Ekel

Risse im bezaubernden Antlitz. Ekel und Schaudern.

Ekel 01

Roman Polanskis virtuos inszenierter Psychohorror um Verdrängung und Zurückweisung des Individuums schlägt bald zu unerwarteter Garstigkeit um. Ekel (Repulsion, 1965) machte den Regisseur und seine Hauptdarstellerin Catherine Deneuve über Nacht zu Stars und ebnete den Weg für Meisterwerke der Filmgeschichte wie Rosemaries Baby (Rosemary’s Baby, 1968) und Chinatown (1974).

Dabei zählt der frühe Ekel des damals 31-jährigen Filmemachers zum Besten, was das britische Kino überhaupt hervorgebracht hat. Das Drehbuch wanderte über viele Tische, durch viele Studios, bis sich schließlich Gene Gutowski von der auf Horrorfilme spezialisierten Firma Compton Films hilfsbereit zeigte und das damals großzügige Budget von 300.000 Dollar aufwenden konnte. Immerhin war es ein Debüt im englischsprachigen Raum, der Stoff heikel und die Schauspielerin zwar eine der schönsten aller Zeiten, damals aber noch relativ unbekannt. Polanskis Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass der Film so geworden ist, wie er ist.

Atmosphärisch bis ins letzte Detail, erschließt sich einem der dunkle Glanz von Ekel vor allem in seiner semiotischen Perfektion. Während des Vorspanns sehen wir ein menschliches Auge in extremer Nahaufnahme, der Film verweist bereits hier auf den Ursprung des eigenen Mediums. Über das Auge legen sich die Vorspanntitel wie hauchdünne Pflaster, schreiben sich wie kleine Tätowierungen in das Gesicht der Protagonistin und ins Bewusstsein der Zuschauer ein. Man ertappt sich dabei, den großen Saul Bass (Titeldesign für Hitchcock) als Vorbild zu erkennen – und muss innehalten. Ekel erschien noch ein ganzes Jahr vor dem vergessenen Der Mann, der zweimal lebte (Seconds, 1966, R: John Frankenheimer). Beide Vorspänne weisen starke Kongruenz auf. Die Relationen verschwimmen buchstäblich.

Ekel 02

Was Frankenheimer fast die gänzliche Aberkennung brachte (er drehte in den USA), bedeutete für Polanski (er drehte in England) den Beginn einer großen Karriere. Der Film wird, wie bereits im Vorspann erfasst, beinahe gänzlich aus der Sicht der Hauptfigur Carole Ledoux (Deneuve) erzählt. Sie bewohnt mit einer Freundin eine aus gutbürgerlicher Sicht schäbige, kleine Wohnung und ist gegenüber anderen Personen – vor allem Männern – in erster Linie verschlossen. Ihre anfängliche Sympathie, ihr Erscheinen als „kleines dummes Ding“ wird mit zunehmender Laufzeit ins Entsetzlich-Grauenvolle gewandelt. Horror als Emanzipation. Die junge Mimose entpuppt sich als gefährliches Pflänzchen – eine tickende Psycho-Bombe, deren innere Ängste schlagartig in physische Gewalt umschlagen können. Hinsichtlich der Figurenzeichnung prägte Ekel nachhaltig das Thriller- und Horrorgenre nicht nur der 1960er und 70er Jahre, betrachtet man beispielsweise Takashi Miikes Audition (Odishôn, 1999). Darüber hinaus darf er tatsächlich als Generalmaßstab gezeigter Psychose und phobischer Angst gelten, weil er sich, anders als die damals folgenden, okkultistisch gezeichneten Filme einer immanenten Symbolik enthält, dafür unbeirrbar die Hauptfigur und ihre als verzerrt empfundene Umgebung fokussiert. Polanski und seiner Crew wurde gelungene psychologische Recherche bescheinigt – zu Unrecht. Improvisation und die gekonnte Verwendung filmischer Mittel waren ausschlaggebend.

Für die stimmige Atmosphäre des Films war neben einem überzeugenden, sparsam eingesetzten Jazz-Soundtrack vor allem die von Techniken des Film noir und des deutschen Expressionismus geprägte visuelle Sprache von Bedeutung. Dafür gab es von der BFAA auch die hochverdiente Nominierung für Kameramann Gilbert Taylor, der zuvor für die Bilder in Kubricks Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb, 1963) verantwortlich war. Das bewusste Spiel mit Licht und Schatten, das in hochkontrastigem Schwarzweiß eingefangen wird, spiegelt die seelische Zerrissenheit der Protagonistin. Häufig wird minutenlang kein Wort gesprochen, das Grauen manifestiert sich wesentlich in den Bildern.

Die stark ausgeprägte Räumlichkeit in Ekel lässt viele für klaustrophobisch inszenierten Horror wichtige Merkmale erkennen, von denen der Regisseur einige später selbst wieder aufgriff. Einmal stellt Ekel den Auftakt zu Polanskis sogenannter Mieter-Trilogie dar, die später mit dem bereits erwähnten Rosemaries Baby sowie mit Der Mieter (Le Locataire, 1976) fortgesetzt wurden. In allen drei Filmen wird ein Apartment zum Schauplatz einer Horrorgeschichte – ja: die Wohnung wird als eigenständiger Protagonist etabliert, ihr wird durch die exakten Kamerabewegungen um Zimmerecken und Korridore geradezu Leben eingehaucht, was wiederum gerade mit den plastischen Schockeffekten in Ekel bereits zur Vollendung geführt wird. Die angsteinflößende, regelrecht atmende Körperlichkeit der Frauen-WG wird, neben einem hörbaren weiblichen Orgasmus (Grund für das langjährige, seit diesem Jahr aufgehobene Jugendverbot des Films) durch sukzessiv verstärkte Zooms dargestellt. Der Blick der Kamera saugt sich an den Zimmerwänden entlang und durch die Räume der Wohnung hindurch. In einer Szene scheint der Protagonistin sprichwörtlich die Decke auf den Kopf zu fallen, wenn die Kamera aus vollständiger Bodensicht die Brennweite ändert und die obere Zimmerbeleuchtung mit ihrem/unserem Blickfeld kollidiert.

Risse als Metaphern der Identitätsspaltung. Es sind jene so konsequent durchdachten Details, die Ekel zu einem einzigartigen Kunstwerk machen. Wenn die Kamera synchron zum eleganten Gang Deneuves die Straße entlangfährt, streichelt sie deren Asphalt (wie zuvor das Gesicht der Schönen), nur um schließlich die klaffenden Risse darin sichtbar zu machen. Das zuvor als so wohlschmeckend angepriesene Kaninchen überdauert als langsam in der Wohnung verwesender Kadaver die Spielzeit und steht sinnbildlich für die seelische Deformation der Hauptfigur. Die Risse tauchen auch wieder verschärft in der Wohnung auf – und kündigen die vollständige Auflösung an. Aufgelöst ist man auch nach erneutem Ansehen dieses Meisterwerks. So tugendhaft kann Horror sein.

Zur Bluray/DVD-VÖ: Erstmalig erscheint Ekel in Deutschland digital restauriert auf Blu-ray und DVD. Das seit seiner Originalveröffentlichung gültige Jugendverbot wurde dieses Jahr nach einer Neuprüfung aufgehoben. Die Firma ALIVE! bietet diesen Klassiker des britischen Horrors in Dual-Format als 3-Disc-Edition mit Bonus-DVD an. Das Zusatzmaterial bietet einen Audiokommentar mit Roman Polanski und Catherine Deneuve, das Making-of A British Horror Film (ca. 24 Min.), ein Interview mit dem zweiten Kameramann Stanley Long (ca. 8 Min.) sowie den Originaltrailer. 

Trailer zu „Ekel“


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