Eine Flexible Frau

Es mag kein Zufall sein, dass Tatjana Turanskyj den Titel von Richard Sennetts Studie Der flexible Mensch nicht einfach übernommen, sondern verändert hat. Denn ihre Perspektive auf den modernen Arbeitsmarkt ist zuallererst eine feministische.

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Greta (Mira Partecke) hat Geburtstag, aber Grund zum Feiern hat sie nicht. Betrunken und barfuß steht sie zu Anfang des Films auf einem Stoppelfeld. Die nächste Einstellung zeigt sie in einer Diskothek, aber auch dort wirkt sie so isoliert wie zuvor in der Natur. Greta ist Architektin und seit einiger Zeit arbeitslos. Sie distanziert sich von ihren Freunden, weil sie die Gespräche über deren neueste Projekte und Herausforderungen nicht mehr hören kann. Längst hat sie sich auch von ihrem Sohn Lukas distanziert, der seine Zeit lieber mit dem coolen Papa als mit der depressiven Mama verbringt. Kurzzeitig ergattert sie zwar einen Job in einem Call-Center, scheitert aber an der Aufgabe, die Kunden von etwas zu überzeugen, woran sie selbst nicht glaubt. Eine private Jobvermittlerin mit 97-prozentiger Erfolgsquote erklärt ihr, dieses Scheitern habe mit ihrer persönlichen Einstellung zu tun, sie müsse ihre Situation nur endlich als Chance begreifen. Doch zynische Predigten dieser Art erreichen Greta nicht mehr, sie befindet sich längst in der Abwärtsspirale.

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Regisseurin Tatjana Turanskyj macht von Anfang an klar, dass sie Gretas Geschichte nicht als Porträt eines persönliches Schicksals, sondern als Gesellschaftsanalyse begriffen haben will. Ihre Inszenierung wirkt dabei eher wie Theater als Kino: Die Darstellerinnen sagen ihre Textzeilen ziemlich manieriert auf, und vor allem Greta bewegt sich durch die Kulisse von Berlin, als stehe sie auf einer Bühne. Diese gewollte Künstlichkeit erinnert an die frühen Godard-Filme, überzeugt hier aber als konsequente Darstellungsform inhaltlicher Aussagen. Turanskyj enthüllt die moderne Arbeitswelt als eine einzige Inszenierung, die geschulten Predigten über Flexibilität, Herausforderung und Motivation als inhaltsleere Floskeln. So wie Greta sich der verlogenen Realität widersetzt, die sie zwingen will, mit vorgespielter Fröhlichkeit ihren Telefonkunden Fertighäuser anzudrehen, so verweigert sich Turanskyj einem dokumentarisch-realistischen oder gar humanistisch motivierten Ansatz, um über die Unmenschlichkeit der Gesellschaft zu reflektieren. Eine formale „Entsperrung“ dieses sperrigen Films wäre genau die Art von Anpassung, die Turanskyj inhaltlich als heuchlerisch entlarven will.

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Zugleich ist der Ausdruckstanz, dem sich Greta immer wieder hingibt, mehr als nur affektiertes Theater. Er ist vor allem Rückzug auf das einzige Feld, über das sie noch autonom verfügen kann. Beim sich beschleunigenden seelischen Kontrollverlust bleibt nur noch die Kontrolle über den eigenen Körper, gleichsam als Vergewisserung der Unangepasstheit, und dieser Körper taumelt durch ein düsteres und seelenloses Berlin, das von jeder vitalen Urbanität entzaubert ist: Trostlose Wohnsiedlungen, verlassene Baustellen und kalte Fassaden bestimmen das Bild. In der Übung für ein Bewerbungsgespräch erläutert Greta der Vermittlerin dagegen ihre eigene Vorstellung von moderner Architektur – eine der seltenen Szenen, in denen wir erahnen, wie selbstbewusst diese Frau einmal gewesen sein muss. Doch schon die kühle Reaktion der Beraterin auf ihren Ausbruch („Aber warum sollten wir jetzt ausgerechnet Sie einstellen?“) bringt die alte Verunsicherung zurück. Greta hat Ideen, wo nur noch Selbstvermarktung gefragt ist.

Diese Form der filmischen Gesellschaftskritik mag nun nichts gänzlich Neues sein. Aber zwei wichtige Aspekte weisen über die üblichen Diagnosen hinaus. Zum einen hat die scheinbar klischeehafte Entfremdung vom Sohn eine wichtige Funktion: Sie zeigt, dass die Ideologie der Eigenverantwortung und die gleichzeitige Stigmatisierung von Arbeitslosigkeit längst den allgemein akzeptierten Diskurs bilden, vor dessen Hintergrund auch die kindliche Erziehung stattfindet. Wenn ein Sohn seine Mutter schon deshalb ablehnt, weil sie keine Arbeit findet oder in einem Call-Center jobben muss, ist die alltägliche Reproduktion dieser Stigmatisierung gesichert. Übergreifend aber wird die Analyseebene von einem feministischen Motiv dominiert, das über die Randfigur eines Internet-Bloggers auch expliziert wird: „Feminismus ist konservative Emanzipation“ erklärt dieser an einer Stelle, und der Film ist vor allem die Illustration dieser These.

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Denn Gretas Geschichte zeigt, dass in einer kaum emanzipierten Gesellschaft auch die Emanzipation der Frau ein uneingelöstes Versprechen bleiben muss. Nicht zuletzt an der Darstellung der beruflich erfolgreichen unter ihnen zeigt sich: Die Voraussetzung für ein Ausbrechen aus den Geschlechterrollen ist nach geltenden Regeln die finanzielle Unabhängigkeit, Gleichberechtigung demnach die Prämie für eine gelungene Anpassung an eine auch über Geschlechterverhältnisse hierarchisierte Gesellschaft.

Wenn Greta in einer der letzten Szenen zum ersten Mal mit tiefem Ausschnitt zu sehen ist, zum ersten Mal ihre eigene Weiblichkeit zur Schau stellt, dann ist das weit mehr als nur Ausdruck ihrer Trunkenheit und Verzweiflung. Vor allem zeigt Turanskyj damit, dass am Ende der Abwärtsspirale selbst die Scheinautonomie über den eigenen Körper im Gefängnis der Geschlechterrollen verbleibt. Wenn frau sich nicht anpasst, darf sie sich auch nicht emanzipieren. Und so lässt sich als zentrale Erkenntnis des Films das erkennen, was Greta in ihrem Rausch bewusst oder unbewusst erfährt: Flexibilität ist doch nur ein modernes Wort für Prostitution.

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