Eine neue Freundin

Der Moment des Umdrehens: In seinem neusten Film fängt François Ozon die Wandlung ein, die keine ist.

Eine neue Freundin 02

Die Tür ist nicht abgeschlossen. Zögerlich schleicht Claire (Anaïs Demoustier) in die märchenhafte Villa, beflügelt von der tödlichen Neugier der Blaubartbräute. Die Kamera weicht nicht von ihrem Gesicht; unverkennbar ist darauf zu lesen, dass sich im friedlichen Haus etwas verbirgt. Vergnügt rücken wir mit ihr ins Wohnzimmer vor, entdecken auf der Couch eine Frau von hinten: blonder Bob, hautfarbene Strumpfhose, schwarze Ballerinas. Die Unbekannte dreht sich erschrocken um. Es ist das Umdrehen, mit dem Hitchock in Psycho Mrs. Bates als mumifizierte Leiche entpuppt; es ist diese kurze Zeitspanne, in der zwei widersprüchliche Seiten eines Menschen nebeneinander bestehen können, bevor wir sie wieder säuberlich voneinander abgrenzen, in ein Trugbild und in eine neue Wirklichkeit. Die Person, die Claire für eine Frau gehalten hat, ist in Wahrheit ein Mann, genauer: der Mann ihrer kürzlich verstorbenen besten Freundin, auf den Claire sorgsam zu achten versprochen hat. Als Claire in Gestalt dieser Frau David (Romain Duris) vorfindet, tun wir es ihr gleich: Wir ziehen gedanklich die Perücke ab, das rote Strickjäckchen, all diese Attribute, die in unserer Gesellschaft aus irgendeinem Grund weiblich kodiert sind; wir sehen einen Mann, weil wir Mann und Frau kaum gleichzeitig denken können. Auch David zieht sich schleunigst um, als müsste er die Spuren eines Vergehens tilgen. Dann versucht er zu erklären.

Den Blick erklären

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François Ozons neuer Film pfeift auf Erklärungen; man würde ihn dafür fast militant nennen wollen. In Eine neue Freundin sind Erklärungen nur insofern relevant, als dass sie als Nicht-Erklärungen enttarnt werden können, als schlecht versteckte Abneigung, als ein Mittel, Distanz zu schaffen, zwischen sich und dem, was man deviant wähnt. Nein, David fühlt sich nicht von Männern angezogen. Nein, seine Mutter hat sich an seiner statt keine Tochter gewünscht. Auch Erklärungen, die der Plot selbst zu generieren scheint, werden nach maliziöser Irrfahrt verworfen. Weder ist David im Begriff, für seine Tochter in die freigewordene Rolle der Mutter zu schlüpfen, noch bewältigt er seine Trauer, indem er die verstorbene Laura (Isild Le Besco) an seiner eigenen Person auferstehen lässt. Die Freude daran, das Bedürfnis danach, sich als eine Frau zu kleiden, bedarf hier keiner Erklärung, sondern entspringt einer erfrischenden Selbstverständlichkeit; und wer auf eine Erklärung pocht, dem wird der Film nur eine zu liefern imstande sein: David bringt sein Inneres mit seinem Äußeren in Einklang. Eine neue Freundin erforscht eben nicht das Cross-Dressing, sondern den Blick auf das Cross-Dressing; ein Blick, dem Claire stellvertretend den ihren leiht. Claire, deren ersten Worte für David das gesellschaftliche Unbehagen gegenüber Identitäten zwischen oder jenseits der Geschlechter deutlich zur Sprache bringen: Krank. Pervers. Du musst aufhören.

Die neue Freundin in dir

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Der Titel trügt: Es gibt keine neue Freundin in Eine neue Freundin. Das Neue, das plötzlich Auftretende, Sich-Aufzwingende, all das ist hier nicht Thema. In dem Film geht es um das, was schon vorhanden ist, in uns, zwischen uns. Es geht um Dinge, die noch nicht zutage gefördert wurden; Ozons Duktus ist einer des Aufdeckens, des Aufzeigens, der behutsamen Führung zu dem, was man schon immer war. Der Schock der Szene, in der David zu Beginn „ertappt“ wird, ist einmalig; ihr gegenüber stehen dann etliche Aufnahmen, in denen die Kamera ausschweifend die Gesten der Wandlung, die Rituale der Transformation einfängt, um uns besser zu ihrem Ergebnis hinzuführen: das Auftragen der Wimperntusche, das Überziehen der Strumpfhose, das Aufsetzen der Perücke. Der Film spielt mit der Verwirrung, die jeder Wandlung innewohnt, und entfaltet eine Mikrospannung: Wen sehen wir da eigentlich? Mann, Frau? In der allerersten Szene wird ein Gesicht geschminkt; erst später verstehen wir, dass das Lauras Leichnam ist. Doch die eindrücklichste, die spannendste Wandlung in diesem Film ist nicht körperlicher Art; es ist Claires Wandlung. Claire, die zuerst schockiert ist, angewidert, dann aber einwilligt, David im Frauengewand wiederzusehen; die zunehmend von der komischen neuen Gestalt, die sie Virginia tauft und deshalb auch miterschafft, angezogen ist. Ozon zeigt eine Faszination, ein Begehren, das sich ebenso der Definition und der Deutung entzieht wie Davids Identität und das er schließlich in eine Liebesgeschichte münden lässt, allen Hürden zum Trotz. Am Ende siegt das Märchen, frei nach: Sie heirateten und bekamen viele Kinder.

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Auch auf filmischer Ebene stiftet Ozon Verwirrung. Er wechselt das Register, stellt vorabendserienhafte Flash-Backs morbider Erotik gegenüber, Brave-Mädchen-Romantik neben die künstlich überspitzte Weiblichkeit Virginias. Die Handlung lässt sich geografisch nicht verorten, das Milieu dagegen überdeutlich; es trieft vor sozialen Markern, wir befinden uns inmitten einer wohlhabenden, christlichen Bourgeoisie. Vielleicht soll das einen geeigneten Hintergrund bilden, vor dem sich das Familienbild, mit dem Eine neue Freundin endet, in seiner Eigenart deutlicher abgrenzt. Man ist jedenfalls geneigt, diesen französischen Film vor dem Hintergrund der erbitterten Deutungskämpfe zu lesen, die man sich in Frankreich seit 2013 um Ehe und Familie liefert. Die ungewöhnliche Familie, mit der Eine neue Freundin endet, zeigt in die Zukunft.

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