The Human Surge

Woche der Kritik 2017: Ist das Gewirr in einem Ameisenhaufen sowas Ähnliches wie der Ladekringel auf einem Display? Eduardo Williams’ traumtrunkener Essay bewegt sich immer weiter und in alle Richtungen, bleibt offen für das Dunkle und hat Geduld mit dem Licht.

The Human Surge 2

Wo Terrence Malick in den Himmel filmen, in den Himmel fliegen würde, um jene Stelle zu umkreisen, von der aus ein umfassender Zusammenhang sichtbar wird, derart umfassend, dass er nicht nur die Gesamtheit irdischen Geschehens, sondern auch die Konnexion des Irdischen mit seinem Anderen enthält – da filmt Eduardo Williams in die Erde, so lange, bis erst einmal gar nichts mehr sichtbar wird. Was Malicks The Tree of Life (2011) (und andere seiner Filme) von Williams’ The Human Surge (El auge del humano) trennt und unterscheidet, ist einzig die Richtung, in die gefilmt wird, nicht aber das zugrunde liegende Interesse. Hier wie dort geht es darum, Konnektivität denkbar zu machen; zwischen den Menschen, zwischen den Menschen und der Natur, den Menschen und ihrer Zeit, den Zeiten untereinander, zwischen Regionen, Kontinenten, Dingen und Elementen.

Onirisches Denken

The Humans Surge 3

Ein induktives filmisches Denken; ein Denken vom Einzelnen aus, ohne damit zwingend auf das Gesamte zu schließen, das vom Einzelnen vielleicht nur zu einem anderen Einzelnen kommt, das eine Verbindung stiftet, die vielleicht in sich schon gesamt genug ist, die vielleicht etwas Neues und Anderes öffnet, die vielleicht aber auch zurückführt, etwas wiederfindet, aufgibt, die vielleicht abbricht. Die onirische Qualität von The Human Surge liegt in dieser Offenheit für das Dunkle, in das die Denkbewegung unaufhörlich vorstößt, immer getragen von einer Geduld mit dem Licht, das sich wieder breitmachen wird, immer getragen von dem Interesse für die Stelle, die das Licht bescheinen wird. Dunkel ist es permanent in diesem Film, schon der Anfang ist dunkel. Wir hören jemanden hastig durch seine Wohnung poltern, sehen gelegentlich ein Stück T-Shirt, einen hellen Streifen am rechten Bildrand, einen winzigen, leuchtenden Punkt in der unteren Ecke des Kaders, ein Handydisplay. Dann irgendwann geht eine Türe auf, sie führt nach draußen, in einen Sturm, dessen Anschwellen drinnen schon zu hören war, dann auf eine Straße, die unter Wasser steht, durch die die Menschen waten, mit Klamotten, ein bisschen so, als wäre das immer so. Menschen mit Klamotten im Wasser sehen wir auch viele in diesem Film: hochgekrempelte Hosen und triefnasse, am Körper klebende Shirts – bestimmte Variationen einer bestimmten Beziehung zwischen den Menschen und der Natur.

Der Ladekringel kringelt

The Human Surge 1

Das onirisch interessierte Denken beginnt in Argentinien, in Buenos Aires, mit dem 25-jährigen Exe, der gefeuert wird in einem Supermarkt, der das zu Hause nur am Rande erwähnt, während er ein Ladekabel für sein Handy sucht und auf Internetzugang hofft. Internetzugang und Supermärkte – beides ist immer wieder zentral in diesem Film, nicht als Themen, Metaphern oder Motive, sondern als Durchgangspunkte einer Bewegung, die permanent ausstrahlt, nicht zwingend nach vorne, sondern überall hin. Exe und seine Freunde ziehen sich vor einer Webcam aus, zeigen sich nackt, masturbierend und oralverkehrend einer anonymen Gemeinschaft im Internet. Sie verdienen Geld damit, ohne dass sie eine Profession bräuchten. Sie sind völlige Amateure – selbst sehr unsicher bei dem, was sie machen. Später sehen wir Männer aus Mosambik dasselbe tun, wir sehen in einem von vielen geöffneten Fenstern auf Exes Rechner. Das Fenster wird maximiert, ordnet sich die ganze Leinwand unter, das Bild bleibt stehen, der Ladekringel kringelt. Williams’ Kamera hat sich mit der Webcam der Männer synchronisiert: technologische Konnektivität, gespenstische Konnektivität, metaphysische Konnektivität.

In der Ruhe liegt die Unruhe

The Human Surge 6

The Human Surge folgt ab sofort den Männern aus Mosambik, ihren Arbeitswegen, ihren Telefonaten, landet bei einem Mann, der auf einen Ameisenhaufen pinkelt, verschwindet im Ameisenhaufen. Dunkel. Dann wird es wieder hell, und wir sehen die Tiere arbeiten. Es ist die Pendant-Szene zur Schöpfungssequenz in The Tree of Life, sie, die in die Erde geht, die das mikrokosmische Geschehen filmt – ein Geschehen, das sich nicht groß vom makrokosmischen bei Malick unterscheidet. Auch der Ameisenhaufen ist Durchgangspunkt: Er führt in den philippinischen Urwald, zu einem Handy, dessen Display gebrochen ist, in das eine SMS eingetippt wird, auf dem ein Ladekringel kringelt.

The Human Surge 6

Ist die komplexe Bewegung eines Ameisenhaufens, das Gewirr der unzähligen Tiere etwas Ähnliches wie der Ladekringel auf einem Display? Ist nicht beides eine Bewegung, die Verbindungen stiftet, Räume verdichtet; ein zirkulierendes Symbol? Ein Symbol, das ebenso frustriert, wie es Erwartungen weckt. Williams geht es aber nicht um einen wissenschaftlichen Vergleich technologischer und biologischer Rhythmen. Ihm geht es darum, beiden Rhythmen nachzugehen, in gespannter Erwartung auf etwaige synchrone Takte. Es geht hier nicht um Aussagen über Rhythmen. Williams und sein Kino schreiben nicht mit, was sie herausbekommen, sondern sie geben das, was sich verband, direkt wieder preis an die Potenzialität einer neuen Verbindung, die Möglichkeit der Verbindung schlechthin. Die Ruhe, mit der The Human Surge sich eher ausfaltet als vorwärtsdrängt, ist eine scheinbare. Eigentlich ist dieser Film höchst unruhig, wie das Gewirr des Ameisenhaufens, unruhig im permanenten Durchgang, im Erfassen, in der Abgabe des Erfassten, in der Hoffnung auf ein nächstes Erfasstes. Vermutlich liegt es daran, dass gerade derart onirische Filme den wachsten Geist voraussetzen.

Trailer zu „The Human Surge“


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