Elle

Wenn eine Vergewaltigung zum Rollenspiel wird. Paul Verhoeven knüpft mit einem fulminanten neuen Film an sein Kino der dunklen Obsessionen an.

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Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Isabelle Hupperts Nippel im Kino gesehen habe. Es muss eine Ewigkeit her sein. Dabei ist die umtriebige Schauspielerin eigentlich für ihre Zusammenarbeit mit Regisseuren bekannt, die keine Grenzüberschreitung scheuen. Die nackten Brüste einer Frau über sechzig scheinen jedoch selbst in diesen Kreisen ein Tabu darzustellen. Da braucht es schon einen Meister der Subversion, um sich darüber hinwegzusetzen. In Paul Verhoevens neuem Film Elle sehen wir gleich mehrere Male, wie Hupperts Brustwarzen aus einem BH oder einem Negligé rutschen. Dabei tun sie das ganz beiläufig und selbstverständlich; drängen sich nicht als erotische Attraktion auf, sondern zeigen vielmehr, dass es zwischen dem Bauch und dem Hals einer schon etwas älteren Schauspieldiva auch noch etwas anderes zu sehen gibt.

Ein sexuell äußerst empfindsames Wesen

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In vielen von Verhoevens Filmen ist Sexualität nicht nur ein Aspekt des Lebens, der auch noch abgehakt werden muss, sondern der menschliche Antriebsmotor schlechthin. Auch in Elle brauchen wir letztlich keinen Nippel, der uns daran erinnert, dass Michelle (Huppert) trotz ihrer Toughness ein sexuell äußerst empfindsames Wesen ist: Die Chefin eines großen Videospielunternehmens zwinkert ihren jungen Angestellten zu, hat eine Affäre mit dem Mann ihrer besten Freundin und masturbiert, während sie heimlich ihren Nachbarn beobachtet. Einmal diskutiert Michelle mit ihrem Team über eine Szene aus einem Videospiel, in dem eine Frau von einem furchteinflößenden Ork unsanft penetriert wird – und äußert ihren Unmut darüber, dass die Darstellung nicht lebensecht genug sei; der Orgasmus solle sichtbarer sein und das Blut, das aus der Scheide fließt, müsse man regelrecht zwischen den Fingern spüren. Man mag kaum glauben, dass Michelle gerade erst in ihrer Wohnung von einem maskierten Mann überfallen und vergewaltigt wurde. Sie lässt sich davon jedoch nichts anmerken. Und als der Vergewaltiger nicht aus ihrem Leben tritt, ihr im Gegenteil sogar noch anzügliche SMS schickt und während Michelles Abwesenheit auf ihre geschmackvolle Seidenbettwäsche wichst, kommt langsam die Frage auf, ob das vermeintliche Opfer vielleicht auch eine gewisse Lust bei diesem Spiel verspürt.

Choreografie des gestörten Miteinanders

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Nachdem Verhoeven seinem temporären Arbeitsort Hollywood zur Jahrtausendwende den Rücken gekehrt hat, ist es still um den holländischen Regisseur geworden. Erschienen sind von ihm seitdem lediglich das Historiendrama Black Book (Zwartboek, 2006) sowie der Fernsehfilm Tricked (Stekspel, 2012). Elle markiert nun eine fulminante Rückkehr zu seinem Kino der dunklen Obsessionen, das so verführerisch provokativ wie beißend sarkastisch ist. Obwohl der auf einem Roman von Philippe Djian basierende Film streckenweise wie ein klassisches Genrestück funktioniert, zeichnet sich schnell ab, dass er sich ebenso gerne von bewährten Erzählmustern löst. Ungewöhnlich viel Zeit verbringt Verhoeven damit, Michelle in ihrem bürgerlichen Umfeld zu zeigen; etwa wie sie die Beziehung ihrer Großmutter mit einem jungen Gigolo sabotiert oder wie sie zu verhindern versucht, dass ihr etwas minderbemittelter Sohn von seiner bitchigen Freundin vollends zum Deppen gemacht wird. Herzstück dieser spannungsgeladenen Begegnungen ist eine Weihnachtsfeier, die ständig von Konflikten gestört wird. Oft sind es dabei nur kleine Gesten der Geringschätzung – ein Augenrollen, ein verächtliches Zischen oder auch mal eine unverblümte Beleidigung –, die wie eine Choreografie des gestörten Miteinanders inszeniert werden.

Auch ansonsten hat Elle so manche Überraschung parat. Seine anfängliche Whodunnit-Struktur lässt er etwa schon bald ins Leere laufen. Bereits nach der Hälfte des Films ist die Identität des mysteriösen Einbrechers geklärt. Damit geht der Spaß jedoch erst los. Anstatt im weiteren Verlauf der Handlung einem Vergeltungsplot zu folgen, kreist der Film um das unergründliche Begehren seiner Protagonistin.

In der Grauzone sadomasochistischen Begehrens

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Sex ist in Elle zunächst einmal Macht; ein Mittel, um andere zu verführen, von sich abhängig zu machen und zu erniedrigen. Doch es dient eben auch dazu, ein persönliches Bedürfnis zu stillen. Immer wieder spielt Michelle die Vergewaltigung in Gedanken durch – mal als Rekonstruktion, mal als Rache-Szenario und schließlich auch als erotische Fantasie. Als sie ihren Vergewaltiger – der ihr auch regelmäßig im Alltag begegnet – nach seinen Beweggründen fragt, antwortet der nur: „Es ist eine Notwendigkeit.“ Michelle beginnt das ähnlich zu sehen. Jenseits der Vernunft sucht sie immer wieder seine Nähe und provoziert weitere Übergriffe, bei denen sie sich mal mehr, mal weniger wehrt. Längst ist das traumatische Erlebnis zum erotischen Rollenspiel geworden. Wenn wir am Anfang des Films nur die schwarze Leinwand sehen, deutet sich diese Ambivalenz schon an: Wir hören ein heftiges Stöhnen, wissen aber nicht, ob es durch Schmerz oder sexuelle Ekstase ausgelöst wird.

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Elle fordert auf raffinierte Weise eindimensionale Vorstellungen von sexueller Selbstbestimmung heraus. Bei Verhoeven sind solche subversiven Angriffe nichts Neues. In Spetters (1980) gibt es zum Beispiel eine Szene, in der eine der Hauptfiguren erst durch eine Vergewaltigung ihre Homosexualität erkennt. Das scheint ideologisch zunächst einmal ziemlich fragwürdig zu sein, bewegt sich aber in einer Grauzone sadomasochistischen Begehrens, in der es kein befriedigendes Urteil über die Mündigkeit eines Opfers geben kann. In Elle ist schon von der ersten Minute an klar, dass Michelle vieles ist, sicher aber nicht passiv. Allerdings wird sie genauso in reißerischen TV-Shows über ihren inhaftierten Vater dargestellt – der vor vielen Jahren eine bestialische Mordserie verübte. Verhoeven weigert sich jedoch konsequent, eine allzu deutliche Verbindung zwischen den Familienmitgliedern zu ziehen, wie er sich überhaupt dagegen sträubt, das Verhalten seiner Protagonistin zu pathologisieren. Wir müssen uns damit abfinden, dass sich ihre Sexualität mit herkömmlichen moralischen Kriterien nicht greifen lässt. Auf eine Therapiestunde sollte man lieber in einem anderen Film hoffen.

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