Eine Perle Ewigkeit

Endlich kommt Eine Perle Ewigkeit, der Überraschungssieger der Berlinale 2009, ins Kino. Die peruanische Produktion begeistert mit exquisit komponierten Bildern und überrascht mit leisem Humor.

Eine Perle Ewigkeit

Am Anfang bleibt die Leinwand lange schwarz. Eine Frauenstimme singt, wie von ferne her. Besänftigend legt sich die zart gewebte Melodie über die Worte, gelöst von dem Grauen, von dem sie berichten. Vergewaltigung, Mord, Verstümmelung. Ein Wiegenlied, ein Vermächtnis. Die letzten Klänge einer sterbenden Frau. „Der Mensch ist ein singendes Geschöpf, aber Gedanken mit Tönen verbindend.“ Wilhelm von Humboldt begriff Sprache als inniges Ineinandergreifen von Klang und Gehalt. Doch ruht in jenem Klagegesang eine solch unüberwindbare Ferne zwischen dem, was die Frau sagt, und dem, wie sie es sagt, dass den Zuschauern ihr Trauma tief unter die Haut dringt.

Eine Perle Ewigkeit

Der Beginn von Eine Perle Ewigkeit (La teta asustada, 2008) könnte nicht bescheidener und effektvoller in die Geschichte einführen. Regisseurin Claudia Llosa gestattet ihrem Publikum, an einem Moment größter Intimität teilzuhaben: den letzten Augenblicken einer sterbenden Frau (Anita Chaquiri) unter den Augen ihrer liebenden Tochter Fausta (Magaly Solier). Die Mutter gab ihr ein bittersüßes Erbe mit ins Leben. Als Schwangere wurde sie während der Militärdiktatur vergewaltigt. Ihre Tochter saugte all die Ängste und Schrecken jener Erniedrigungen wortwörtlich mit der Muttermilch ein, dazu verdammt, im Schatten des Grauens durchs Leben zu gehen. Geschenkt wurde beiden eine ebenso zarte wie untrennbare Beziehung. Die Gabe des Gesangs ist der feine Stoff dieser Verbindung. Llosa lässt das Mysterium der titelgebenden Krankheit (Auf Deutsch: „Die verschreckte Brust“) unangetastet. Die Ärzte zweifeln, die traditionsbewussten Menschen glauben. Ob man darin Anklänge eines magischen Realismus oder die metaphorische Umdeutung einer Psychose erkennen mag, der Film bezieht niemals Stellung.

Eine Perle Ewigkeit

Ganz und gar wirklich sind jedoch die Konsequenzen für Faustas Leben. Aus Angst vor fremden Männern geht sie niemals alleine aus dem Haus, aus Angst vor Vergewaltigung trägt sie eine Kartoffel in der Vagina, aus Angst vor umherschwirrenden Geistern läuft sie immer nur am Straßenrand. Fast bis zur Bewegungsunfähigkeit gelähmt duckt sie sich unter dem Leben hinweg. Eine Perle Ewigkeit erzählt von dem allmählichen Lösen ihrer Erstarrung. Magaly Solier gelingt es meisterhaft, dieser Figur ein unverkennbares Gesicht zu schenken. Durch ihr ernsthaftes und in sich gekehrtes Spiel trägt sie den Film sicher vorwärts, sodass Faustas Bewegungslosigkeit niemals dem Sog der Erzählung im Wege steht.

Eine Perle Ewigkeit

Auf der Preisverleihung der diesjährigen Berlinale verwirrte Solier Öffentlichkeit und Simultanübersetzer mit einer langen Rede auf Quechua. Schaut man nun den Film, begreift man ihre Beweggründe. Welche Sprache wann gesprochen wird, wer sich mit wem auf Spanisch, mit wem auf Quechua unterhält, sagt auf subtile Weise viel aus über die Gesellschaft des heutigen Perus. Die Indígenas, deren Vorfahren auf dem Land in Dörfern lebten, knüpfen untereinander Bande des Widerstandes gegen die Zwänge der traditionslosen Moderne. Die trauerreichen Gesänge Faustas neben dem Leichnam ihrer Mutter, geheime Dialoge mit dem Onkel (Marino Ballón) und die vorsichtige Freundschaft mit dem Gärtner Noé (Efraín Solís) geschehen in jener Sprache. In den kürzesten Sätzen drückt sich darin eine Vertrautheit aus, die Fausta mit keiner der anderen Figuren teilt. Nur auf Quechua gelingt es ihr manchmal, sich ein wenig zu öffnen. Eine Perle Ewigkeit kann als Reflexion über die identitätsstiftenden Kräfte von Sprache betrachtet werden.

Eine Perle Ewigkeit

Auch visuell ist Claudia Llosas Inszenierung ein Meisterstück der Reduktion. In sehr genau konstruierten Einstellungen entfaltet sie ihren minimalistischen Erzählfluss. Sie erklärt nicht viel, sagt wenig direkt, doch lädt sie ihre Bilder stets mit genug Bedeutung auf, dass sich die Geschichten wie von selbst berichten. Ein zerstörtes Klavier inmitten von Glassscherben. Triebe der Kartoffel zwischen Faustas Füßen. Ihr panischer Blick, als die Freundin zurück bleibt und ihr ein fremder Mann entgegenkommt.

Wirklich wunderbar und, denkt man an die Thematik, auch überraschend sind die häufig leichten, manchmal explizit lustigen Momente. Einmal kommt Fausta von der Arbeit nach Hause und findet ihren Onkel beim Graben im Hinterhof. Will er die Mutter heimlich bestatten, bevor Fausta das nötige Geld für eine Beerdigung auf dem Land gesammelt hat? Wütend stürmt sie auf ihn zu, die Kamera folgt ihr gemächlich. Doch als sie an der Kante des Loches angelangt ist, schallen ihr Gelächter und Kindergeschrei entgegen: „Fausta! Fausta! Ein Swimmingpool!“ Der Film wird durchdrungen von einer ambivalenten Stimmung, die Schönheit und Armut, Komik und Verzweiflung, Tod und Freude nicht als Widersprüche, sondern als gleichwertige Bewegungen des Lebens begreift. Llosa trifft den oft allzu leicht verfehlten Ton wirklich tragikkomischen Erzählens und fasziniert den europäischen Zuschauer so für eine fremde Perspektive auf das Schicksal von Menschen in einem südamerikanischen Entwicklungsland, ohne in irgendeiner Form eines romantisierten Blicks auf das Exotische zu bedürfen.

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