Eine Weihnachtsgeschichte

Scrooge’s Inferno: Robert Zemeckis Animationsfilm adaptiert Charles Dickens Weihnachtserzählung über die Bekehrung zu Güte und Menschlichkeit als rasendes Geisterbahnspektakel – ein visuelles Ereignis in 3-D.

Disneys Eine Weihnachtsgeschichte

Es ist eine Frage des Geschmacks, ob man mittels Performance- oder Motion-Capturing animierte Leinwandfiguren mag oder nicht. Die einen bejubeln die Möglichkeiten, Figuren zu schaffen, wie sie von keinem Schauspieler dargestellt werden könnten: Ein hervorragendes Beispiel hierfür war der volldigitalisierte Andy Serkis als „Gollum“ in Peter Jacksons monumentalem Dreiteiler Der Herr der Ringe (The Lord of the Rings, 2001–2003). Andere bemängeln – gerade bei Animationsfilmen mit Performance-Capturing – die trotz zunehmender technischer Möglichkeiten immer noch gesichtslähmungsartige, unnatürlich und seelenlos-künstlich wirkende Mimik der Protagonisten. So war der erste in dieser Technik voll animierte Performance-Capture-Langfilm Final Fantasy: Die Mächte in dir (Final Fantasy: The Spirits Within, 2001) denn auch eher zum Frösteln.

Robert Zemeckis (Falsches Spiel mit Roger Rabbit, Who Framed Roger Rabbit, 1988; Forrest Gump, 1994) indes setzt in seinen letzten zwei Regiearbeiten voll auf diese Technik und gilt nunmehr als einer ihrer wichtigsten Pioniere. Nach dem sich ein digitalisierter Tom Hanks in nahezu allen Rollen von Zemeckis Polarexpress (The Polar Express, 2004) austoben durfte, folgte das sinistre angelsächsische Heldenepos Die Legende von Beowulf  (Beowulf, 2007). Beide Filme – ihrerseits Meilensteine der Performance-Capture-Animation – überzeugten am Boxoffice vor allem kraft ihres technischen Know-hows, das vom Marketing als Showeffekt immer ordentlich kommuniziert wurde. Nun legt Zemeckis noch eins drauf: Eine Weihnachtsgeschichte (Disney’s A  Christmas Carol) als 3-D-Performance-Capture-Film. Und das Ergebnis ist mehr als überzeugend.

Disneys Eine Weihnachtsgeschichte

Dabei sind es weniger die Leistungen der Schauspieler, deren namhafte Vielzahl (von Jim Carrey – allein in sieben Rollen – angefangen über Gary Oldman, Bob Hoskins bis hin zu Colin Firth) die Besetzungsliste füllt, denn das Minenspiel, ja die bloße Erkennbarkeit der Darsteller ist bei dieser Animationstechnik ohnehin vermindert. Die Wirkungen des Films folgen aus dem Einsatz der 3-D-Technik an sich, die, kombiniert mit einem bis auf minimale Stilisierungen fotorealistisch wirkenden viktorianischen Setting, Begriffe wie Raumbildung, Raumerfahrung und Raumtiefe mit völlig neuen Bedeutungen lädt: Anders als etwa Polarexpress, den es auch in 3-D-Fassung gab, basieren Dramaturgie und Mise en scéne von Eine Weihnachtsgeschichte gezielt auf räumlichen Effekten. Rasante Fahrten mit betonten Perspektivverzeichnungen sind mithin ein Grundbaustein des Films. Zemeckis Film baut sehr nah am Text der Vorlage –  Szenenfolgen und Dialogpassagen erscheinen als wort- und werkgetreue Wiedergabe. Hier wird eigentlich nicht adaptiert, sondern direkt und bildgewaltig visualisiert.

Disneys Eine Weihnachtsgeschichte

Scrooges (Jim Carrey) Weltsicht ist eingangs dunkel und hässlich, er selbst erwartungsgemäß die Inkarnation von griesgrämig-verbitterter Bosheit. Nachdem Scrooge vom gruseligen Geist seines verstorbenen Partners Marley (Gary Oldman) heimgesucht worden ist, stellen sich nacheinander auch rasch die Geister der vergangenen Weihnacht (Jim Carrey), der gegenwärtigen Weihnacht (Jim Carrey) und der namenlose dritte Geist (Jim Carrey) ein, um den alten Griesgram zu läutern. Die „Mehrfachbesetzung“ Carreys ist konzeptionell durchaus sinnvoll, da die Geister sämtlich als Projektionen von Scrooges Gewissen gelesen werden können.

Die erste Reise in die Vergangenheit ist noch recht konventionell gehalten – Scrooge und der einem ätherischen Licht gleichende Geist der vergangenen Weihnacht fliegen zu den Orten und Momenten von Scrooges Jugend und beleuchten so seine Wandlung zum geizigen Misanthropen durch Verletzungen und Verlustangst. Hier bereits nimmt der Film immens Geschwindigkeit auf, die sich im Fortgang der Handlung steigert.

Disneys Eine Weihnachtsgeschichte

Mit dem Geist der gegenwärtigen Weihnacht greift der Film mehr und mehr zur surrealen Überhöhung – adäquat zur Symbolik des Vorlagentextes: Dieser Geist kommt als bacchantischer Riese daher, der auf einem weihnachtlichen Wohlstandsberg thront. Hier wird die 3-D-verstärkte Perspektive auf die Welt zum dramaturgischen Mittel: Nicht der Geist nimmt Scrooge auf die zweite Reise mit, sondern der beide umfassende Raum bewegt sich durch die Welt. Er wird dabei zunehmend abstrakte Ausprägung und Projektionsfläche für Scrooges zerrüttete Innenwelt, wo physikalische Gesetze ihre Bedeutung verlieren. Wenn am Ende der Sequenz der sterbende und vom physischen Verfall gezeichnete Geist der gegenwärtigen Weihnacht die in seinem Gewand verborgenen hässlichen Kinder der Menschen, namentlich „Unwissenheit“ und „Mangel“, an Scrooge übergibt, dann bekommt der Film eine beklemmende poetische Dichte.

Disneys Eine Weihnachtsgeschichte

Der namenlose stumme dritte Geist erscheint Scrooge als dämonischer dunkler Schatten, der dem Geizkragen die Folgen seines Handelns aufzeigt: Verachtung und Vergessen. Der Film erreicht hier ein furioses Tempo, das einer albtraumhaften Geisterbahnfahrt gleicht und an deren Höhepunkt sich für Scrooge an seinem Grabstein die kathartische Wirkung einstellt.

Scrooges Wandlung zum geläuterten Gutmenschen erfolgt dann auch erwartungsgemäß durch einen Wechsel in Tempo und Farbdramaturgie zu einer hellen, freundlicheren Welt in beschaulicher Gangart, in der Alan Silvestris großorchestriert illustrierender Soundtrack mit dem bekannten Weihnachtslied „Hark! The Herald Angels Sing“ nun endlich auch Weihnachtsgeist vermitteln darf.

Am Ende überzeugt der Film vor allem durch seine intensive und durchdachte Bildsprache, die auch reichlich aus Zitaten vom filmischen Realismus bis zum Expressionismus schöpft, etwa, wenn Scrooge über eine lange Freitreppe herabrollt oder vom Schatten einer dämonischen Leichenkutsche verfolgt wird. Diese Bildsprache – die wie schon Zemeckis Beowulf einen gewissen Hang zur morbiden Hässlichkeit aufweist – ist es, was Eine Weihnachtsgeschichte zu einem Ereignis macht.

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Kommentare


Gaby

Ich bin 42 Jahre alt und habe diesen Film mit meiner 10 jährigen Tochter geschaut. Ich kann nur sagen, einfach furchtbar! Alles so dunkel, das im Kinosaal sogar die Beleuchtung eingeschaltet werden musste, damit man überhaupt auf der Leinwand was erkennt. Für mich war es schon schwer dem Dialog zu folgen, für meine Tochter eine Katastrophe. Viel zu gruselig. Dieser Film ist vielleicht etwas für Erwachsene oder Jugendliche die auf so eine Computeranimation abfahren. Ich für meinen Teil würde immer einen Zeichentrickfilm vorziehen. Schade um das rausgeschmissene Geld.
Wir haben den Kinosaal nach ca. 45 Minuten verlassen!






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