Electroboy

Marcel Gisler erzählt die Geschichte eines Mannes, der ausbrach, kurz vor dem Durchbruch stand – und nun ein Dasein zwischen Frührentner und Späthipster führt.

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Bochum-Ehrenfeld, 2013. Florian Burkhardt, Ringelshirt und Sonnenbrille, führt Hugo um den Block. Ein kurzer Stopp am Mini-Markt, schnell die Hundescheiße einsammeln, dann zurück. „Hier wohnen wir“, sagt er, während er die Tür zu seiner Sozialwohnung aufschließt, und da ahnt man schon, dass dieses „Wir“ eines der wenigen ist, die sein Leben beinhaltet.

Vor zwanzig Jahren wäre aus Florian Burkhardt mal fast ein Star geworden: einer, der der Enge eines Schweizer Kruzifix-Haushalts entfloh, sich in der Prä-Google-Ära einen Lebenslauf erdichtete, in dem er Schultheater- kurzerhand zu Filmproduktionen ernannte und sich den Schweizer Filmpreis verlieh. Einer, der voller Hoffnung ins Flugzeug nach L.A. stieg, begleitet von einem Lehrer namens Fidji, der wiederum seinen Job kündigte, sich einen Anzug kaufte, um fortan den Agenten zu mimen, auch ohne Englischkenntnisse, „damit der Florian Erfolg hat, in der Superlative“.

„Der Lustboy, der Junge von Venedig“

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Das klingt so absurd, dass man es nicht glauben würde, hätte man diese Personen nun nicht in Marcel Gislers erstem Dokumentarfilm vor sich: den Florian, den Fidji und all die Agenten, Männer, die Theophil oder Greg heißen und allesamt Solariumbräune zu hellweißen Zahnreihen tragen, Wegbegleiter, die jetzt, zwei Jahrzehnte später, ihren Frieden im Spirituellen oder im Penthouse gefunden haben. Sie erzählen von ihrer Begegnung mit einem jungen Mann, den sie mit Alain Delon vergleichen, dem Typus „Lustboy“ zuordnen, mit Blick auf Modelfotos in 90er-Jahre-Ästhetik. Ihr Sprechen erinnert an Castingshow-Juroren, gerade bei dem, was sie nicht in Worte fassen können – das, was den Florian ausgemacht hätte, damals; dieser Ausdruck, dieses Etwas, an das sie so sehr glaubten.

Auch mit Anfang vierzig wirkt Florian Burkhardt noch sehr jungenhaft. Hollywood, dieses Schlagwort hat für ihn noch immer nicht an Zauber verloren, und bei der Ernsthaftigkeit, mit der er es ausspricht, den Brillenrand zurechtrückend, fragt man sich kurz, ob das intuitive Schmunzeln da nun angebracht ist. Hollywood. Immer wieder: Hollywood. Es hat nicht geklappt. Kurz nach der Jahrtausendwende lässt sich Florian Burkhardt nach mehreren Panikattacken in eine Zürcher Psychiatrie, ins „Burghölzli“, einweisen, Diagnose: „Generalisierte Angststörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur mit Selbstwert- und Identitätsproblematik mit Anteilen einer sozialen Phobie“.

Temesta Expidet statt Ecstasy

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Das Gespräch mit Burkhardt bildet den Rahmen des Films, strukturiert die Sequenzen, in denen Protagonisten und Stationen seines Lebens vorgestellt werden. Die Offenheit, mit der er seinen Krankheitsverlauf und seine bis heute reichende Tablettenabhängigkeit reflektiert, ist beeindruckend. Noch beeindruckender, weil beklemmender, sind die Aussagen seiner Eltern, die nun auch zu Wort kommen: eine Mutter, die den Interviewer fragt, wie es ihrem Sohn wohl gehe, ein Vater, der die Homosexualität seines Sohnes nach Freud’scher Tradition in einer Schwäche seiner eigenen Rolle zu erklären versucht. In der Intimität, in der sich nun das Porträt einer auseinander gedrifteten Familie offenbart, werden die zwei Jahre Recherche spürbar. Gisler nimmt die Rolle eines vermittelnden Freundes ein, der zuhört, nachhakt und widersprüchliche, teils konträre Aussagen erst einmal so stehen lässt.

Darin liegt die große Stärke dieses Films. Indem er die Interviewsituation nicht zu kaschieren versucht, sondern thematisiert, indem Widerstände und Probleme mit den Gesprächspartnern zum Gegenstand gemacht werden („Can you be a little bit locker, was heißt locker auf Englisch?“), wird das Gefühl der Grenzüberschreitung, des Voyeurismus beim Zuschauer erst so richtig schmerzhaft, gerade im Gespräch mit den Eltern.

Alltag der Angst

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Ästhetisch gestaltet sich Electroboy etwas wirr, wenn das Internet Ende der 1990er in Florian Burkhardts Erzählungen und damit auch in den Film eindringt, in Form von für die Generation Web 2.0 urzeitlich anmutenden Sounds und Visuals. Hier offenbart der Film seine Längen. Sinn ergibt der Exkurs erst, als der Bezug zu Burkhardts Angststörung wiederaufgegriffen, das Internet als rettendes Moment verstanden wird: Für einen Sozialphobiker stellt die virtuelle Kommunikation einen Ausweg aus der Isolation dar. Insofern ist der Film auch ein Zeitdokument, das Möglichkeiten des Agierens im Zeitalter technischer Umbrüche verhandelt.

Nach Sonja Heiss’ Spielfilm Hedi Schneider steckt fest ist Electroboy der zweite Kinostart dieses Jahres, der sich dem Thema Angststörung widmet. Auch Marcel Gisler thematisiert den familiären Umgang mit der Diagnose, erweitert diesen Blick von außen jedoch um die Innenperspektive. Eben diese Möglichkeit der öffentlichen Verhandlung, sagt Florian Burkhardt im Interview, sei ein ausschlaggebender Grund für die Teilnahme am Projekt gewesen, das ursprünglich ebenfalls als Spielfilm geplant war.

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„‚Electro‘ für ‚Electro‘, ‚boy‘ für ‚schwul‘“, begründet Burkhardt die Benennung seiner Zürcher Partyreihe in den frühen 2000ern. Für den Film funktioniert der Titel in diesem Sinne allenfalls auf einer sehr hohen Metaebene. Electroboy ist vielmehr das Nachvollziehen einer Familienhistoriografie, das Protokoll einer psychischen Erkrankung, die Erzählung eines Sohnes, der sich loslöste, von Eltern, denen das wehtat, und ein Film darüber, dass man, na ja, im Sumpf der Kindheit immer nach Erklärungen graben kann.

Trailer zu „Electroboy“


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