Ein Zuhause am Ende der Welt

Der junge Bobby verliert im Kindesalter seine gesamte Familie und versucht diese, in der Jugend, wie im Erwachsenenstadium, auf unkonventionelle Weise zu ersetzen. Unausgewogene Literaturverfilmung nach Michael Cunninghams gleichnamigen Roman, die ihre inszenatorischen, wie dramaturgischen Schwächen auch durch das hervorragende Schauspielensemble um Colin Farrell nicht verdecken kann.

Ein Zuhause am Ende der Welt

Ein Zuhause am Ende der Welt (A Home at the End of the World), der auf dem gleichnamigen Roman von Michael Cunningham (The Hours, 2002) basiert, erzählt die dekadenüberspannende Geschichte des verwaisten Teenagers Bobby, welcher in seinem Freund Jonathan zugleich Ersatzbruder und sexuellen Partner, sowie in dessen Eltern eine neue Familie findet. Jahre später zieht der mittlerweile zum Erwachsenen herangereifte Bobby (Colin Farrell) von Cleveland nach New York und beginnt mit dem homosexuellen Jonathan (Dallas Roberts), sowie dessen Freundin Clare (Robin Wright Penn) eine Dreierbeziehung. Als Clare ein Kind erwartet, versuchen die ungleichen Charaktere gemeinsam eine Familie aufzubauen.

Ein Zuhause am Ende der Welt ist unverkennbar das Filmdebüt eines Theaterregisseurs, was sich im positiven, wie im negativen Sinn auf das Endresultat auswirkt. Wenn Regisseure von der Bühne zur Leinwand wechseln - man denke etwa an den klassischen Fall Ingmar Bergman -, so bildet das Schauspiel meistens die tragende Säule ihrer filmischen Konstruktionen. Nicht anders verhält es sich bei Michael Mayer, der mit seinem Kinoeinstieg ein sicheres Händchen für Casting und Darstellerführung beweist. Entgegen seinem Image als Macho besetzt, überrascht Colin Farrell durch das Porträt eines bisexuellen, zerbrechlichen Antihelden ebenso wie der noch gänzlich unbekannte, doch gerade daher unverbraucht und authentisch wirkende Theatermime Dallas Roberts, während die erfahrenen Charakterdarstellerinnen Robin Wright Penn und Sissy Spacek wie stets mit soliden Leistungen überzeugen. Mayer ist es hoch anzurechnen, aus den unterschiedlichsten Schauspielern ein homogenes Ensemble geformt zu haben, das seinen Figuren Glaubwürdigkeit verleiht und es vermag, den Zuschauern ein hohes Maß an Intimität zu vermitteln.

Ein Zuhause am Ende der Welt

Wenn Regisseure von der Bühne zur Leinwand wechseln, so verlassen sie sich jedoch oftmals viel zu sehr auf die alleinige Kraft des Schauspiels und, mit Scheuklappen beschlagen, werden blind gegenüber den anderen, dem Theater nicht immanenten Ausdrucksmöglichkeiten. Mayer vermag es nicht - und dies unterscheidet ihn von einem Regisseur wie Bergman, dem die filmsprachliche Assimilation gelingt -, Bilder zu finden, die das Drama seiner Figuren transportieren. Er erzählt seinen Film größtenteils über den Dialog, so dass es zu einem jener talking heads-pictures kommt, die Hitchcock so verachtete, jene Art von Filmen, die ihre Figuren beim Miteinander-Reden schlichtweg abfilmen, ohne das dem Kino eigenen Potential des Visuellen zu erschließen. Der Inhalt des Werkes wird via Dialog in den Raum geworfen, erfährt aber keinen würdigen Rahmen, keinen Gehalt. Mayer scheitert daran, Cunninghams Roman in eine genuin filmische Sprache für die Leinwand zu übersetzen.

Doch auch Cunninghams Drehbuchadaption der eigenen Erzählung weist bereits Mängel auf. Das erste Drittel von Ein Zuhause am Ende der Welt, das die Kindheits- und Jugendgeschichte des Protagonisten erzählt, überrascht noch mit der provokanten Figur des jungen Bobby und beinhaltet durch diese die wirkungsvollsten und unkonventionellsten Szenen des Films, so etwa jene, in der Bobby Jonathans Mutter zum Kiffen verführt oder jene, in der die sexuell noch unerfahrenen Teenager Bobby und Jonathan sich gegenseitig zum Orgasmus verhelfen. Doch im weiteren Verlauf, mit Einsetzen der Geschichte des Erwachsenen Bobby, wird der Film zunehmend statischer und nutzt das Konfliktpotential der Erzählung nicht.

Ein Zuhause am Ende der Welt

Das Hauptproblem scheint dabei die Figur des Protagonisten selbst zu sein. Während Bobby zu Beginn als ein enigmatischer, seine Umwelt - und auch den Zuschauer - einnehmender, wie auch herausfordernder Jugendlicher porträtiert wird, verblasst seine Figur als Erwachsener, verkommt zu einem netten, unschuldigen jungen Mann, an dem das Faszinierendste noch sein schlechter Haarschnitt ist. Mit einer solch passiven Figur im Zentrum des Geschehens, die sich vielmehr den Gegebenheiten anpasst, als dass sie Konflikte heraufbeschwört, lässt sich nur schwerlich das Interesse des Zuschauers am weiteren Ausgang der Geschichte aufrechterhalten. Zudem zerfällt die dramaturgische Struktur in einzelne Episoden, die kaum einen gemeinsamen Spannungsbogen erkennen und zunehmend die emotionale Gebundenheit des Publikums an die Figuren schwinden lassen.

Mit seinem unkonventionellen Blick auf das Thema der Familie, deren traditionelle Grenzen in Ein Zuhause am Ende der Welt verwischen und neu definiert werden, hätte der Film ein eindringliches Werk gegen konservative amerikanische Vorstellungen von Familie werden können. Doch letztlich scheitert er am Unvermögen seines Regisseurs, dieses brisante Material adäquat für die Leinwand umzusetzen.

 

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