Eine Insel namens Udo

Der Mann ohne Eigenschaften: Markus Sehrs Spielfilmdebüt erzählt von einem Mann, der aufgrund völliger Unscheinbarkeit und Mittelmäßigkeit von seiner Umwelt nicht wahrgenommen wird.

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Udo leidet an „Schwersichtbarkeit“. Dass es sich um ein bekanntes pathologisches Phänomen handeln soll, suggeriert der Film bereits in seiner pseudodokumentarischen Einleitung:  In wackligen Schwarzweißbildern erfahren wir von diversen Unfällen, deren Opfer in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts offensichtlich übersehen wurden, bevor sie auf die eine oder andere Art unter die Räder kamen. Heute und jetzt ist auch Udo (Kurt Krömer) ein Opfer dieses Phänomens.

Udo ist der Antiheld, der –  höchst durchschnittlich und ohne nennenswerte Eigenschaften – aus seinem Malus eine Fähigkeit gemacht hat und sich als – höchst erfolgreicher – Kaufhausdetektiv verdingt. Er muss schon sein Gegenüber direkt anstupsen, damit dieses Udo wahrnimmt, eine Wohnung braucht er nicht, denn er kampiert in der Touristik-Abteilung des Kaufhauses in einem Zelt auf einer Deko-Insel. Udo ist ein Beobachter, ein introvertierter Denker, und er stibitzt schon mal den Kunden in der Cafeteria den Espresso oder das Törtchen. Und natürlich ist Udo vereinsamt und daher ein merkwürdiger Kauz mit latenten Asperger-Syndrom-Zügen.

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Damit ist er jedoch nicht allein, denn seine Kaufhauskollegen – etwa der uniformierte Möchtegern-Macho Sallinen (Kari Ketonen) oder Amanda (Bernd Moss), der Mann in Frauenkleidern aus der Beauty-Abteilung –, haben auch mit allerhand Neurosen und Sehnsüchten zu kämpfen. Überhaupt schafft das Drehbuch von Clemente Fernandez-Gil eine Ausgangslage von einiger metaphorischer Vielschichtigkeit, die sich zunächst wohltuend vom manieristischen Hardcore-Realismus seiner Arbeit zu Hanno Olderdissens sozialpathologischem Unterschichten-Kurzfilm Robin (2008) unterscheidet. Denn im Zentrum der genretypisch skizzierten und absurd anmutenden Typen-Menagerie steht der an sich tragische Held sinnbildlich für einen unfreiwilligen Nonkonformismus mit dem Drang nach unerreichbarer Normalität und Integration.

Wenn diese Ausgangslage nun aufbricht, als Udo von einer Frau in der Cafeteria beim Kuchenklau gestellt wird, der ersten Person in seinem Erwachsenendasein, die ihn wahrnimmt, dann eröffnen sich frappierende Möglichkeiten, im gesetzten Genre tagesaktuelle Mechanismen um Identität und Anpassungszwänge offenzulegen. Denn Jasmin (Fritzi Haberlandt) ist erfolgs- und berufsbedingt ebenso entwurzelt wie Udo, hat Probleme im Zwischenmenschlichen und ist auch sonst irgendwie merkwürdig.

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Doch für eine Sozialsatire mit absurdem Einschlag reicht weder dem Buch noch der Inszenierung die Puste. Die restliche Filmlaufzeit widmet sich bekannten Rom-Com-Standards, die da wären, sich zu öffnen, den anderen mit seinen Eigenheiten zu akzeptieren, einander zu vertrauen und so einer Beziehung den Weg zu bahnen. Und so überrascht es kaum, dass die Figuren ihre Entwicklung auf erprobten dramaturgischen Bahnen nehmen und so auch erwartungsgemäße Rückschläge ein Happy End nicht verhindern können.

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Dabei ist es nicht etwa ein Mangel an komischem oder dramatischem Gespür, der Eine Insel namens Udo schließlich auf das Niveau gepflegter Fernsehunterhaltung herunterschraubt, denn Markus Sehr und seinen Darstellern gelingt es durchaus, Momente subtiler Komik nahe am Tragischen zu kreieren – etwa, wenn Udo freimütig und kindlich begeistert Jasmin seinen Lieblingstintenfisch im Aquarium zeigt und sie die immensen Tarnfähigkeiten des Tieres läppisch mit dem Satz kommentiert: „Was für ein widerliches Tier!“ Oder wenn der zwischenzeitlich für alle sichtbare Udo in einer Anwandlung von Normalitätshybris Amanda darüber belehrt, dass die Sache mit den Frauenkleidern doch wohl albern sei, und damit die filigrane Innenwelt der Transsexuellen jäh verletzt.

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Woran Eine Insel namens Udo leidet, ist der Mangel an Konsequenz, die mit der Exposition aufgerufenen Fragen und Konstellationen nicht nur vereinzelt, sondern entschlossen auch in die Tiefe fortzuentwickeln. Denn neben den raren subtilen Momenten, wo die wesensverwandten Elemente Komik und Tragik einander wirklich nahekommen, reiht der Film Kalauer und klamaukige Sketche aneinander, als gelte es eine bestimmte Gagquote zu erreichen, um auf die Spiellänge von 80 Minuten zu kommen.

Das ist auch deshalb schade, weil mit Krömer und Haberlandt zwei Darsteller gefunden wurden, die Naivität, Irritation, Selbstzweifel ebenso glaubwürdig darzustellen wissen wie eine überzeugende Schroffheit, mit der die Figuren ihr Wesen gegen die Außenwelt zu verteidigen wissen. Hier aber verpufft das dramaturgische und darstellerische Potenzial dergestalt, dass der Film die wesentliche Eigenschaft mit seiner Hauptfigur teilt: leicht zu übersehende Durchschnittlichkeit. 

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