Der Perlmuttknopf

Mehr vom Gleichen, aber leider ganz anders: Nach der Spurensuche in der Atacama-Wüste springt Patricio Guzmán nun in den Pazifischen Ozean und findet dort weniger Spuren als die Ewigkeit.

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Ein bisschen ist dieser Film ein Déjà-vu, oder besser gesagt: ein Déjà-ouï. Denn die Bilder sind ja bis auf ein paar Ausnahmen doch andere: das Meer anstatt der Wüste, das Wasser anstatt des Sternenstaubs, ein winziger Wassertropfen aus längst vergangenen Zeiten, in einem Eisblock gefangen, anstelle des Urknalls. Was wir aber hören, was uns Patricio Guzmáns ernste, ruhige Stimme per Voice-over erzählt, erklärt, vermittelt, das ist uns dann doch nur allzu bekannt aus seinem letztem Film Nostalgie des Lichts (Nostalgia de la luz, 2010). Und diese Tonspur ist es, die Struktur in Guzmáns Filme bringt; sie bestimmt das Kino-Erlebnis, sie erdet die in alle möglichen Sphären fliehenden Bilder. Schnell ist also klar: Der Perlmuttknopf ist mehr vom Gleichen.

Filme als Denkmäler

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Das Kino des chilenischen Filmemachers gleicht ein wenig einem Kumpel, der sich nun schon seit Ewigkeiten in ein Thema verrannt hat und Kneipenabend um Kneipenabend davon anfängt, obwohl man gerade lieber von etwas anderem sprechen will. Das Problem liegt in diesem Fall allerdings nicht beim Kumpel, sondern vor allem bei seinem Umfeld, das von diesem Thema nichts hören will. Sein Thema, sein einziges, ist der Bruch in der jüngeren Geschichte Chiles, der Pinochet-Putsch, der den Hoffnungen seiner Generation ein jähes und brutales Ende bereitet hat und über den nicht gern gesprochen wird. Guzmáns Filme sind Denkmäler, deren Inschriften nicht bereits Verstandenes kommentieren und damit ruhigstellen, sondern die insistieren, sich weigern zu verstehen. Diese Denkmäler könnten unterschiedlicher kaum sein – vom den historischen Moment einfangenden Die Schlacht um Chile (La batalla de Chile, 1972–1979) über die persönlichen Essayfilme (etwa über Pinochet und Allende, vor allem aber: Chile, la memoria obstinada, 1997) bis nun hin zu den ins Metaphysische reichenden Reflexionen über den Status der Vergangenheit als solcher.

Die Redundanzen in Guzmáns Kino sind also nicht Symptom von Einfallslosigkeit, sondern sein Kern. Dass wir von den Gedanken über die Rolle des Wassers beim Ursprung der Erde am Anfang von Der Perlmuttknopf irgendwann zu den 1970er Jahren kommen werden, das ist von vornherein klar. Doch dieser Übergang fließt ausgerechnet in einem Film über Wasser viel weniger als in der Nostalgie des Lichts, wo sich die Assoziationen noch ganz allmählich herausschälten. Er kommt recht abrupt, und das steht symptomatisch für einen Film, der mehr vom Gleichen zeigt, dieses Gleiche aber ungleich didaktischer einfasst. Das Problem ist also nicht, dass Guzmán mal wieder mit seinem Thema anfängt, sondern dass aus dem Blick gerät, warum es sich lohnt, warum es so wichtig ist, wieder und wieder damit anzufangen.

Auf einmal Esoterik

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Denn wo er zuvor Analogien zog und Metaphern benutzte, die unterschiedliche Quantitäten und Qualitäten von Vergangenheit zueinander in Bezug setzten – das in der Atacama-Wüste ankommende Licht aus dem Kosmos, die in ihrem Stein verewigten Zeichnungen aus der Vorzeit, die in ihr begrabenen Leichen von Dissidenten –, und damit die Frage aufwarf, an welchem Punkt die tote Vergangenheit eine lebendige wird, die materielle eine gesellschaftliche, kontrastiert er hier ganz konkrete Vergangenheiten; etwa den Putsch Pinochets mit der gewaltsamen Kolonisierung Patagoniens. Von deren Opfern und ihren Nachkommen ist Guzmán in Der Perlmuttknopf besonders fasziniert, von ihrem Leben im Einklang mit dem Wasser, während die chilenische Nation, so heißt es einmal, überhaupt kein Verhältnis habe zu ihrer längsten Außengrenze, der mit dem Ozean. Die natürliche Beziehung zum Wasser als verlorene Unschuld, die gegenwärtige als Nationalpsychose; derlei Voice-over-Diagnosen esoterisieren leider auch die in Nostalgie des Lichts noch kontemplativ genießbaren Bilder von Natur und Weltall.

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So ist Der Perlmuttknopf paradoxerweise viel „nostalgischer“ als sein Vorgänger, weil es ihm weniger um den Status der Vergangenheit in der Gegenwart geht als um ihre Verklärung und Einpassung in ein recht dichotomes Geschichtsbild: Die Allende-Unterstützer erscheinen als Nachkommen der edlen Wilden, die Pinochet-Schergen als neue Kolonisatoren. Die unterschlagenen historischen Differenzen sind dabei weniger schlimm, gerade das Kino kann ja den verborgenen Kräften, Wünschen und Dispositionen nachspüren, die scheinbar radikal verschiedenen Phänomenen zugrunde liegen. Aber handelten Guzmáns beste und leidenschaftlichste Filme von der Hoffnung auf ein besseres Leben, der faschistischen Reaktion auf dieses Begehren und der persönlichen wie kollektiven Erinnerung an beides, so geht es ihm hier um das bereits gelebte bessere Leben und sein tragisches Ende, im 19. Jahrhundert wie 1973.

Politik statt Politisierung

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Guzmáns Denkmäler fragen: Können wir Chile nach 1970 verstehen, wenn wir diese Epoche von der Aufzeichnung der Ereignisse her denken oder von der Erinnerung der Dabeigewesenen? Können wir sie verstehen, wenn wir sie von der Wüste aus denken, vom Kosmos aus, oder vom Wasser? Weil der Blick aus unterschiedlichen Richtungen auf dieselbe Konstellation das Wesen von Guzmáns Kino ist, fehlt es hier nicht an Neuem, sondern an Altem. Die stoische Wiederholung des strukturellen Prinzips von Nostalgie des Lichts lässt die konkreten Mängel des Perlmuttknopfs umso deutlicher hervortreten: dass Guzmán hier nicht den Kosmos denkt, sondern das Wasser als Metapher für den Einklang mit ihm; dass er deshalb nicht mehr von der physischen Materie ausgeht, aus der das Politische geboren wird, sondern diese Materie bereits mit den meta-physischen Setzungen anreichert, die seiner Politik dienen. War ihm die Wüste noch ein leerer Raum, in der sich unterschiedliche Zeitlichkeiten überkreuzen, ist ihm der Ozean eine erhabene Kraft, Hüter der ewigen Zeit. Dass auf seinem Grund Tausende Leichen von Verschwundenen liegen, erscheint im Angesicht solch mythischer Überhöhungen dann eher wie ein Fakt am Rande.

Trailer zu „Der Perlmuttknopf“


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