Eine vernünftige Lösung

Als der verheiratete Erland eine Affäre mit der Frau seines besten Freundes beginnt, wagt er den Schritt nach vorne. Er schlägt dem Ehepaar und seiner eigenen Frau vor, zu viert zusammen zu leben. Doch das freie Spiel mit den Gefühlen erweist sich als gefährlich.

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Das vermeintliche Vernunftwesen Mensch beweist seine Unvernunft oft genau dadurch, dass es in völliger Selbstüberschätzung glaubt, dort mit Vernunft vorankommen zu können, wo rein rationales Handeln von Natur aus scheitern muss. Auch Fabrikarbeiter Erland (Rolf Lassgård) ist guter Hoffnung, dass sich sein Dilemma durch Vernunft lösen lassen wird. „Wir sind doch alle Erwachsene“, appelliert er an die drei Menschen, die gemeinsam mit ihm an einem Tisch sitzen. Erland ist seit langen Jahren mit Maj (Stina Ekblad) verheiratet, die beiden führen eine ruhige, aber glückliche Beziehung, die gerade an den unumgänglichen Konflikten einer dauerhaften Partnerschaft gewachsen ist. Nur das Feuer ist irgendwann erloschen – beim gelegentlichen Routine-Sex agiert Erland nach dem Motto „Augen zu und durch“.

Wenn er jedoch Karin (Pernilla August), die Frau seines depressiven Freundes und Kollegen Sven-Erik (Claes Ljungmark) sieht, kribbelt es wieder. Die zwei sind im Umgang miteinander so wunderbar unsicher wie zwei verliebte Teenager. Der Sex im Auto oder gar vor dem Kirchenaltar ist aufregend und leidenschaftlich. Erland will weder die Liebe zu Maj noch die Verliebtheit mit Karin aufgeben.Eine vernünftige Lösung“ muss her, worunter sich der etwa 50-Jährige ein Leben zu viert vorstellt, ein polygames Beziehungsexperiment.

Nur hat Erland keinen Hintergrund, der den Klischeevorstellungen über solch ein Experiment entspricht: Er ist ehrenamtlicher Leiter eines Kirchenkreises, der sich mit den Beziehungsproblemen seiner Mitglieder auseinandersetzt und diese im unerschütterlichen Glauben an die heilsame Wirkung der Kommunikation erörtert. So wie die erstaunlich ketzerische Hollywood-Komödie Lügen macht erfinderisch (The Invention of Lying, 2009) die Ideologie der steten Ehrlichkeit als brutal entlarvt und Lügen als notwendiges Verhalten darstellt, greift Eine vernünftige Lösung (Det enda rationella, 2009) das Dogma des Über-alles-Redens an und zeigt, dass auch Schweigen mitunter sinnvoll sein kann. Vor allem aber zielt Regisseur Jörgen Bergmark immer wieder präzise auf die Hybris des Menschen, der die Vernunft als sein höchstes Gut, als Essenz seines Wesens begreift.

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Die Konsequenzen des rein rationalen Handelns in emotionalen Fragen buchstabiert Bergmark anhand des sozialen Experiments aus, zu dem sich die vier hinreißen lassen. Das Leben in der promisken Erwachsenen-WG führt für alle Beteiligten nur zu Unbehagen und Anspannung. „Ein bisschen müde ist man ja doch“ – solche und andere Verlegenheitsäußerungen machen das ungewohnte Miteinander aus. Schweigen, Verstellung und Eifersucht dominieren den neuen Alltag – für Maj und Sven-Erik, die ihren Partnern nachts beim außerehelichen Sex zuhören müssen, kommt noch der letztlich unerträgliche Schmerz hinzu. „Das sind doch du und ich?“, fragt Erland einmal rhetorisch, als er das eigene Handeln nicht mehr mit seinem Selbstbild in Übereinstimmung bringen kann.

Die erstaunliche Entwicklung der Hauptfigur Erland vom gutmütigen Sympathieträger zum scheinheiligen, Verständnis und Rücksicht heuchelnden Egoisten, der entgegen seiner Reife zum Opfer seiner Triebe wird, deutet bereits an, mit welcher Klugheit und Differenziertheit der Regisseur seine Charaktere zeichnet. Aldous Huxley hat in seinem Roman Kontrapunkt des Lebens (Point Counter Point) mit Denis Burlap eine ganz ähnliche Figur entworfen.

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Zudem weiß das Drehbuch den zentralen Konflikt geschickt zuzuspitzen, beispielsweise durch einen Hausbesuch des Gemeindepastors oder aber durch die Tatsache, dass Sven-Erik für die Sicherheit in jener Fabrikabteilung zuständig ist, in der Erland arbeitet. Hier werden gegenseitige Abhängigkeiten sowie Wechselwirkungen zwischen Berufs- und Privatleben als dramaturgische Gewichte eingesetzt, um die Situation weiter aus der Balance zu bringen. Das gemeinsame Kart-Fahren von Erland und Sven-Erik dient dabei als wiederkehrende Metapher ihrer sich verschärfenden Konkurrenzsituation, in der Sven-Erik immer wieder als Verlierer dasteht und zunehmend von Wut und Ohnmacht zermürbt wird.

In seiner pessimistischen Vernunftkritik und dem perfiden psychologischen Spiel mit den Figuren, deren Scheitern als Beweisführung des Autoren(filmers) dient, ähnelt der Schwede Jörgen Bergmark seinem dänischen Kollegen Lars von Trier. Nur ist Bergmarks Werk voller Empathie für seine Figuren, enthält sich des misanthropischen Zynismus von Triers und endet – statt mit einer totalen Niederlage der Protagonisten – ganz leise mit Bildern, die den Betrogenen in aller Welt Mut zu machen scheinen. „Die Letzten werden die Ersten sein“, könnte man in Bezug auf die Kart-Rennen der zwei Männer formulieren.

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Vor allem aber lockert Eine vernünftige Lösung die Atmosphäre immer wieder durch trockenen, fast schon typisch skandinavischen, weil verzweifelten Humor auf – sei es mit Situationskomik, wenn sich Sven-Erik zu seiner Frau und ihrem Liebhaber Erland ins Bett legt, oder mit den brillanten, scharf pointierten Dialogen.

Stilistisch kommt der Film zwar ohne wacklige Handkamerabilder aus, narrativ aber nähert er sich doch wieder der Dogma-Bewegung. Schon die Körper der vier Schauspielerinnen sind so unglamourös durchschnittlich und damit realistisch, dass eine größere Nähe zum Zuschauer evoziert wird als bei in physischer Perfektion erstarrenden Mainstream-Produktionen. Zudem verzichtet Eine vernünftige Lösung auf jegliche spektakuläre Auflösung – hier gibt es keine Überreaktionen, keine als „Tear Jerker“ instrumentalisierten Szenen. Stattdessen schließt der Film mit einem ruhigen, höchst luziden Monolog über verschenktes Glück und die Reue angesichts der Irreversibilität dieses Verlusts.

Trailer zu „Eine vernünftige Lösung“


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Kommentare


Kleciak

Toller Film! Schade dass es davon wenig gibt!
Ich hätte gerne gewusst wer da am Ende des Films dieses tolle Lied singt? Diese version ist besser als original! Beste Grüße!






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