White Elephant

In White Elephant begibt sich der argentinische Regisseur Pablo Trapero an jenen Ort, aus dem der Fußballer Maradona herkam: ein Elendsviertel von Buenos Aires.

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Seit seinem Erstling Crane World (Mundo Grúa, 1999) taucht Pablo Trapero thematisch mit jedem seiner Filme tief in die sozialen Abgründe der argentinischen Gegenwart. Am Beispiel eines oder mehrerer Protagonisten entwirft er  eindringliche Darstellungen von prekären Lebensrealitäten im Großraum Buenos Aires.

In Crane World beobachtet er, noch in Schwarzweiß, das einfache Leben eines Porteño aus der Unterschicht, der sich mit einem Aushilfsjob nach dem anderen über Wasser hält. In El Bonaerense (2002) stehen die korrupten Machenschaften der Polizei in der titelgebenden „Provinz Buenos Aires“ im Mittelpunkt. In Löwenkäfig (Leonera, 2008) prangert er den rauen Gefängnisalltag einer Inhaftierten und ihres Sohnes auf der Mutter-Kind-Station an. In Carancho (2010) beleuchtet er anhand der Liebesbeziehung einer drogenabhängigen Rettungs-Ärztin in prekären Arbeitsverhältnissen zu einem Versicherungsbetrüger die mafiösen Strukturen argentinischer Versicherungsgesellschaften, die mit inszenierten Unfällen ihre Gewinne machen.

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In White Elephant (Elefante blanco, 2012) befinden wir uns nun inmitten des Elendsviertels „Villa 31“ (Villa Miseria), einer der zahlreichen informellen Siedlungen mit hohem Kriminalitätsniveau, die mit über 30.000 Bewohnern die größte von Buenos Aires ist. „Weißer Elefant“ ist auch der Name des Krankenhauses am Hügel, um dessen Weiterbau sich der Priester Padre Julían (Ricardo Darín) aufopfernd kümmert. Im Jahr 1937 visionär als größtes Krankenhaus von Lateinamerika geplant, ist es nun eher bewohnte Ruine als Rohbau. Wie ein Skelett aus Stein thront es über dem Viertel als Mahnmal für den schon jahrzehntelang andauernden Kampf einzelner Idealisten gegen institutionelle und staatliche Windmühlen.

Von hier schwenkt Trapero immer wieder in Panoramaaufnahmen vom angrenzenden Stadtteil Retiro zur Villa, um die Nähe der urbanen Parallelwelten zu zeigen. Hier oben am Fenster betrachtet Padre Julián die Röntgenaufnahmen seines Hirntumors, die auf diese Weise nicht nur über ihm, sondern über dem ganzen Viertel wie ein Damoklesschwert hängen. Und hier oben erwacht der französische Pater Nicolás (Jeremie Renier) mit königsgleichem Ausblick. Aus dem Off ertönt lautstark ein Lied der argentinischen „Rock Nacional“-Gruppe Intoxicados, als ob Trapero trotzig klar stellen wollte, dass auch die Villa Miseria eine Art argentinische Lebensrealität ist.

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Nicolás ist neu hier. Im Rahmen einer langen Plansequenz bekommt der Zuschauer an seiner Seite eine Führung durch das Viertel, lernt alle geschichtlichen Fakten, die freiwilligen Helfer und wichtigen Strukturen kennen. Für kurze Zeit funkeln hier Traperos Wurzeln seiner frühen Filme in der realistisch-dokumentarischen Tradition des Neuen Argentinischen Films auf. Doch seit Leonera, spätestens aber seit seiner ersten Zusammenarbeit mit dem Shooting-Star Darín in Carancho setzt Trapero eher auf große Emotionen und theatralische Momente. Auch in White Elephant wird das Geschehen fortan durch Probleme der Armut und Illegalität verdichtet sowie durch polizeiliche Willkür und Gewalt, drogenbedingte Bandenkriege und Proteste der Bewohner gegen einen Stopp ihres Sozialbauprojektes dramatisiert und emotional aufgeladen.

Schnell wird jedoch klar, die Priester in diesem Film sind keine religiös überhöhten Figuren, sondern Menschen mit Fehlern und Selbstzweifeln. Weil er als Einziger ein paramilitärisches Massaker an seiner peruanischen Gemeinde im Amazonasgebiet überlebt hat – was dem Zuschauer in einer 15-minütigen Anfangssequenz gezeigt wird –, ist Padre Nicolás zerfressen von Schuldgefühlen.  Wenig später erliegt er irdischen Verführungen, indem er eine Affäre mit der Sozialarbeiterin Luciana (Martina Gusman) beginnt. Padre Julián belügt die Gemeinde bezüglich seiner tödlichen Krankheit.

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Umso unverständlicher wirkt das Auskosten der religiösen Klischees  in einem künstlich provozierten Showdown und äußerst pathetisch inszenierten Filmende.  Während White Elephant als interessante Milieustudie eines sozialen Brennpunktes von Buenos Aires beginnt, der als blinder Fleck gescheiterter Kommunal- und Regierungspolitik  ein Schattendasein neben der argentinischen Normgesellschaft fristet, krankt die Handlung zuletzt an einem überladenen Mix aus Sozialdrama, Liebesgeschichte und religiöser Überhöhung.

Trailer zu „White Elephant“


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