Eine Karte der Klänge von Tokio

Weil die Spanierin Isabel Coixet ein großer Japan-Fan ist, hat sie einen Film in Tokio gedreht. Während sie selbst dabei im besten Fall viel gelernt hat, bleibt der Betrachter eher irritiert zurück.

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Nicht selten verzichten Filmschaffende nach ersten größeren Erfolgen auf die Sicherheit des eigenen Heimatlandes als Setting ihrer Geschichten und wenden sich fremden Welten zu. Diente die selbst erfahrene Umgebung noch als sichere Grundlage für einen möglichst persönlichen Debütfilm, führt die spätere Suche nach neuen Herausforderungen häufig über Ländergrenzen hinweg. Aus westlicher Sicht war das ferne Japan seit jeher Inbegriff einer solchen fremden Welt. In den letzten Jahren waren es vor allem Regisseurinnen, die sich vom fernen Osten faszinieren ließen. Dem Dilemma, eine authentisch einheimische Sicht auf Japan als Fremde kaum annehmen zu können, entgingen Sofia Coppola in Lost in Translation (2003) wie Doris Dörrie in Kirschblüten – Hanami (2008), indem sie den japanischen Alltag durch nicht-japanische Protagonisten perspektivierten. Die Spanierin Isabel Coixet ist mit Eine Karte der Klänge von Tokio nun einen Schritt weiter gegangen und verzichtet auf diesen erzählerischen Filter. Sie lässt den Zuschauer die für ihn fremde Welt nicht durch die Brille ausländischer Besucher erleben, sondern bedient sich einer japanischen Erzählerfigur, einer japanischen Protagonistin und größtenteils japanischen Dialogen.

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Dieser Mut wird insofern belohnt, als Coixets Tokio deutlich plastischer wirkt als die schrille Metropole aus Lost in Translation. Wo bei Coppola der für ausländische Besucher sichtbare Teil der japanischen Hauptstadt dominiert, ist Tokio bei Coixet alltäglicher und atmosphärischer. Ihr distanzloser Ansatz birgt aber ein anderes großes Problem. Denn die Spanierin hat es sich nicht nehmen lassen, auch im fremden Terrain ein von ihr selbst verfasstes Drehbuch zu verfilmen. Ihre westliche Handschrift ist in Handlung und Dialog nun leider so präsent, dass in den Hintergrund tritt, was uns an japanischen Filmen häufig so interessiert: die direkt erfahrbare Fremdheit in Ästhetik, Dialog und Figurenzeichnung, die vom Westen höchstens zitierbar, jedoch nie nachahmbar sein wird. Eine Karte der Klänge von Tokio ist somit ein ziemlich japanischer Film von einer ziemlich europäischen Regisseurin und irritiert deswegen mehr, als dass er fasziniert.

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Zudem drängt sich der Verdacht auf, dass Coixet ihren guten Ruf zu großen Teilen Sarah Polley zu verdanken hat. Die Hauptdarstellerin in Mein Leben ohne Mich (My Life Without Me, 2003) und Das geheime Leben der Worte (The Secret Life of Words, 2005) hat mit ihrem großartig subtilen Spiel Zuschauer wie Kritiker begeistert. Beide Filme lebten zwar von der emotionalen Wucht der behandelten Themen, waren aber, dem differenzierten Spiel Polleys angemessen, leise inszeniert. Doch schon die Philip-Roth-Verfilmung Elegy oder die Kunst zu lieben (Elegy, 2008) wurde in den Händen Coixets zu einem ziemlich konfusen Werk. Die konstruktive Zusammenarbeit mit einer noch unverbrauchten Darstellerin wie Polley wich der Herausforderung, Stars wie Ben Kingsley und Penélope Cruz zu inszenieren. Während Coixet schon damals versuchte, sich auch mit visuellen Mitteln als Autorenfilmerin mit eigener Handschrift zu etablieren, steigert sie sich mit Eine Karte der Klänge von Tokio in eine verkünstelte Wong-Kar-Wai-Bildsprache hinein. Zusammen mit ihrem treuen Kameramann Jean-Claude Larrieu experimentiert sie mit eigenwilligen Schärfenverlagerungen und Kameraschwenks, lässt Gesichter am äußersten Bildrand erscheinen und beginnt jede Szene mit abstrakten Farbkompositionen. Eine solche Abstraktheit wünscht man sich zunehmend auch von dem umso deutlicher konstruierten Drehbuch, das die ästhetisierte Inszenierung des Films konsequent konterkariert.

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Dabei hat Coixet Hauptdarsteller zur Verfügung, die zwei der einprägsamsten Rollen der letzten Jahre gespielt haben. So fällt es zunächst schwer, in Rinko Kikuchi und Sergi López nicht das taubstumme Mädchen aus Babel (2006) und den faschistischen General aus Pans Labyrinth (El laberinto del fauno, 2006) zu erkennen, zumal ihre Rollen in Eine Karte der Klänge von Tokio nicht halb so einprägsam sind. Kikuchi ist die Fischverkäuferin Ryu, die gelegentlich Auftragsmorde annimmt, der von López gespielte Weinhändler Pedro soll ihr nächstes Opfer werden. Doch Ryu und Pedro – beides einsame Seelen in der Millionenstadt – schlafen miteinander und können nicht mehr voneinander lassen. Pedro verdrängt die Trauer um seine tote Freundin, Ryu erfährt zum ersten Mal in ihrem Leben sexuelle Befriedigung. Ihr Dilemma ist damit so deutlich, wie es kalt lässt, weil Coixet sich in ihrer Tokio-Ästhetik verliert und immer wieder auf ihre Erzählerfigur und deren ebenso unnötige wie belanglose Weisheiten zurückgreift.

Es ist mittlerweile ein Gemeinplatz, dass das Zuhören beim Umgang mit fremden Kulturen wichtiger ist als das Erzählen. Isabel Coixet will leider vor allem erzählen. Das japanische Setting ist für sie nicht lebendige Kultur, sondern totes Material, aus dem sie einen sehr westlichen und selbstverliebten Film geformt hat. Begeistert spricht die Regisseurin in einem Interview von ihrer Faszination für Japan und dem Privileg, überall auf der Welt Filme drehen zu können. Sie sei sehr glücklich darüber, ihre Ideen unabhängig von Sprache und Hintergrund umzusetzen. Eine Karte der Klänge von Tokio ist der beste Beweis dafür, dass auch der Umgang mit einer solchen Freiheit gelernt sein will. Clint Eastwood hat das Drehbuch zu seinem Meisterwerk Letters from Iwo Jima (2006) von einer Japano-Amerikanerin schreiben lassen. Auch Coixet hätte mal besser mit dem Zuhören angefangen.

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Kommentare


bettina

herr kadritzke, sie sprechen mir aus der seele!


Martin Z.

Mit dem Titel hat uns Regisseurin Isabel Coixet ganz schön in die Irre geführt. Die Geschichte vom alten Toningenieur, der sogar vom Nudelschlürfen Aufnahmen macht, ist nur ein Rahmen, der im Verlauf der Handlung immer mehr untergeht. Dazwischen sehen wir eine Großstadtelegie über die Unmöglichkeit der Liebe. Von Anfang an ist die Beziehung zwischen dem spanischen Weinhändler (Sergi López) und der Auftragkillerin Ryu (Rinko Kikuchi) zum Scheitern verurteilt. Nicht nur wegen ihrem ’letzten’ Auftrag!? Die Frage schwingt immer mit ’Killt sie ihn oder will sie Liebe machen?’ Oder etwa erst das eine, dann das andere? Die wenigen Hinweise auf Klangformationen, die vom Schweigen oder vom Atmen kommen, gehen in der wunderschönen Bilderflut unter. Aber es gibt auch stille, tonlose Sequenzen, die erstaunen, denn sie passen nicht so recht zu den Bildern einer pulsierenden Metropole. Kontrastprogramm also! Einen Klangteppich konnte ich nicht hören. Eher schon die Einsamkeit spüren.
Und dann passiert zum Schluss tatsächlich genau das, was man schon lange erwartet hat. Ein kühles Ende ohne Emotionen, unbemerkt vom Sound der Großstadt.
Schön erzählt, am selbst gegebenen Thema leicht vorbei, trotzdem interessant.






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