El Abrazo Partido

Wenn man in Buenos Aires geboren ist, seine Großmutter aus Polen fliehen mußte und der Vater in Israel lebt, ist man dann Argentinier, Pole oder Jude? Neben Tango der Rashevskis und Alles auf Zucker widmet sich auch El Abrazo Partido komplizierten Identitätsfragen.

El Abrazo Partido

Leckach, alle essen sie Sonias Leckach, den jüdischen Neujahrs-Honigkuchen: Koreaner, Italiener und Polen – dauernd und überall. Sie arbeiten in der kleinen Ladenpassage „La Galeria“ im jüdischen Viertel von Buenos Aires. Nur Argentinier gibt es dort nicht, jedenfalls keine „Echten“. Zwar besitzt Sonias Sohn Ariel (Daniel Hendler) einen argentinischen Paß, dieser Nation zugehörig fühlt er sich deshalb noch lange nicht. Pole möchte er werden und endlich nach Europa reisen, wo er hofft, frei und unbeschwert leben zu können.

Sein Vater ist in den Siebzigern nach Israel emigriert – ist er nun Argentinier oder Israeli, fragt sich Ariel. Was genau bestimmt ein Nationalgefühl? Seine Großeltern sind vor dem Holocaust nach Buenos Aires geflüchtet, doch scheint bis auf den Honigkuchen nicht viel übrig geblieben von jüdischer Tradition: Der Vergangenheit steht die Oma zwiespältig gegenüber, einmal versucht sie halbherzig ihren Paß zu verbrennen, erst beim Singen findet sie wieder zur jiddischen Sprache.

Die Glaubensfrage beschäftigt den bummelnden Architekturstudenten weniger als die perspektivlose Situation seines Lebens. Zwar gibt er sich insgesamt eher unbeteiligt und reflektiert die Mißstände kaum offensichtlich, dennoch, unterschwellig bestimmen sie sein Handeln. Gelegentlich jobbt er im Dessousladen seiner Mutter (Adriana Aizenberg); allerdings verschwindet er lieber in der Umkleide mit Rita von nebenan, als ernsthaft Unterwäsche zu verkaufen. Kunden tauchen bei ihm sowieso nicht auf.

El Abrazo Partido

Selbst wenn überwiegend Gesichter die Leinwand füllen und von der Stadt fast gar nichts zu sehen ist, erfährt man indirekt von der ökonomisch disparaten Lage des Landes. Der Schreibwarenhändler Osvaldo muß Konkurs anmelden, Berufschancen sind nicht in Sicht, abstruse Marktlücken werden gesucht – und sei es mit sprechenden Plastikfischen.

Ob und warum Ariel tatsächlich ausreisen will, bleibt lange unklar, dem Zuschauer und auch ihm selbst. Bereits der ungewöhnliche Anfang kündigt an, daß wir den jungen Mann so schnell nicht verstehen werden, betont hält er sich aus dem Geschehen heraus: In den ersten Minuten ist er nur von hinten zu sehen. Dicht gefolgt von einer hektischen Handkamera stellt er die kleine Welt des Einkaufszentrums vor, neben seiner Mutter und Osvaldo seinen Bruder im Trödelladen, die beiden italienischen Cousins im Stoffgeschäft, die sich aus marktstrategischen Gründen als Geschwister ausgeben, und das koreanische Pärchen mit ihren Feng-Shui-Artikeln. Erst danach zeigt er sein Gesicht.

Zu seinen religiösen und nationalen Identitätsproblemen gesellen sich bald familiäre. Die Frage, warum sein Vater ihn und seine Mutter verlassen hat, tritt immer mehr in den Vordergrund. Selbst wenn sich der wahre Grund am Ende als ein simpler offenbart, die Suche danach ist – wie so oft – mindestens genauso wichtig. Am Ende kann Ariel sein Dasein jenseits von Geburtsurkunde und Personalausweis verorten: im internationalen Mikrokosmos.

El Abrazo Partido

Anders als bei Tango der Rashevskis (Le Tango des Rashevski, 2002) oder Alles auf Zucker (2004) spielt das religiöse Erbe in El Abrazo Partido nur eine Nebenrolle. Während die jüdischen Wurzeln und die sich daraus ergebenden Probleme, wie die Unmöglichkeit einer Hochzeit mit einem Nicht-Juden oder die Beziehung zu einer Muslimin, das Leben von Sam Gabarskis Rashevskis direkt bestimmen, behandelt Daniel Burman die Identitätsfrage auf übergeordneter Ebene. Daß die Passage in Argentinien steht, ist zweitrangig.

Burmann, selbst polnisch-jüdischer Abstammung, führt bei seiner Interpretation vor allem Vorurteile vor – auf simple, lehrhafte Art und Weise: Zum Beispiel hat das koreanische Pärchen Feng-Shui erst in Buenos Aires erlernt und nicht, wie zu vermuten, in Südostasien und die blonde Wäschebekanntschaft ist gar nicht so dumm wie man glauben möchte, „sometimes“ ist ihr liebster Zeitbegriff. Grundsätzlich mögen Komödien so funktionieren, hier übertreibt er das Klischee-Spiel ein wenig.

Einzig die Dialoge von ihm und Marcelo Birmajer ermöglichen einen Zugang zur Komplexität des Themas. Passend zur unruhigen Kamera und schnellen Schnittfolge dominiert lebhaftes Geplauder den gesamten Film. Doch den Untertiteln kann man nur mühsam folgen, die Bilder treten dabei in den Hintergrund – hier fänden Befürworter der Synchronisation ihre Argumente. Mag man sich für die Ästhetik und den Humor nicht erwärmen, bewegt sich der Film manchmal nur knapp an der Grenze zu einer didaktischen Multikulti-Komödie.

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