Elbe

Zwei arbeitslose Binnenschiffer schippern in der Hoffnung auf einen neuen Job auf der Elbe Richtung Hamburg. Mit kleinem Budget gedreht, ist Marco Mittelstaedts zweiter Spielfilm ein elegisches Roadmovie mit kauzigen Protagonisten.

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Da steht er vor ihm auf dem Tisch, eine Eiskugel als Kopf, eine Waffeltüte als Hut obendrauf und ein Waffelröllchen als Nase: Pinocchio. Den habe er nicht bestellt, bemerkt Kowsky. Die Bedienung entschuldigt sich für den Irrtum und räumt den Eisbecher wieder ab. Pinocchio mit der langen Nase, die Symbolfigur der Lüge, hat sich da aber schon längst in Kowskys verkorkstem Leben eingerichtet.

Die beiden Kollegen und alten Buddies Kowsky (Henning Peker) und Gero (Tom Jahn) haben ihren Job als Binnenschiffer auf der Elbe verloren. Gero versucht sich erfolglos als Bootschauffeur für verliebte Paare. Kowsky hingegen, ein begnadeter Falschspieler, schlägt sich mit kleinen Betrügereien und Zechprellereien durch. Doch weil er die letzten Geldreserven beim Pokern verspielt, soll der gemeinsame Kahn vom Gerichtsvollzieher beschlagnahmt werden. Kowsky überredet Gero mit der erlogenen Perspektive auf einen neuen Job, gemeinsam nach Hamburg zu schippern. Als Kowsky in einer zwielichtigen Kneipe eine große Menge Geld beim Kartenspiel gewinnt, bahnt sich eine Tragödie an. Denn die Gangsterbande, der Kowsky ihr Geld abgeknöpft hat, ist den beiden auf den Fersen.

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Der Film ist als große Rückblende aufgebaut. Das heißt, die Geschichte beginnt mit Kowskys Erinnerungen an die Ereignisse. In die erste Hälfte sind zudem weitere – kürzere – Flashbacks eingefügt. Aufgrund dieser verschachtelten Struktur kommt die Handlung anfangs etwas langsam in Gang. Der zweite Teil des Films wird linear erzählt, aber auch im Konflikt mit der Kartenspielerbande geht es Mittelstaedt nicht primär darum, Spannung aufzubauen; die Handlung fließt fast gemächlich wie der titelgebende Fluss vor sich hin. Ohne psychologisierend zu werden, konzentriert sich der Regisseur vielmehr auf die Charakterzeichnung seiner Antihelden.

„Die Menschen sind so wie sie sind“, philosophiert Kowsky an einer Stelle des Films, weil sie alle eine Vergangenheit mit sich herumschleppen. Auch die beiden wortkargen Protagonisten haben sich in ihren Lebenslügen eingerichtet, die sie vor dem anderen immer geheim gehalten hatten. Gero hat zu seiner sechzehnjährigen Tochter seit Jahren keinen Kontakt mehr. Ihn lässt die fixe Idee nicht los, sie könne doch wenigstens den gleichen Lebenstraum haben wie er: einmal nach Australien zu reisen. Und Kowskys wahre Motivation für die Reise kommt auch erst nach und nach ans Tageslicht. In Wirklichkeit hat ihn seine Familie daheim in Dresden rausgeworfen, weil sich Ehefrau und Sohn längst sehr gut ohne den Vater arrangiert haben. Auf der Terrasse des Eiscafés saß Kowsky nur, um seiner Frau Angelika (Gabriela Maria Schmeide) und ihrem neuen Liebhaber nachzuspionieren.

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Gescheiterte Existenzen bevölkerten bereits Marco Mittelstaedts Regiedebüt. Jena Paradies (2004) verwebt die Lebensgeschichten seiner Figuren um eine alleinerziehende junge Mutter, die am Existenzminimum vom großen Glück träumt. Und auch in Elbe interessiert sich der Berliner Filmhochschulabsolvent für die existentiellen Dramen der ostdeutschen Unterschicht. Hier sind es die Arbeitslosen, die zu alt sind für die berufliche Umschulung und zu jung für die Rente, die sich zwischen Resignation und der Hoffnung auf einen Neuanfang treiben lassen. Der Fluss als dominantes filmisches Motiv, der gleichgültig seinem Lauf folgt, kann durchaus als Metapher für das Leben gesehen werden.

Der Film folgt mehr oder weniger dem gesamten ostdeutschen Elbverlauf zwischen Dresden und Wittenberge. Von den historischen Stadtkernen bekommt der Zuschauer aber nicht viel zu sehen. Die Figuren bewegen sich an eingefassten Uferböschungen und unter Betonbrücken vorbei, über die Züge oder Lastwagen donnern. Passend zu seinen Figuren wurde Elbe mit bescheidenen Mitteln digital gedreht. Der Erzählton ist lakonisch, fast spröde; eine sperrige, unsentimentale Musik untermalt das Schicksal der beiden verschrobenen Protagonisten. Man kann Elbe sicherlich nicht als gefälligen Film bezeichnen. Trotzdem schafft Mittelstaedt immer wieder poetische Bilder. Ein imposanter Elbfelsen wird mit dem berühmten Ayers Rock in Australien assoziiert. Und bei manchen Totalen auf die Flusslandschaft im Sonnenuntergang bedauert man, dass Elbe nur auf HDV gedreht wurde – den Einstellungen fehlt so die Tiefenschärfe. Aber vielleicht braucht es genau diese unperfekten Bilder, um das Schicksal der beiden Kumpel nicht melodramatisch zu machen.

 

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