Adriana's Pact

Folter und Skype: Lissette Orozco befragt ihre Tante, die in Chile der Folter angeklagt wird und nach Australien geflohen ist. Was als klassisch persönlicher Dokumentarfilm beginnt, wandelt sich vor unseren Augen derart häufig und radikal, dass einem nur schwindlig werden kann.

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Wenn man schon über den ersten Produktionsfirmen-Credits die wohlbekannten Sounds unserer Apps hört, den Skype’schen Ich-bin-da-Turbo, die WhatsApp-Message, das SMS-Pling, dann rührt das bereits am Kern des Films. Obwohl es in Lissette Orozcos Adriana’s Pact eigentlich um etwas ganz anderes geht: um gesellschaftliche und persönliche Vergangenheitsbewältigung, um familiäre Geheimnisse, um Folter und Menschenrechte, um Augusto Pinochet und seine Geheimpolizei DINA. Vor allem die Folter steht im Zentrum – die Frage, ob Adriana Rivas gefoltert hat oder nicht –, und damit eine Art Nullpunkt der menschlichen Erfahrung: das vollkommene Ausgeliefertsein des Körpers. Könnte etwas weiter entfernt sein von der körperlosen Kontrolle über die Welt, die uns unsere unzähligen Apps vorgaukeln?

Ein Mensch oder ein Monster?

Und doch muss dieser Film immer beides zusammendenken. Denn wenn sich Orozco, Adrianas Nichte, an die Recherche der Geschichte ihrer Tante macht, dann ist sie angewiesen auf Kommunikationsmedien unterschiedlichster Art. Ihre Tante ist nach Australien geflohen, ihr droht die Auslieferung, und so ist sie über weite Strecken ein Gesicht auf einem Laptop. Und dieses Gesicht beteuert immer und immer wieder, während ihrer Zeit bei der DINA niemals einen Gefangenen auch nur gesehen zu haben, geschweige denn selbst gefoltert. Mehrere Experten beteuern, dass dies angesichts der Funktionsweise dieser Institution unwahrscheinlich bis unmöglich ist, aber Adriana ist so verzweifelt und überzeugend, benennt mehrere Zeugen, die wüssten, dass sie niemals dabei gewesen sei, dass wir erstmal bereit sind, dieser Frau zu glauben – zumal sie uns leidtut, wie sie da in ihrem australischen Zimmer hockt, vor dessen Fenster eine kleine Demonstration stattfindet, die Adriana ihre Menschlichkeit abspricht.

Radikale Verschiebungen

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Erstmal. Denn Adriana’s Pact ist ein Film, der vor unseren Augen vollständig seine Gestalt, seine Ziele, seine Mittel, seine Substanz verändert. Es ist zwar ein Gemeinplatz, dass ein investigatorischer Dokumentarfilm am Ende etwas ganz anderes finden mag als das, wonach er gesucht hat. Aber selten sind diese Verschiebungen so radikal, rühren sie an so fundamentalen Fragen wie hier. Auch das junge Alter der Filmemacherin und ihre persönliche Verstricktheit – häufig Dinge, die einen Film eher schädigen als nützen – sind zentrale Elemente dieser Transformationserfahrung. Lissette ist selbst eine Figur in ihrem Film, erinnert sich an ihre Tante als herzlichsten aller Menschen, will ihr zugleich angesichts falscher oder übertriebener Anschuldigungen helfen und die Wahrheit herausfinden, bemerkt allmählich, wie diese Tante das Filmprojekt der Nichte für eigene Zwecke zu instrumentalisieren versucht, und zweifelt immer stärker an den immer verzweifelteren Unschuldsbeteuerungen des Gesichts auf dem Laptop. Der Film ist vollkommen durchlässig für diese Veränderungen, seine Perspektive ist keine stabile, die von außen kommt, sondern eine prekäre, die immer mittendrin steckt.

Subjektive Wahrheit, objektive Lügen

Adriana tritt irgendwann ganz unmittelbar in Verbindung mit anderen der Folter angeklagten Frauen, und das geschieht, indem Lissette diese in Chile weilenden Frauen anruft und ihr Handy vor den Laptop hält, in dem ihre Tante wohnt. In diesen Gesprächen zwischen Handy und Laptop spielt schließlich jener Pakt eine Rolle, von den im Filmtitel die Rede ist: das Schweigegelübde, das die einst in die Diktatur Verstrickten abgelegt haben; ein Pakt, der durchaus auch psychologische Realität geworden ist. So erklärt ein mit der Diktaturaufarbeitung Beschäftigter der jungen Filmemacherin, dass ihre Tante das Foltern niemals wird zugeben können, weil es schlicht keine gestehbare Tat ist, die Unschuldsbeteuerung notwendige Überlebensstrategie ist. Adriana hat nicht gefoltert. Und doch hat sie wohl gefoltert. Diese beiden Wahrheiten überlagern sich in Adriana’s Pact ständig. Am eindrucksvollsten werden sie miteinander verschaltet, als wir Adriana sehen, wie sie selbst eine Dokumentation über sich sieht, die wir auch sehen. Die Dokumentation ist sich sicher: Adriana kann nur schuldig sein. Und dann schreit uns dieses Skype-Gesicht wieder an, ist völlig fassungslos angesichts der Lügen, die da über sie verbreitet werden, steht kurz vor dem Kollabieren und fleht ihre Nichte an, ihr dabei zu helfen, die Wahrheit ihrer Unschuld ans Licht zu bringen.

„Haben sie euch bei der DINA beigebracht zu lügen?“ Das ist eine der Fragen aus dem ersten Teil des Films, als Adriana sich noch frei in Chile bewegen konnte, als Lissette ihr noch ganz nah war. Adrianas Antworten auf diese Fragen bleiben stets diffus. Wovon sie immer überzeugt bleibt: Folter sei nötig gewesen, sei die einzige Methode, einen Menschen zu brechen und Informationen aus ihm herauszupressen. Adriana selbst kann nicht mehr gefoltert werden. Sie bleibt unbreakable. Und doch zerbricht sie vor unseren Augen. Und verschwindet, als Lissette ihren Laptop endgültig zuklappt.

Trailer zu „Adriana's Pact“


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