Eine Frau unter Einfluss

Die Krise der Mabel Longhetti. Gena Rowlands erhielt für ihr brillantes Porträt und eindrückliches Spiel den Golden Globe sowie eine Oscarnominierung, die ebenfalls an ihren Mann und Regisseur Cassavetes ging. Auch Peter Falk ist in der Rolle seines Lebens zu sehen.

Eine Frau unter Einfluss

A Woman under the Influence ist ein Fall, wo zwei Leute einfach kein Konzept dafür haben, wie sie mit ihrem Gefühl füreinander umgehen sollen.“ Wenn John Cassavetes im Interview mit Christa Maerker über den persönlichen Lieblingsfilm aus seinem eigenen Oeuvre spricht, ist dies beinahe so faszinierend, wie den Film zu sehen. Oder besser gesagt: beides ergänzt sich auf eine Weise, die nur selten bei Gesprächen mit Filmschaffenden entsteht. All das, was Cassavetes von seinem Film behauptet, ist tatsächlich auf der Leinwand zu sehen. Wohl kaum ein Regisseur ist in seinen Filmen existentiellen und gleichsam alltäglichen Gefühlen zwischenmenschlicher Beziehungen so nahe gekommen wie er.

Am weitesten in die Sphäre der Komplexität einer Liebesbeziehung ist er in Eine Frau unter Einfluss (A Woman under the Influence) eingedrungen. „Nicht miteinander umgehen können“ heißt hier vor allem, nicht miteinander kommunizieren zu können. Dabei wird ständig gesprochen und gestikuliert. Und doch kann Nick seiner Frau Mabel gegenüber in einem Moment nur konstatieren: „I don’t know who you are.“ Dieser Satz, schon in tausenden Filmen ausgesprochen, erlangt hier eine ganz eigene Qualität. Cassavetes verleiht emotionalen Mustern Ausdruck, ohne jemals auf einen Allgemeinplatz zurückzugreifen.

Eine Frau unter Einfluss

Nick ist hilflos und überfordert, all das angesichts von Mabels Hilflosigkeit und Überforderung. Sein Job stresst ihn genauso wie sie die Haushaltspflichten. Beide stellen Erwartungen aneinander, denen sie nicht gerecht werden können. Völlig aus dem Ruder läuft das Gebilde, wenn noch weitere Menschen anwesend sind. Beim morgendlichen Spaghettiessen mit Nicks Arbeitskollegen versuchen beide Ehepartner, jeweils am anderen Ende des Tisches, in ihren Rollen als Partner und Gastgeber zu funktionieren. Doch jeder Blick ist von Unsicherheit und Angst geprägt. Vor dem eigenen und dem Verhalten des anderen. Wenn Nick seine Frau schließlich vor den anderen schlägt, besitzt diese Szene eine seltene Dimension der Grausamkeit. Die Handlung ist ein Ausdruck seiner Verzweiflung und seines Unvermögens, adäquat auf seine Frau einzugehen. Sie ist fast ein Ausdruck der Liebe, wenn auch einer Liebe, die keine positive Kanalisierung mehr findet. Nick wird genauso Opfer und Täter wie Mabel, die mit einem letzten Rest der ständig weichenden Selbstkontrolle die furchtbare Demütigung trägt. Fest steht, wie Cassavetes es auf den Punkt bringt: „Sie sind besessen von dieser Beziehung, ob sie gut ist oder schlecht“.

Die Konfrontation am Speisetisch ist eine der wenigen, sehr langen Sequenzen, aus denen sich der Film zusammensetzt. Obwohl es insgesamt eine recht klare Akteinteilung und Entwicklungen gibt, sticht doch das Momenthafte jeder einzelnen Sequenz heraus. Sie dienen nicht vornehmlich als Sprossen einer dramaturgischen Leiter, die zum Ziel führt, sie bersten vor Eigenständigkeit.

Eine Frau unter Einfluss

Eine Frau unter Einfluss, das ist schon unschwer im Titel zu erkennen, ist zunächst einmal ein Film über eine Frau. Neben Wanda, von und mit Barbara Loden aus dem Jahr 1971 stellt er eines der wichtigsten Frauenporträts dieser Epoche dar. Doch während sich Wanda ganz der Hauptfigur widmet, gewinnt Mabels Schicksal durch die ständige Rückbindung an ihre Familie und ihr direktes Gegenüber, ihren Mann, eine andere Dimension. Die Partner spiegeln sich geschlechterübergreifend in ihren Problemen und ihrer Unfähigkeit, einen konstruktiven Ausdruck zu finden.

Ihr Liebeskonzept entzieht sich vielen Zuschreibungskategorien und hält den Film in einer Ambivalenz, die es kaum ermöglicht irgendeine Position zu beziehen. Der Schmerz dieses Zusammenlebens wird genauso spürbar, wie die eigenartige Intensität der Gefühle, die Eine Frau unter Einfluss doch zu einem ganz außergewöhnlichen Liebesfilm macht. Mabel möchte sich mit ihrem Partner gegen den Rest der Welt verschwören, der paradigmatische letzte Hilferuf einer Person, die keinen Platz für sich findet, nicht bei sich selbst sein kann und doch nur wenigstens einen Menschen wissen möchte, der ganz bei ihr, ja fast sie selbst sein kann. Der Hilfeschrei nach einer Entlastung in Angesicht des schon ständig im Begriff befindlichen Scheiterns selbst der Zweisamkeit.

Eine Frau unter Einfluss

Cassavetes kümmern in seiner Inszenierung keine dramaturgischen Normen. Obwohl Eine Frau unter Einfluss sein Film mit der wenigsten Improvisation ist, merkt man ihm eine besondere Freiheit an. Trotz seines Themas ist der Film alles andere als eine psychologische Fallstudie. Rollenmuster treten zwar auf, aber nicht in Form eines Abarbeitens oder Durchdeklinierens, sondern als ständige Variation, wie ein Kreisen. Cassavetes filmt das Ehepaar, seine Familie und Freunde mit wenigen Ausnahmen im Haus und auf dessen Grundstück. Diese räumliche Konzentration könnte an Ingmar Bergman und beispielsweise dessen Herbstsonate (Höstsonaten, 1978) erinnern, zumal sowohl bei dem schwedischen Regisseur, als auch bei Cassavetes dem Ausdruck des Schauspiels eine besondere Rolle zukommt. Doch Nähe funktioniert bei Cassavetes weniger über körperliche Anordnungen im Raum oder den Einsatz von Nahaufnahmen. Seine Bilder stehen in Puncto Emotionalität fast am anderen Ende der Skala als Bergmans. Anstelle einer artifiziell konstruierten Distanz atmen die Bilder der amerikanischen Independent-Ikone Alltäglichkeit. Das Spiel ist hier wie da gleichzeitig expressiv und hochgradig diszipliniert. Über Blicke und Gesten entwickelt Cassavetes emotionale Dichte. Manchmal weicht der Schmerz einem Moment des Witzes und die schonungslose Offenheit Mabels nimmt in ihrer Selbstreflexion zuweilen ironische Züge an: „Occasionally I calm down. I do have anxieties though.“ Dies ist mehr als tragikomisch, es verunmöglicht eine eindeutige Haltung, es entwaffnet, bietet scheinbar sowohl Distanz, als auch Empathie an, doch am Ende bleibt Sympathie im klassischen Sinne, als Mit-Leiden.

Kommentare


ralf carls

Gena Rowlands und Peter Falk zwei masslos unterschäzte Schauspieler.
Gena hat für diesen Film ganz gewiss den Oscar verdient.


Hans H. Hapke

Selten ging mir ein Film so unter die Haut, und das während seiner gesamten (überdurchschnittlichen) Länge. Jede Szene ein außergewöhnliches, dramatisches Erlebnis, eine Katastrophe, und dabei doch alles so alltäglich. Ein wichtiges Element: das Gut-Gemeinte, das so anders wirkt und die Auseinandersetzungen noch anheizt. Jede Szene persönlicher Auseinandersetzung zwischen Akteuren ist so genau beobachtet und so dicht dran gefilmt, dass ich permanent das Gefühl hatte, selbst in die Auseinandersetzungen verwickelt zu sein. Die Kamera holt nicht die jeweils aktive Person in den Fokus, sondern nimmt wechselnde Perspektiven gerade so ein wie ein Augenzeuge, der immer den Überblick über die Gesamtsituation behalten möchte. Großartig! Obwohl man als Zuschauer sich in jeder Sekunde über das Fehlverhalten eines Akteurs im Klaren ist, sind Schuldzuweisungen unmöglich, das Täter-Opfer-Denken versagt total. Eine Klasse für sich ist die Darstellungskunst der Hauptdarstellerin, die ihre binnen Sekundenbruchteilen wechselnden Gemütszustände mit mikroskopisch kleinen Änderungen in Gestik und Mimik auszudrücken versteht. Summa summarum: höchste Filmkunst, ich bin tief beeindruckt.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.