Eldorado

Bouli Lanners als Autor-Regisseur-Hauptdarsteller genügen ein alter amerikanischer Kombi, eine Straße und reichlich grauer belgischer Himmel für seinen zweiten Langfilm.

Eldorado

Die Geschichte von Yvan (Bouli Lanners) und Elie (Fabrice Adde) ist schnell erzählt: Der eine ist mittelmäßig erfolgreicher Autohändler, der andere Ex-Junkie und verlorener Sohn. Mehr oder weniger freiwillig verbringen sie Stunden und Tage zusammen, nachdem Elie bei Yvan eingebrochen ist, vorgeblich, um die Rückkehr zu seinen Eltern zu bezahlen. Es ist nicht viel mehr als eine Reise durchs Nirgendwo im französischsprachigen Teil Belgiens, die die beiden Gestalten näher bringt. Dabei bleibt viel Platz für Zwischentöne, um die Protagonisten und ihr Verhältnis zueinander zu charakterisieren.

Eldorado

Die Figuren wirken auf den ersten Blick gewöhnlich. Ihre Sprache ist einfach, auf ein Nein folgt ein Doch, auf ein Warum ein Deshalb. In Zeiten des Mobiltelefons besitzt keiner von beiden eins, Erstaunen ist die Folge. Um am Steuer nicht einzuschlafen, werden Yvans Haare am Autodach festgeklebt, damit er während des drohenden Sekundenschlafs durch den entstehenden Schmerz geweckt wird. Die beiden so unterschiedlich gezeichneten Männer gewinnen an Tiefe und Sensibilität, sie zeigen Fantasie und Schwäche. Vollkommen durchnässt, hüllen sie sich in schreiend bunte Gardinen, die sie in einem verlassenen Trailerpark finden – um sich nicht zu erkälten. Yvan erfährt von Elies Mutter, dass Elie im Grunde Didier heißt, die Lüge zieht Scham, Enttäuschung, Resignation und Misstrauen nach sich. Yvan und Didier-Elie wirken menschlich, ohne sich hinter einer Schicht Pathos zu verstecken.

Eldorado

Zweifellos greift der Film einige Klischees des Roadmovies auf, oftmals explizit mit der Darstellung von Bewegung, landschaftlicher Opulenz, durch Chevrolets und Cadillacs. Andererseits bewahrt sich die Geschichte eine Leichtigkeit, die die bekannte Symbolik konterkariert und mit ihr spielt. Elies Heimkehr zur Familie führt einzig dazu, dass er und Yvan den mütterlichen Garten umgraben, während der Vater, der seinen Sohn verstoßen hat, noch im Off herumbrüllt. Über die körperliche Arbeit stöhnend, verlassen sie das erreichte Ziel schließlich wieder. Trotz der spürbaren Melancholie wirkt der Film nie überladen und metaphorisch, vor allem das sensible Spiel von Lanners und Adde macht diese Ausgeglichenheit möglich. Nur an wenigen Punkten droht die Erzählung ins Alberne zu kippen, als es zum Beispiel darum geht, einen schwer verletzten Hund mit einer Überdosis Heroin einzuschläfern. Doch auch in diesen Momenten bleibt dem Film die Glaubwürdigkeit seiner Figuren trotz der unwirklichen Situation erhalten.

Eldorado

Das Drehbuch von Lanners hält sich dramaturgisch bescheiden an einen Strang – Nebenfiguren, die sich meist durch skurrile Auftritte auszeichnen, bleiben auch solche. Auf einmal ist dort ein Nudist, der sich Alain Delon nennt. Oder ein alter Mann, der sich als Medium versteht und durch Berührungen zur Erkenntnis zu kommen glaubt; die Begegnung mit dem unbekannten Fremden gipfelt in einem Saufgelage in einer leeren Lagerhalle. Diese Akteure geben der Geschichte die nötige Portion Humor, ohne die fragile Zeichnung der Emotionen zu gefährden. Die Fokussierung auf das seltsame Paar, das sich gleichzeitig mag und misstraut, trägt zur Konsistenz des Films bei, Tragik und Komik halten sich die Waage. So ist Lanners ein ruhiger und prägnanter Film gelungen, der Traditionen des amerikanischen Roadmovies aufgreift, die Themen seiner ersten (Kurz-)Filme weiterentwickelt und auch schauspielerisch eine deutliche Handschrift trägt, denkt man etwa an Lanners’ ähnlich angelegte Rolle als lakonisch agierender Antiheld in De Kervern/Delépines Louise Hires a Contract Killer (Louise-Michel, 2008). Eldorado lebt von Lanners’ intelligenter und kleinteiliger Komik, die nie zum Selbstzweck wird. Der Film schildert die Konflikte seiner Protagonisten beiläufig, ohne sie überzudramatisieren. Dadurch vermittelt er für Yvan und Elie-Didier einen hohen Grad an angenehm unaufdringlicher Empathie.

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Kommentare


henry

Die Authentizität der Charaktere, die in keiner Situation lächerlich wirken, ist das große Plus dieses Films. Bouli Lanners sollte spätestens seit diesem Film als herausragendes komisches Talent und als wichtiger belgischer Filmemacher wahrgenommen werden.


Martin Zopick

Die Handlung dieses sozialkritischen Lehrstücks hat wohl symbolischen Wert und bezieht sich nicht auf die legendäre Goldgräberstadt. Es gab wohl mal eine Cadillacmarke, die so hieß. Der Junkie Elie (Fabrice Adde) bricht bei einem anderen Loser Ivan (Regisseur Bouli Lanners) ein und der fährt ihn später dann zu seinen Eltern. Da begegnen sich Altruismus und Dummheit. Anfangs sind Situation und Figuren, die sie treffen nur skurril: ein hilfsbereiter Trinker, der eine eigenartige Beulentheorie hat, eine unbesetzte Tanke, die zum Klauen einlädt und ein Nudist in ‘full swing‘. Rede und Gegenrede erschöpfen sich oft nur in mehrfachem ‘Ja!‘ –‘Nein!‘ oder in einem wechselvollen ‘ Warum?‘ – ‘Darum!‘ Nachdem sie bei den Eltern von Elie sind, ist es nicht mehr lustig. Jetzt wird es eher tragisch. Auf der Rückfahrt fällt ein Dobermann von der Brücke auf das Dach ihres Wagens, halbtot. Beide fragen sich, nochmal von der Brücke werfen oder Elie besorgt Stoff um den Hund mit einem Goldenen Schuss ins Jenseits zu befördern. Klar, dass er sich mit dem Geld verdrückt. Der Hund stirbt, Ivan bleibt allein zurück. Und die Moral?
Hilfsbereitschaft zahlt sich nicht aus. Es gibt keine echte Freundschaft nicht. Aus zwei Losern wird noch lange kein Winner. Hilf nie einem Junkie. Der Helfende ist immer der Dumme. Oder was?!
Ganz schön deprimierend die Message. Selten haben wir Belgien so menschenleer fast entvölkert gesehen. Und damit man nicht in Depression verfällt, gibt es tolle Musik.






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