Eisenfresser

Riesige Schiffswracks und schwerste körperliche Arbeit – Shaheen Dill-Riaz zeichnet in seinem Dokumentarfilm ein deprimierendes Bild der Arbeitsverhältnisse in einer Abwrackwerft im südlichen Bangladesch.

Eisenfresser

Der unverhältnismäßige Vergleich wird gleich zu Beginn des Films gezogen: Anstatt Fische aus dem Meer zu holen, schlachten die Menschen im Süden Bangladeschs heute „Meeresriesen“. Gigantische, schrottreife Schiffe stecken hier wie gestrandete Wale im Sand fest, um in Metallplatten zerlegt und verkauft zu werden. Was als metaphorisches Bild noch einen gewissen Optimismus freizusetzen vermag – großer Fang gleich weniger Hunger –, erweist sich in der Realität jedoch als trügerisch. Und so folgen auf die anfänglichen Landschaftsaufnahmen einer palmenumrankten Dorfidylle bald Bilder von einem gewaltigen Schiffsbug bei Nacht, der von vielen funkensprühenden Lötkolben bearbeitet wird. Das Anliegen von Shaheen Dill-Riaz’ Dokumentation Eisenfresser wird durch den einführenden Off-Kommentar des Regisseurs und diese plakativ-konträren Bilder sofort deutlich: Das Glücksversprechen, das einst mit einem zufällig aufgelaufenen Schiff begann, hat sich mit der Zeit in eine dunkle Hölle aus Schweiß und Stahl verwandelt. Denn die Strände rund um die Stadt Chittagong zählen heute zu den größten Abwrackhäfen weltweit. Zwar profitieren einige von dieser Industrie, insbesondere Geschäftsmänner und Händler. Für die einfachen Arbeiter jedoch verkehrt sich der vermeintlich lukrative Job zum verhängnisvollen Kreislauf aus körperlicher Schinderei, teilweise nicht einmal ausbezahlten Hungerlöhnen und Schuldenfalle.

Eisenfresser

Der in Deutschland ausgebildete bengalische Filmemacher Shaheen Dill-Riaz macht diese existenzielle Bedrohung geradezu fühlbar. Ausgerüstet mit einer Handkamera begleitet er die Arbeiter von ihrer Heimat im Norden, wo sie die in der Regenzeit unbestellbar gewordenen Felder für ein paar Monate verlassen, über die holprigen Straßen bis in den Schlamm der Werft, in die Schiffsbäuche und die kargen Gruppenunterkünfte. Durch den Fokus auf eine Gruppe und die daraus resultierende Nähe zu ihren Mitgliedern gelingt Dill-Riaz eine authentische Binnensicht auf ihre halsbrecherische Arbeit, deren Wahnwitz er großteils in monumentalen Totalen herausarbeitet – analog zu den Fotografien in Sebastião Salgados Band Arbeiter (1993) oder zur Episode über eine pakistanische Abwrackwerft in Michael Glawoggers Dokumentarfilm Workingman’s Death (2005). Mit einem endlos langen Seil in den Händen kämpfen sich beispielsweise eine Reihe von Männern wie auf einer Ameisenstraße durch den widerspenstigen Matsch an wolkenkratzergroßen Wracks vorbei. Sie schleppen riesenhafte Schiffsteile über den Strand, die flüchtige Mondlandschaften aufwerfen.

Eisenfresser

Diese eindrücklichen Bilder lenken indes fast von der Schwere der dargestellten Arbeit ab, was den Film streckenweise zu einer Gratwanderung zwischen Dokumentation und Spektakel werden lässt. Aber kombiniert mit den weniger imposanten, teils verwackelten und unscharfen Aufnahmen aus allernächster Nähe zeichnen sie ein bestürzendes Bild: In den Wracks zerschneiden Schweißer zwischen giftigen Gasen und Abwässern die metallenen Wände, bis das ganze Schiff donnernd auseinanderbricht. Als es in einem Wrack unter Deck plötzlich zu brennen beginnt, verzerrt ein Reißschwenk das Bild. Die Panik des Kameramanns spiegelt sich in dieser impulsiven Bewegung. Dill-Riaz droht vom Beobachter zum Opfer zu werden und wie so viele der Arbeiter schwer oder gar tödlich zu verunglücken.

Vor dem Hintergrund dieser Aufnahmen wirken die Aussagen des Führungspersonals und des Eigentümers der Werft in den Interviewszenen des Films wie blanker Hohn: Der Unternehmensname PHP – Abkürzung für „Peace, Happiness and Prosperity“ – sei Programm, die Arbeiter selbst verantwortlich für ihre Schuldenmisere. Dass sie dies tatsächlich zu glauben scheinen, lässt sich durch Dill-Riaz’ wochenlange Drehgenehmigung und augenscheinliche Bewegungsfreiheit auf der Abwrackwerft vermuten. So erschüttert Eisenfresser trotz bescheidener technischer und filmischer Mittel vor allem durch die längerfristige Beobachtung einer harten Arbeitssaison, in der der Ausnahmezustand die Regel ist. Die Botschaft hierbei ist eindeutig: Es geht darum zu zeigen, was Ausbeutung konkret bedeutet und diese anzuklagen. Das Ergebnis ist es nicht minder: Den Arbeitern bleibt meist keine andere Möglichkeit, als Jahr für Jahr weiter Eisen zu fressen, um zu überleben. 

Trailer zu „Eisenfresser“


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