Election
Nicht allzu oft kommt es vor, dass das berühmteste Filmfestival der Welt in Cannes einen reinrassigen Genrefilm in seinen Wettbewerb aufnimmt. Im Jahr 2005 wurde Johnny Tos Triadenepos Election (Hak se wui) diese Ehre zuteil.

Seither ist der extrem produktive Veteran des Hongkong-Kinos alter Schule, der seit den frühen achtziger Jahren fast 50 Filme in den unterschiedlichsten Genres verwirklichen konnte, in der internationalen Cinephilenszene endgültig als ein Auteur ersten Ranges anerkannt.
Dabei unterscheidet sich sowohl Tos Arbeitsumfeld als auch die Finanzierung seiner Filme grundlegend von den Strukturen, in die klassische Autorenfilmer, sowohl in Asien als auch in Europa oder Amerika, eingebunden sind. Verwirklichen diese meist nur alle paar Jahre einen von unterschiedlichen nationalen wie internationalen Förderinstanzen unterstützten Film, hält To bis heute seinen hohen Output aufrecht und ist nach wie vor Teil der Filmindustrie Hongkongs. Beziehungsweise dessen, was von ihr übrig ist. Denn seit Mitte der neunziger Jahre befindet sich die einstige Wunderstadt des Kinos in einer Dauerkrise.
Die Produktionsfirma Milky Way Productions, deren Gründer, Anteilseigner und gleichzeitig wichtigstes künstlerisches Zugpferd To darstellt, bildet seit 1996 das Kernstück des Versuchs, das lokale Filmschaffen wiederzubeleben. Dieser Versuch zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass To weder daran interessiert ist, alte Erfolgsformeln zu reproduzieren, noch, wie beispielsweise seine Kollegen Alan Mak und Andy Lau mit ihrer Infernal Affairs-Trilogie (Miu gaan diy, 2002-2004 (Kritik zu Teil 1, Kritik zu Teil 2)), Erzählstrategien und Stilelemente aus dem amerikanischen Kino ungefiltert zu integrieren. Stattdessen entstehen im Hause Milky Way seit mehreren Jahren innovative Kleinode des intelligenten Genrekinos, die weltweit ihresgleichen suchen. Election ist nur ein Beispiel unter vielen, wenn auch ein herausragendes, für die Kreativität und technische Kompetenz Tos sowie seiner Mitstreiter.

Die Wo Shing Triade befindet sich in einem heftigen Machtkampf. Zwar wird der souveräne Lok (Simon Yam) vom Ältestenrat zum neuen Oberhaupt gewählt, doch der ehrgeizige, cholerische Big D (Tony Leung) möchte sich nicht mit dem Ergebnis abfinden und reklamiert die Führungsposition für sich. Dem intensiven und blutigen Zweikampf der beiden feindlichen Lager hat die Polizei nur wenig entgegen zu setzen.
To reduziert das Duell zwischen Lok und Big D auf den Kampf um eine kleine Statue, die traditionell dem gewählten Anführer der Triade zukommt und dessen Macht symbolisiert. Diesem zwanzig Zentimeter hohen Stück asiatischen Kunsthandwerks kommt innerhalb des Films eine ähnliche Rolle zu wie dem Hitchcockschen Mac Guffin. Die Statue bildet den statischen Mittelpunkt eines dynamischen Geflechts aus unbedingtem Machthunger, wechselseitigen Koalitionsbildungen, Verrat und eruptiven Gewaltausbrüchen in den zahlreichen Actionsequenzen, in welchen sich die Spannung zyklisch entlädt.
Election strukturiert sich, wie viele Filme des Regisseurs, mit Vorliebe durch ausgedehnte Parallelmontagen, die die Opposition der beiden Protagonisten etablieren. Tos geometrische Versuchsanordnung wird unter anderem in einer längeren Sequenz offenbar, in welcher sich Lok und Big D im Gefängnis befinden, was sie selbstverständlich nicht daran hindert, weiter ihren Geschäften nachzugehen. Dieses Gefängnis ist das Zentrum der räumlichen Logik des gesamten Films. Alle Handlungsstränge laufen hier zusammen und verzweigen sich wieder in die unterschiedlichsten Richtungen. Die beiden Kontrahenten sind in getrennten Zellen untergebracht und treten durch verschiedene Unterhändler mit ihren jeweiligen Gefolgsleuten in Kontakt und nehmen dadurch Einfluss auf Ereignisse, die sich weit außerhalb des Zuchthauses abspielen. Ein tatsächliches Treffen zwischen Lok und Big D findet allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt statt.

In Michael Manns Heat (1995) stehen sich in einer Schlüsselszene die Hauptdarsteller Robert de Niro und Al Pacino von Angesicht zu Angesicht gegenüber und verleihen ihrer Auseinandersetzung nicht zuletzt durch diese Begegnung eine mythische Dimension. In Election findet sich eine ähnliche Sequenz im letzten Drittel des Films. Nach der Haftentlassung fordert Lok Big D auf, in seinen Wagen einzusteigen. Ähnlich wie in Michael Manns modernem Klassiker scheint auch hier während der direkten Konfrontation der Gegenspieler die Zeit stillzustehen.
Allerdings verweigert sich nicht nur diese Szene sondern Election als Ganzes trotz einiger fast transzendentaler Momente der bedingungslosen Überhöhung, der metaphysischen Aufladung, wie sie den amerikanischen Film prägt. Dies ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass in dieser speziellen Situation nicht ein Polizist und ein Verbrecher aufeinandertreffen, sondern zwei Gangster, die sich nur durch die Intensität ihrer jeweiligen Grausamkeit sowie durch unterschiedliche Kampfstrategien voneinander unterscheiden.
In der Tat stellt Johnny Tos Werk eine tiefgehende Auseinandersetzung um Machtgebrauch und Hierarchien dar. Und um die Gewalt, die nötig ist, um letztere aufrecht zu erhalten. Die technische Perfektion, mit welcher der Regisseur zu Werke geht, mag manchem Zuschauer den Zugriff auf diese Dimension des Films erschweren. Election sieht so unverschämt gut aus, dass die komplexe Struktur hinter der slicken Oberfläche nicht sofort sichtbar ist. Doch vor allem die Gewaltexzesse, die teilweise äußerst verstörend inszeniert sind und die Bruchstellen im System der Triaden offenlegen, verdeutlichen die unerbittlichen Mechanismen, die dem Plot zugrunde liegen. Und sie erschließen dadurch einen soziologischen Aspekt, der weit über die Welt der Triaden hinaus weist und viel über die chinesische Gesellschaft der Gegenwart zu erzählen hat.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 26.05.2007
Kommentare zu Election
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Election. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Election
Originaltitel: Hak se wui
Hongkong 2005
Laufzeit: 100 Minuten
Regie: Johnny To
Drehbuch: Yau Nai-Hoi, Yip Tin-Shing
Produktion: Johnny To, Dennis Law
Darsteller: Simon Yam, Tony Leung Ka Fai, Louis Koo, Nick Cheung
DVD-Angaben
Titel: Election
Vertrieb: e-m-s media
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Kantonesisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 96 Minuten
Extras: Making of; Originaltrailer; deutscher Trailer; TV-Spots
Verleih ab: 29.05.2007
Verkauf ab: 05.07.2007
Copyright Election
Fotos: © e-m-s media
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - schon jetzt mit Trailern und Vorab-Infos zu den Filmen! www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Christoph Terhechte: abhängig, ohne Verpflichtungen
Interview mit Christoph Terhechte. weiter
Aktuelle Filme
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
The Firm
R: Alan Clarke
Neu im Kino
09.02.2012
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
02.02.2012
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Demnächst im Kino
Don 2
R: Farhan Akhtar
Gefährten
R: Steven Spielberg
Take Shelter
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Young Adult
R: Jason Reitman
Der Preis
R: Elke Hauck
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Spur der Steine
Fr 10.02, 22:25 Uhr, 3sat
Requiem
Fr 10.02, 22:40 Uhr, Festival (ARD digital)
Mulholland Drive
Sa 11.02, 21:45 Uhr, EinsExtra (ARD digital)
Waltz with Bashir
Nacht von Sa auf So, 11.02-12.02., 02:35 Uhr, arte
Neandertal
So 12.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
Cincinnati Kid
So 12.02, 20:15 Uhr, arte








