca Portillo) behandelt ihren Vater wie ein Kleinkind, während Elsas Söhne sie wahlweise ausnehmen oder ihr nachspionieren.
Endlich werden ältere Menschen von einem Film nicht bloß als eine Ansammlung schrulliger Klischees verstanden. Zwar besitzt vor allem Elsas Charakter auch eine Vielzahl liebenswerter bis exzentrischer Manierismen, Carnevale reduziert den Menschen aber niemals auf diese, sondern erlaubt beiden Protagonisten in vielen leisen und intimen Szenen zugleich eine Seite des Älterwerdens zu zeigen, die mit Lebensfreunde und partnerschaftlicher Zärtlichkeit verbunden ist. Solch einen Akzent lassen andere Werke oftmals vermissen.

Carnevale gibt Fellini die „Schuld“ daran, dass er diesen Film gedreht hat, ja vielleicht sogar drehen musste. Als 14jähriger hat er eben jenen Fellini-Klassiker in einem kleinen Kino in der spanischen Provinz gesehen. Seitdem verfolgte ihn der Traum, eines Tages selber auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen und die berühmte Szene an der Fontana die Trevi zu inszenieren. Diese verklärte Sehnsucht ist in Elsa und Fred omnipräsent. Der romantisierende Blick auf eine Zeit, in der das Kino noch große Diven hervorbrachte, verkörpert Elsa mit einem einfachen Blick auf das Foto von Anita Ekberg. Sie ist Carnevales Platzhalter für seine Bewunderung für das Medium Film im Allgemeinen und das italienische Regiegenie im speziellen. Eine ähnlich liebevolle Hommage an eine längst vergangene cineastische Epoche gelang Woody Allen mit seinem The Purple Rose of Cairo (1985), wobei dort der filmhistorische Bezug, in diesem Fall zum Kino der 20er und 30er Jahre, von weitaus zentralerer Bedeutung war. Allen wie Carnevale scheinen mit Wehmut zurückzublicken, weil sie glauben, dass der Stellenwert des Kinos heute nicht mehr derselbe ist.
Elsa und Fred verläuft entlang des bekannten Plots einer klassischen Romantic Comedy. Doch selbst wenn die einzelnen Bestandteile (die erste Einladung in die eigene Wohnung, das erste gemeinsame Abendessen, der erste Kuss) wenig originell sein mögen, enden sie keineswegs so, wie gedacht. Selbst Elsas bereits früh angedeutete schwere Krankheit instrumentalisiert der Film nicht zu einem melodramatischen Finale. Dafür erfüllt sich ihr und Carnevales größter Traum. Auf den Spuren von Anita Ekberg und Fellini wandeln beide durchs pittoreske geschichtsträchtige Rom. Sie als Starlett vor der Kamera, er als ihr Regisseur.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 24.03.2006
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Film-Angaben
Titel: Elsa und Fred
Originaltitel: Elsa y Fred
Spanien, Argentinien 2005
Laufzeit: 108 Minuten
Regie: Marcos Carnevale
Drehbuch: Marcos Carnevale, Lily Ann Martin, Marcela Guerty
Produktion: José Antonio Félez
Darsteller: Manuel Alexandre, China Zorrilla, Blanca Portillo, Roberto Carnaghi, José Ángel Egido
Kinostart: 13.04.2006
Copyright Elsa und Fred
Fotos: © Arsenal
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